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Der Orient · 1850-11-16 · 46 (16.11.1850) · p. Spalte 729-730

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Journal
Der Orient
Volume
1850
Issue
46 (16.11.1850)
Date
1850-11-16
Page
Spalte 729-730 (sequence 5)
Language
German
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729 Studien. Der gewaltsame Tod des Ministers Chaj. Farchi. 730 die seit dreißig Jahren so rüstige jüdische Literatur ist stumm über einen Mann, der so sehr den jüdischen Namen verherrlicht/ und über eine Familie, die, wie die Fabier oder Cornelier inRom, zu jeder staatlichen, wohltätigen oder patriotischen Unternehmung in ihrem Lande ein mitwirkendes Glied und zu jedem Unglück ein Opfer sendet z nur ein einziger jüdischer Reisende (zugleich der einzige jüdische Beschreiber einer selbstgemachten Reise in Palästina seit Jahrhunderten) erwähnt, aber unter vielen Entstellungen und Irrthümern, der Farchi in einem periodischen, Blatte flüchtig, und der lehrreiche Verfasser der Geographie von Palästina, Joseph Schwarz, giebt in seinem ,,Tebuot Ha-Arez" (1845) eine kurze Beschreibung des Schicksals von Chaj im Farchi. Was ich selbst weiß und später mittheilen zu können hoffe, ist das Ergebniß einer mühevollen Vergleichung von mehr als fünfzig Reisewerken über Syrien aus diesem Jahrhundert, wobei die vielen Widersprüche versöhnt, die vielen, aus dem Munde unverstandener Syrer gesammelten und ausgeschmückten Mittheilmlgen geläutert, und die vielen Jrrthümer und groben Unwahrheiten berichtigt werden mußten.* Ehe ich jedoch zur Erzählung des tragischen Todes des merkwürdigen Mannes übergehe, muß ich einige übersichtliche Farbenpunkte aus seinem Leben und seiner Stellung als Staatsmann geben: In , jener großen Zeit, wo Europa mit Napoleon um Prinzip und Herrschaft rang und bis zur Gründung der Mainzer Centralkommisfion, herrschten in Syrien drei der 1) Es mag hier, erlaubt sein, auf eine merkwürdige Unterlassungssünde hinzuweisen, deren sich die historische Wissenschaftlichkeit Europa's, in Beziehung auf Asien und Afrika, schuldig macht, und die so leicht zu vermeiden wäre: Von der neueren Geschichte Asiens, Afrika's und selbst der Türkei wissen und erfahren wir außer den dürftigen Korrespondenzen in einigen Seilungen nichts, und die alte Geschichte Griechenlands und Roms liegt uns viel klarer und beglaubigter vor, als die des türkischen Reichs. Erst in fünfzig oder hundert Jahren wird wieder ein Joseph v. Hammer kommen, der uns mit der abschreckendsten Gelehrsamkeit, Unordnung und Zweideutigkeit eine voluminöse Historie des osmanischen Reiches schenken wird, und wir werden sie abermals mit tiefster Bewunderung und frommer Gläubigkeit als unser Orakel in dem Tempel der Klio aufstellen. Ist es'aber unseres stolzen Gelehrtenthums würdig, sich so abhängig von einem einzigen Hierophanten zu machen? und könnte man dieser Nothwendigkeit nicht auf die leichteste Weise ausweichend Die Großmächte Europas brauchen nur ihren Gesandschaften und Generalkonsulaten je einen gebildeten Mann mit der Mission zu attachnm, alle Ereignisse des betreffenden Landes, sei es nur in Form einer Zeittafel, zu verzeichnen, und jährlich an die Akademie der Heimat darüber zu berichten. Mit solchen Regesten in der Hand könnte man viel leichter eine zusammenhängende Geschichte der betreffenden Länder schaffen, als es später durch einseitige Studien mit kümmerlichem Quellenkram und zweideutigen Angaben von Emgebornen geschieht. Würden unsere Wildenbruch, Schultz und Schlottmann nicht die ergiebigsten -Quellen finden und benutzen können, wenn ihnen die Regierung Auftrag und Mittel-dazu bietet? edelsten Geister,, drei Personen der merkwürdigsten Geschicke und Begabung. Es waren der Moslem: Solimarr, Pascha von Acre, der Jude Chaj im Farchi, erster Minister und innigster Freund des Pascha, und — die Christin Lady Hefter Stanhope, die Freundin beider und von unglaublichem Einflüsse. Man könnte diese drei Personen die wahrhaften drei Weisen des Morgenlandes nennen, wäre nicht die Engländerin neben ihren großen Gaben und Tugenden auch etwas verrückt gewesen. Alle drei begegneten sich nicht ,blos in gleichen Bestrebungen der Menschenliebe, sondern auch in Loyalität gegen die Pforte. Farchi, dessen Vater, Saul schon beim Pascha von Damaskus Finanzminister gewesen ist, kam früh in den Staatsdienst der Pforte und arbeitete unter dem berüchtigten Dschezar, der Tausende von Personen verstümmeln lies, darunter auch Farchi, drm er die Nasenspitze abschneiden und ein Auge ausstechen lies. Keiner der Reisebeschreiber giebt «inen Grund dieser Grausamkeit an,^ aber es geschah wahrscheinlich, weil Farchi ihm in seinen Plänen gegen die Pforte nicht beistehen wollte, oder damit er nicht anderswohin gehen konnte, damit er, wie die geschändete Tamar zu ihrem ruchlosen Bruder Amnon, sagen mußte: „Du hast mich geschändet, ich muß nun bei Dir bleiben." Es scheint dieses Unglück den edlen Mann schon vor 1790 betroffen zu haben. Im Jahre 1801 hat ihn Clarke schon verstümmelt gesehen. Bei der Belagerung von Acre im Jahre 1799 durch Bonaparte war er es wohl, der die Mittel zu der so folgenreich gewordenen Verteidigung der Stadt schaffte und ordnete. Von Sir Sidney Smith, in seinen von Marryat ausgearbeiteten Denkwürdigkeiten, wird sein Name nicht erwähnt, aber dieses Machwerk spricht überhaupt mit keiner Sylbe von den Hilfsmitteln und der Umgebung Dschezar'ö. Nach dem Tode des Letzteren (1804) kam Soliman, gewesener Mamluk, zur Herrschaft, er mußte sein Paschalik aber erst von einem Usurpator, Jsmael Pascha, erkämpfen. Soliman war in vieler Hinsicht dem französischen Heinrich IV.ähnlich, und Farchi war sein Sully. Während der sechzehn Jahre der Herrschaft dieser beiden Männer blühte Syrien in bisher me gekanntem Glücke, und die Dichter 2) Wir haben anderswo über diese sonderbare Frau, diese „Königin von Palmyra", wie sie sich gern von den Syrern nennen hörte, gesprochen, und jeder Reisende in Syrien von 1812 bis 1840 brachte dem Publikum eine mehr oder weniger begründete Schilderung des Charakters der Lady. Mit dem weisen Soliman und seinem Minister stand sie in den freundschaftlichsten Beziehungen und im lebhaftesten Briefwechsel. Mit der Ermordung des Ministers fängt ihr Einfluß an zu sinken, nachdem der feige Abdalla Pascha, der Mörder Farchi's, sie noch einige Zeit mit Artigkeiten an eine gute Meinung von ihm fesselte. 3) John Wilson erzählt, Dschezar habe erklärt, Farchi sei zu schön, alle Fremde sehen nur bewundernd dm Minister an und ihn vernachlässigten sie, er müsse ihn deshalb entstellen. Diese Angabe tragt ganz das Gepräge der Unwahr-- scheinlichkeit. 4) Moniteur universal 1604.

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