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Der Orient · 1850-11-09 · 45 (9.11.1850) · p. Spalte 711-712

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Journal
Der Orient
Volume
1850
Issue
45 (9.11.1850)
Date
1850-11-09
Page
Spalte 711-712 (sequence 4)
Language
German
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711 Studien. Ueber das Bechältniß der Juden zum Staate. geschlecht gebracht. Denn die zweifachen täglichen Opfer, nämlich des Morgens und des Abends, sind für die Erlangung der guten Dinge, die Go-tt, das höchste Gute, ihnen zu diesen beiden Tageszeiten verleiht re. 10) So wie keine äußerliche materielle Herrlichkeit beständig ist, so hatte auch der Tempel seine Periode, und mit dem Osterlamme hörten auch alle anderen Opfer auf; aber an deren Stelle haben wir jetzt Gebete, wie Hosea spricht Kap. 14, 7: „Statt der Stiere wollen, wir opfern die Farren unserer Lippen. Und dreimal ist täglich unsere Bitte zu Gott: „Fülle die ganze Welt, o Herr, mit deinem Segen; denn alle Geschöpfe sind das Werk deiner Hände, wie es in den Psalmen heißt 145, 9: der Herr ist allen gütig, und erbarmt sich aller seiner Werke. 11) Ja, wir bitten auch um die Erkenntniß der Nationen, und so sagen wir in den trefflichen Gebeten am Rosch ha-Scharia (Nerrjahrstag) und am Versöhnungstage: Unser Gott und Gott unserer Väter regiere über die ganze Welt mit deinem Glanze und sei erhaben über die ganze Erde in deiner Herrlichkeit; verbreite deinen Einfluß über alle Einwohner der Welt in der herrlichen Majestät deiner Stärke, und lasse jedes Geschöpf wissen, daß du es geschaffen; und lasse jedes gebildete Ding einsehen, daß du es gebildet, und lasse alles was Athem in der Nase hat sagen, der Herr Gott hat Israel regiert, und sein Königreich ist .über, alle Herrschaften.' Und ferner: „Lasse alle Einwohner der Erde wissen und sehen, daß dir jedes Knie sich beuge und jede Zunge schwöre; vor dir, o Herr unser Gott, lasse sie sich bücken und hinwerfen; lasse sie der Würde deines Namens Ehre geben, und lasse sie alle das Ich deines Königreiches auf sich nehmen." Und wiederum: „Erstrecke deine Furcht, o Herr unser Gott, über alle deine Werke, und dein Schrecken über alles, was du geschaffen; lasse alle deine Werke dich fürchten, lasse alle Geschöpfe sich vor dir niederbücken, und lasse alle sich eine Handvoll machen (d. i. mit verbundener Eintracht), deinen Willen mit vollkommenen Herzen thun rc. Eine fast wörtliche Nachahmung des weisen Königs Salomo, der, nachdem er das Haus des Tempels zu Ende gebracht, in dem Langen Gebete 1 Kön. 8, der Heiden nicht unekngedenk war; sondern im 41. Verse sagt er: Wenn auch ein Fremder, der nicht deines Volkes ist, kommt aus fernem Lande, um deines Namens willen und kommt, daß er bete vor diesem Hause, so wollest du hören im Himmel, im Sitze deiner Wohnung, und thun alles, darum der Fremde dich anruft, aus daß alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen, daß sie auch dich fürchten, wie dem Volk Israel, und daß sie inne werden, wie dies Haus nach deinem Namen genannt sei, das ich gebaut habe. Es ist hier zu bemerken, daß, wenn ein Jsraelite beten kommt, so sagt er Vers 39: Daß du gebest einem jeglichen wie er gehandelt hat; aber bei dem Gebete eines Fremden sagt er: Und thue alles, darum der Fremde dich rnruft re. 12) Da mm alle Propheten Gebete und Fürbitten für 712 alle Menschen so gut als für die israelitische Nation gemacht haben, wie sollten wir nicht das nämliche für die Völker thun, unter denen wir wohnen re. Ezechiel sagt 23, 15: So wahr ich lebe, spricht der Herr Gott, ich mag nicht den Tod des Bösen, sondern daß der Böse von seinem Wege zurückkehre, und lebe. Wir muffen daher seine Weg>e nachahmen, und niemand bloß auf Rechnung der Religion Haffen , sondern für seine Erkenntniß bitten, und dieses ohne ihm ein Aergerniß zu geben. Diejenigen verwünschen oder verabscheuen , denen wir die Glückseligkeit, die wir genießen, schuldig sind , oder die nach ihrer eigenen Seligkeit streben, ist eine unwürdige und üble Sache; nicht aber ihre Laster und Sünden verabscheuen rc. 13) Wir haben nun in diesem Abschnitt gezeigt, daß es eine bloße Verläumdung ist, dafür zu halten, daß wir Juden Gott bitten, den Christen eine Kränkung zuzufügen, oder ihnen eine Aergerniß zu verursachen, es müßte denn sein, daß wir nicht selbst Christen sind. Wir haben im Gegentheik dargethan, daß wir täglich für sie beten — Gott um ihre Seligkeit ersuchen , ohne in Ansehung der Religion ein Aergerniß zu geben; und daß wir uns verpflichtet halten, alles dieses nach der heiligen Schrift zu verrichten. — So weit Manasse den Israel und ganz so mit ihm Asarm de Rosst, doch habe ich es vorgezogen, Manasse nach Mendelssohns Übersetzung zu geben um so Jedermann das Nachsehen leichter zu machen. Um jedoch dem etwaigen Vorwurf zu begegnen, als ob Manasse oder die Juden — um irgend Etwas zu erlangen sich gar zu servil zeigt; stelle ich Simeon ben Zemach her, der mit edlem Freimuth die Linie zieht, wie weit die Pflicht des Juden geht, dem Staate zu gehorsamen, zugleich aber auch die «Rechte des Staates, wenn er auch nicht Zwang anwenden will, auf religiösem Gebiete bestreitet. Auch hier folge ich, um das Nachsehen zu erleichtern — Jost, Geschichte der Israeliten, 8. Theil — wiewohl das Original im p'W) Manches noch -kräftiger ausspricht. Rabbi Isaak ben Scheschet ließ sich um 1344 als Oberrichcer aller zu Algier, gehörenden jüdischen Gemeinden noch vom König von Marokko bestätigen. Nach dem Tode des R. I. wollten die Gemeinden seinen Schüler und Freund, den Rabbi Simon ben Zemach zum Oberhaupte nehmen, dafern er die Bedingung, keine königliche Bestätigung nachzusuchen, einginge. Dieser nahm es um so eher an, als es seinen Gesinnungen entsprach. Er erklärte sich darüber kn einem Schreiben an einen Freund: die Gemeinde-Verfassung gehört als solche in die inneren Angelegenheiten, in die sich der Landesfürst nicht zu mischen habe; sein Einfluß betrifft nun sein Verhältniß zum Volke und des Volkes zu ihm: als beide Theile Pflichten zu erfüllen haben. Überschreitet hierin der Fürst seine Befugniß und greift in die innere Verwaltung einer Gemeinde ein, so brauchen die Rabbrnen den sonst üblichen Grundsatz: Was die Landesregierung anordnet, ist Recht — nicht anzuerkennen. Eine Anordnung der Regie-

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