Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1850)
- Date
- 1850-11-09
- Page
- Seite 179 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Gotttob keine, und so darf ich wol hoffen, Ihnen in der Folge manches Erfreuliche mittheilen zu können. (W. Bl.) Baja, 16. Oktbr. Es gibt hier, wie in jeder namhaften Gemeinde einen sogenannten ,,Brüderverein" (Cliewrah kadischa), der im Besitze eines geräumigen Hauses ist, das bis vor 5 Jahren, seit dem großen Brande zum Nothtempel verwendet, nach Einweihung unserer herrlichen Synagoge den Privatzwecken wieder zurückgegeben werden sollte. Bei dem fast jedes Jahr üblichen Vereinsmahle — seitdem ist ein volles Lustrum und darüber verstrichen — machten mehre würdige Mitglieder unserer Commune den Vorschlag, das genannte Gebäude zum Schullokale herzurichten, und zum Ruhme jenes Vereines darf ich — Augen- und Ohrenzeuge jener Verhandlung — es offen sagen, der Vorschlag fand nicht nur bei den jüngern Gliedern der Gesellschaft, die beim unaufhaltsamen Fertschreiten der mächtig drängenden Neuzeit rüstig und unverdrossen die Beine gehoben und mitgeschritten, sondern auch größtentheils bei Jenen vollen Anklang und rege Theilnahme, die aus Bequemlichkeit oder cingesogenem Vorurtheile den unserer Tage ihr Ohr verschließen, und der gewaltigen Fluth der heutigen Anforderungen an das soziale Leben nichts als ihre stumme Passivität entgegenstetlen. Dem noch in jener Nacht gefaßten Beschlüsse folgte schleunig die That. Der geräumige Saal ward rasch in 4 Helle und gesunde Lehrzimmer umgebildet — Dank dem rüstigen Treiben des biedern und unermüdlichen Gemeindegliedes Herrn A. Traub' -— auf Kosten der Gemeinde die nothwendigste Einrichtung herb eigeschafft, 5 Lehrer im Wege des Coneurses ausgenommen, unter recht angemessenen Bedingungen, und unter Garantie der Gemeinde selbst. Dieß der Ursprung unserer Schule. — Zum Frommen jener sei dies gesagt, die heute noch im starren Vorurtheile befangen, oder pekuniäre Rücksicht über Alles stellend, nichts thun fürs allgemeine Wohl, und mit der Gabe von achtzehu Kreuzern, die sie etwa zweimal im Jahre dem ,,Kinder-Erziehungsverein," notgedrungen auü Eitelkeit w i d m e n, sich jeder weitern Verpflichtung dem Gemeindewohl gegenüber Ein für alle Male überhoben wähnen. „Ex parvis ad majoru.“ Dies unser Wahlspruch in Bezug auf diese Schule. Nächstens wieder. (W. Bl.) Czernowih, im Oktober. In dem eine halbe Meile von hier liegenden Städtchen Sadagora ist das Haupt aller Chasidim, der Rabbi Srultschi gestorben und soll einVermögen von nahe an einer halben Million hinterlassen haben. Vor Kurzem hat er unweit Beezacz, im Czortkower Kreis das Dorf Potok für beinahe 100000 Gulden C. M. gekauft. Auf die Zuckerraffiuerie Tlumaez hat er eine Forderung von 80000 Gulden C. M., und außerdem sollen 200000 fl. in klingenden Zwanzigern, Dukaten und Imperiales vorgefunden worden sein. Nebstbei sollen die Gold- und Silbergeschirre, wie die kostbaren Steine, in den allerkunstvollsten Arbeiten einen fast unschätzbaren Werth haben. Dieses Vermögen verdankt der Rabbi dem Aberglauben und den Vorurtheilen der russischen und galizischen Juden, welche fortwährend aus der entferntesten Gegend zu ihm wallfahrten und ihre weltlichen wie häuslichen Geschäfte und Beforgniffe ihm mitthcilteu, und für seine Fürsprache bei den guten Geistern wie für den Kampf mit bösen Dämonen, welche die Juden verfolgen, große Opsergaben brachten. Arm und Reich trug sein Schärflein bei, Viele richteten sich zu Grunde, um nur in der Nähe des Rabbi zu leben, was natürlich nicht sehr wohlfeil war. Die Behörden haben diesen Unfug, Äcse.'Verdummung, dieses Ausbeuten des Aberglaubens geduldet, weil sie vielleicht von dem Umfange des Mißbrauches nicht gehörig in Kenntniß gefetzt waren. Jetzt aber, wo man diese enorme Hinterlassenschaft in Betracht ziehen kann, wo man den Eindruck, den der Tod dieses Rabbifürsten hervorbrachte, beurtheilen kann, da sowohl in Czernowitz als viele Meilen in der Umgegend alle Handtungell geschlossen waren und alles sich in Trauer hüllte, und in vielen Synagogen eine Todtenfeier abgehalten wurde; jetzt können die Behörden die Größe des von dem Rabbi ausgeübten Einflusses auf die armen Betrogenen leicht beurtheilen. Hoffentlich wird auch die Regierung selbst auf diesen schreienden Unfug ihre Aufmerksamkeit richten, damit den auf denselben Aberglauben spekulirenden Rab¬ bis, die sich auf Kosten des verblendeten, unwissenden Volkes bereichern, das Handwerk endlich gelegt werde. (W. Bl.) Bsrr hex MLLrnrsel, nn Oktbr. Die geistigen Zustände der ungarischen Israeliten, wenn man ein Chaos von Ordnungslosigkeit und verjährten Mißbrauch so nennen darf, dürsten denn doch mit Nächstem lichter werden und höchsten Orts gehörige Würdigung finden. Vor Allem bestätigt sich noch immer die alte aber um so traurigere Erfahrung, daß unter hundert gemeinnützigen zeitgemäßen Vorschläge!:, die hie und da in größer» Gemeinden sich geltend machen wollen, nenn und neunzig an der Indolenz oder gar an dem abgewandten Sinne der geistlichen „Führer" scheitern, die jetzt in komischer Nachfolge anderer Kirchenhäupter ebenfalls ihre niorschen Sitze zu restaunren, ihre längst verwirkte Autorität mit Hilfe der weltlichen Macht wieder aufzufrischeil ftlchen. Wir wollen nach einem abgelebten Systeme, dessen letzte Frist ohnehin im Niedergänge begriffen, — nicht noch mit Füßen stoßen, noch auch schadenfroh mit Fingern, zeigen nach Greisen, die dem gesunden Menschenverstände, selbst göttlichen Aussprüchen zum Hohn das servuin arbitrium auf unfern Boden verpflanzen, den Geist der Unduldsamkeit, der Verfolgungssucht und — vielleicht gar der erbaulichen Glaubensakte in echt spanischem Geschmacke wiedcrheraufbeschwören möchten. — Nur darzuthun, daß der Kern