Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1850
- Issue
- 43 (26.10.1850)
- Date
- 1850-10-26
- Page
- Spalte 679-680 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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679 680 Studien. Ueber das Werhä'ltniß der Juden zum Staate. So haben auch in der aller-jüngsten Zeit die Juden von den entgegengesetztesten Seiten Schmähungen und Angriffe zu erdulden gehabt; den Demokraten waren sie zu konservativ, den Konservativen zu demokratisch. Obgleich dieses dem Ehrlichen, Unbefangenen die Augen hätte offnen und ihm den richtigen Maßstab zur Hand geben muffen; vom Religiösen und Socialen ganz abzustehen und sich nur an dem Einzelnen als Individuum zu halten; — wie ja z. B. es auch Keinem einfällt, die verruchte That eines Wahnsinnigen etwa der Potsdamer Militär-Waisen-Anstalt zur Last zu legen — so sehen wir leider doch, wie den Juden gegenüber die Macht des Wahns und der Vorurtheile noch so stark ist, daß sie keine Besonnenheit und Ueberleguug aufkommen läßt. Wir nehmen damit noch die glimpflichste Entschuldigung für die sogenannten Judenfresser an, da wir zur Ehre der Menschheit nicht glauben wollen, daß ein wohlberechneter Plan die Juden als Sündenböcke vorzuschieben, oder rafsi'nicte Bosheit den Argwohn von sich ab- und auf Unschuldige zu lenken sucht. Außerdem mag hierzu die gänzliche Uribekanntschast mit dem jüdischen Leben kommen, das man aus Bequemlichkeit auch weiter nicht kennen lernen will, sondern lieber in Bausch und Bogen verdammt. Diese, im gewöhnlichen Menschen vorwaltende Trägheit, bestimmt ihn sogar die Anklage, noch weiter auszudehnen und alles in der Zeit auftauchende, die Bequemlichkeit störende Neue mit zu verdächtigen, und wo möglich zu unterdrücken. Dies giebt sich jetzt besonders auf religiösem Gebiete kund, wo schon die Erfahrung genug belehren sollte, wie gerade d a jeder Druck um so mehr erkräftigt, und das Blut der Märtyrer den Boden am fruchtbarsten macht und am meisten zum Gedeihen des jungen Keimes beiträgt. Das böse Beispiel wirkt aber so ansteckend, daß selbst bei den Juden einzelne — mit Freude sei es gesagt, nur sehr wenige — Stimmen sich erheben, um die ihnen mißliebige Reformpartei politisch zu verdächtigen. Wie wir bereits gesagt haben, sind es aber nur Wenige, und glauben wir uns nicht zu täuschen, wenn wir die Hoffnung aussprechen, daß diese Verdächtigungen bald aufhören werden, und gar nicht vorgekommen wären, wenn nicht eben das schlechte Beispiel von anderswo, und die ebenfalls nicht zu rechtfertigenden früheren Angriffe der sogenannten Reformer gegen die Orthodoxen, diese aufgeregt und somit für kurze Zeit zu solchen Ungerechtigkeiten hingerissen hätte. Wie wenig demokratische Gesinnung mit der modernen Bildung bei dem jüdischen Religionslehrer im Zusammenhänge steht, hat auf eine übertriebene Weise ein nun bereits verstorbener Rabbiner —- wir nennen deshalb seinen Namen nicht vor einigen Jahren dargethan. Derselbe hat nämlich das Schreiben am Sabbat den jüdischen Gymnasiasten anbefohlen und es mit nirvotai Njrj begründen wollen, und es in seinem Eifer als Staatsdiener ganz übersehen, wie eben nur im Talmud von also von politischen und Rechtsgesetzen, keineswegs aber von religiösen Entscheidungen die Rede ist.* Andererseits könnten wir wieder viele orthodoxe Rabbiner nennen, die mit vielem Eifer der demokratischen Richtung folgten, wenn es überhaupt erst dieser Beispiele bedürfte. Jeder wird gewiß im Kreise seiner Bekannten ähnliche Erfahrungen gemacht haben und sich somit selbst sagen: wie keineswegs die Richtung einer Partei, sondern die persönliche Ansicht und Ueberzeugung das ehrliche Individuum bestimmt, nach irgend einer Seite hin sich anzuschlkeßen. Bei dem Allen könnte es aber doch manche Juden geben, die selbst nach dieser gewonnenen Ueberzeugung, bei ihrer Unbekanntschaft mit dem Judenthum und den häufig vorkommenden Anklagen gegen dasselbe, noch immer zweifelhaft sein dürften, ob nicht im ganzen Judenthume überhaupt irgend eine revolutionäre Tendenz vorwalte? Für diese — aber nur für diese, denn wirkliche Judenfresser zu bekehren schmeichle ich mir nicht — will ich denn die allgemein anerkannten Ansichten einiger älteren jüdischen Autaritäten zu ihrer Überzeugung zusammenstellcn^ Zuvor muß ich nun noch sagen, wie das biblische Judenthum keiner Negierungsform das Wort spricht, sondern es einer jeden Zeit, ihrem Kulturzustande und ihrem Bedürfnisse überläßt, die ihr paffende zu wählen oder feftzuhalten. Nur der Talmud erklärt sich, mit einer bei ihm sonst seltenen Uebereinstimmung für das monarchische Prinzip, und zwar für die erbliche Monarchie, was er alles aus Deuteronomium 17, 15. 20 herzuleiten sucht. (So Sanh. 20 b. Keritot 5 b. Sifri und Maimuni Hilchot Melachim 1, 5. 6.) Die Mischna, Horajot 10 a stellt den Fürsten — worunter sie König versteht, auch heißt der König Richter Sota 45 a — so hoch, daß sie ihn, mit Bezugnahme auf Levit. 4, 22, nur Gott allem verantwortlich hält, dennoch aber fügt 105 Rabbi Jochanan ben Sakkai hinzu: Heil dem Volke, dessen Fürst ein Opfer bringt, wenn er geirrt hat! —' Ich fyiett es deshalb nöthig, hier so ausführlich zu werden und die Belegstellen nachzuweism, weil die Allgemeine Gewerbe-Zeitung für Preußen in Nr. 12 l. I. sagte: „daß die Juden grundsätzlich kein Königthum anerkennen, sondern durch die talmudischen Lehren geradezu zu einer Republik geführt werden;" — ehr- und schamlos aber genug ist eine solche Anklage, die einer ganzen achtbaren, hierbei jedoch keines Unheils fähigen Stand — das Blatt ist für den Gewerbestand — gegen die Juden aufwiegeln soll hinzuftelttn, ohne auch nur durch eine scheinbare Begründung die schändlichen Lügen zu bemänteln. *) Daß der Talmud unter wirklich nur politische und Rechrsgesetze, keineswegs aber, religiöse versteht, dürfte am klarsten aus dem Ausspruch Bechorot 49 b 21D Nnsbn WD twiDtSOl niD'N3 ersichtlich sein.