Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1850)
- Date
- 1850-10-26
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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171 tragen wurde. Den Zug eröffneien die Kinder der Gemeinde, von welchen ein weißgekleidetes Mädchen den Schlüssel zur Synagoge auf einem Kissen trug und den die andern Kinder, Kränze tragend, paarweise folgten. Daran schloß sich der Baldachin mit den Toraträgern, hierauf folgte der Baumeister vom Vorstand begleitet, dann kamen die geladenen Gäste und zuletzt die Gemeinde. Den Zug begleiteten eine Menge Zuschauer aller Klassen, jedoch mit dem größten Anstand und mit Achtung vor dem heiligen Akte. Beim Tempel angelangt übergab der Baumeister den Schlüssel unter üblichen Gewerksworten dem Vorsteher, welcher die Thüre öffnete und die Einzutretenden mit den Worten: oorü 'i DBO DW'DH, (Beit gegrüßt im Namen Gottes! empfing. Nach dem Eintritt in den Tempel sprach der Geistliche, Hr. Dr. Lew y so hu aus Franks, a. d. O. das Gebet 1DD nß hebr. und deutsch, woraus der hiesige Vtältuergesangvereiu lbestehend aus 20 christlichen Mitgliedern) den Gesang anstimmte, während dessen die Toratrager einen dreimaligen Umzug um das Almemar machten. Hieran schloß sich unmittelbar die vom Gesangverein vorgetragene, von Berner so herrlich in Musik gesetzte Hymne: „der Herr ist Gott :c." unter Abwechselung von Solls und kräftigen Chorstimmen. Alsdann begann Dr. L. die Weihrede, als Einleitungstert nahm er: pyo raiN ” re., als Haupttext 1 Sam. 22, 7. Er zeigte, wie es Pflichten giebt ein Gotteshaus zu bauen, und wie andererseits das erbaute Gotteshaus neue Pflichten anserlegt, beide Arten von Pflichterfüllungen bestehen in der dreifachen Beziehung des Menschen zu sich, zur Familie und zur Menschheit. Die Predigt schloß, womit sie begonnen, mit dem heiligen Namen Gottes iDtt wh mnnm1? iwi N3\ Die Predigt war eine der gediegendstcn ihrer Art, der Eindruck, den sie auf jeden Einzelnen hervvrbrachte ist gewiß ein seltner. Der Redner bezeichuete als dritte Pflicht des JSraelitm, die ihm das Gotteshaus abverlangt: die Menschenliebe und wendete sich an die christlichen Zuhörer, indem er ihnen znrief, sie mögen nicht glauben, daß dies dem israel. Glauben, den jüdischen Nationalgebeteu widerspräche, indem er aus Bibel und Talmud darthat, daß gerade die Stätte der jüd. Gottverehrung dem Betenden zürnst: ,,Sei Israelit, bleibe aber vor Allem Mensch im weitesten Sinne des Worts!" Wir wiederholen hier unfern herzlichsten Dank gegen diesen geehrten Geistlichen und schließen uns der Würdigung an, die er im hiesigen Wochenblatt bereits von christlicher Seite empfangen. Nach der Predigt felgte ein vom hiesigen israel. Lehrer, Hrn. G rundum, eigens zur Feier gedichtetes Lied, worauf der Geistliche die Einweihungsformel und den Segen sprach. Rach dem verrichteten Maribgebet, begab sich dergcordlie*e Zug nach dem Rathhaussaal, wo ein geselliges Mahl das Fest beschloß. Ein israel. Gemeindemitglied * brachte zuerst ein Hoch auf das Leben Sr. Maj. des Königs aus. Der Landrath ließ die schöne Einigkeit der hiesigen konfessionell geschiedenen Bürger hochleben. Der evangelische Pfarrer, Hr. Prediger S losch brachte ein Hoch dem jüd. Prediger und es war wahrlich ein wohlthuender Anblick, wie die beiden Gottesdiener in freundlicher Umarmung dm konfessionellen Frieden mit Brnderknß besiegelten. Nachdem man einige Stunden beisammen blieb, trennte man sich in der freudigsten Stimmung und in herzlichster Eintracht. . So schloß die Feier, die noch lange in unserer Erinnerung fortleben wird und wünschen wir, daß der Geist der Liebe und der Gottesfurcht alle Menschenherzen bald durchströmen und beglücken möge! Hr. Dr. L ew Y so h n hatte die Freundlichkeit unserer Einladung zu folgen und erfreuete uns an Schemini Azeret mit einer zweiten Predigt. Der Vorstand der jüd. Gemeinde zu Drosten. S. Guthmann. Falk. Altona, im Sptbr. Der Redaeteur des Zions- Wächters, Organs des orthodoxen Judenthums, zeigt seinen Lesern an, daß er sich nun zur Ruhe begibt, weil von Seiten der Reform- oder Umsturz-Partei im Judenthiune nichts mehr zu fürchten sei, da Israel aus dieser Prüfung siegreich und neu gestärkt hervorgegangen. Freunden und Feinden versichert der Wächter, wenn das Interesse des Jndenthums es erheischen solle, werde er muthig und gerüstet sich wieder auf dem Karnpfplatze einfinden. Wenn es in der That so wäre, hätten wir uns über diese Siegesbotschaft und deren Erfolg innig gefreut» Aber, merkwürdig genug, derselbe Redaeteur flndet sich gemüssigt, ein Gutachten vom Herrn Ober-Rabiner Ettlingen über Misch-Eheu zu veröffeutlicherr und allgemein zu verbreiten, welches in demselben Blatte mit großen Lettern abgedruckt, und durch mehrere Tagesblätter fei! geboten worden. Dieses Gutachten steht im grellen Widerspruch mit dem ausgesprochenen Sieges - Bulletin, denn schon der Umstand, daß es nöthig gefunden, über Misch-Ehe ein Gutachten abzugeben, ist für das Judenthum bestimmt kein Siegeszeigen und nicht erquickend und da allgemein bekannt ist, daß jenes Gutachten nicht einmal berücksichtigt wurde, wohl einleuchtend daß die Umsturz-Partei noch genug zu befürchten sei. Es ist keineswegs unsere Absicht, durch diese öffentliche Rüge den Wächter zu bewegen, wieder auf die Zinnen Zions zur Wache zu ziehen; wir haben nie zu solchen Wächtern unser Vertrauen gehabt; nie haben wir von ihnen und ihren Anhängern und ihrem Treiben ein Heil für das Jndenthum erwartet; unser Vertrauen haben wir zum Wächter Israels, der „nicht schlummert und nicht schläft," und ein Heil für das Judenthum ist nur zu erzielen, wenn Volkslehrer und Leiter angestellt