Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1850-10-19 · Heft 42 (19.10.1850) · p. Seite 167

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 42 (19.10.1850)
Date
1850-10-19
Page
Seite 167 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360634-2360677--7188-3536053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

167 den Gesetzvorschlag vorzubringen habe? wurde ihm mit einem einstimmigen „elfogadjur! maradjon!“ (Wir nehmen ihn an! Er bleibe!) geantwortet. „Kraft der einstimmigen Erklärung des g. Repräsentantenhauses — sprach hierauf der edle Greis mit klarer aber vor Freude und Rührung zitternder Stimme — wird hiermit der unterbreitete Gesetzvorschlag zum Gesetz und durch dasselbe der jsrael. Bewohner Ungarn's zum vollberechtigten Bürger des Vaterlandes erhoben". . . Diese rasche und einstimmige Erledigung der Judenfrage stehet in der Emancipationsgeschichte beispiellos da; aber gewiß war auch die Freude des eben emancipirten Juden nie von so kurzer Dauer als hier. Denn kaum war dieser Gegenstand erledigt als Szemere den Beschluß der Regierung.mittheilte: Szegedin ohne Widerstandsversuch zu räumen. Wohin sie sich begeben werde, wisse sie selbst noch nicht. Viele ahneten, Manche sagten es schon jetzt offen: jn's Ausland.— Als ich dm Berathungssaal verließ, fand ich den Hofraum des Rathhauses, von Juden überfüllt. Die kleine Gallerie hatte sie nicht zu fassen vermocht und sie hatten hier unten die Entscheidung über die, sie so nahe berührende Frage abgewartet. Die günstige Entscheidung hatte sie mit Freude erfüllt, die aber nur zu bald getrübt wurde als sie die Entfernung der Regierung von Szegedin vernahmen. Sie wußten wie arg es nun mit dem alten Ungarn, wie arg mit ihrer kaum gebornen Emancipation stehe ... Zwischen den dichtgedrängten Gruppen jüd. Neugieriger die vor dem Rathhause standen, schlich ein altergraues Männchen, mit Thronen in den Augen und einem bittern Lächeln der Ironie auf den Lippen, geschäftig einher. Seine Rechte hielt eine kleine Blechbüchse, in der einige Kupfermünzen waren mit denen er unablässig klingelte, während er dazu mit der bekannten tiefen Baßstimme, das bei jüd. Leichenbegängniffcn übliche „Zedakah tazil mimawet“ (fromme Spenden retten vom Verderben) recitirte. „Wer ist denn gestorben?" fragte ich erschreckt, und wer wird denn heute., am Sabbat begraben?" „Die ungarische Republik", antwortete mit dumpfer schmerzerstickter Stimme der Gefragte. „Und um in Abraham's Schooß sanft ruhen zu können, hat sie uns vor ihrem Hinscheiden als frommes Legat die — Emancipation vermacht. Friede ihrer Asche!" . . . Deutschland. Stettin, im Sptbr. Aus der hiesigen jüdischen Gemeinde kommt selten etwas durch die jüdische Tagcöpresse zur Oessentlichkeit, nicht aber aus Mangel an Vorgängen und Erscheinungen, sondern ans Mangel an Nefereuten, und es kann von ihr gelten m niD3 bl HQvib Der syuagogale Kultus wurde der Zeit Ulld der höheren Gesittung entsprechend modificirt und die Kritik unserer Journalistik schwieg; es erschien hier „Der Prinz und Derwisch" von Dr. Meisel, und ist bisher noch nicht reeensirt; es spielten während der Re-, volution hiesige israel. Männer bedeutsame-Rollen, und ihre Namen sind der Jndenheit ebensowenig bekannt worden, wie ihre Leistungen; fast ein Jahr bald spukt die leidige Angelegenheit der freien christl. Gemeinde in unserer Mitte, erzeugt täglich zwischen den Parteien die gröbsten gehässigen Ausfälle, und unsere Blätter, die sich jedes Ereignisses bemächtigen, das kaum in dem Weichbild eines Städtchens nachhaltig wirkt, lassen ein Faktum unerörtert, das die ganze Judenheit warm interessiren mußte, weil es ihre bisherige selbstständige, heldenhafte Entwickelung zu paralysiren droht. Ein Reisender zwar schrieb Ihnen unter dem 10. April ans Posen: „Einem „vn dit“ zu Folge soll der Oberrabbiner von Posen, von der Stettiner Judenschast angeftagt, ob sie ihre Synagoge der freien evangel. Gemeinde zur Abhaltung deS Gottesdienstes einräumen dürfe, dies erlaubt und sich dabei auf 1 Kon, 8, 41—43 berufen haben; der Rabb. Dr. Meisel in Stettin soll sich bei dieser Gelegenheit weniger tolerant benommen habenaber dieser Voyageur hätte besser gethan, aus „vn dit's" keine Geschichte zu machen. Officiell kann ich Ihnen versichern, daß die hiesige Gemeinde weder einen Rabbiner zu Posen noch sonst wo in dieser Angelegenheit angeftagt, sondern die Entscheidung einzig und allein dem Dr. Meisel anh.i.ngegcben, dieser aber, die Schwierigkeit seiner Lage wohl ermessend an die Dr. Frankel und Sachs sich gewendet und die Antworten erhalten hat, die Ihnen bekannt sind. Fremd aber dürste Ihnen die Antwort sein, welche „Abner" in seinem Schreiben an „Amiti" in Nr. 86 des Orients berührt, als von einem Manne kommend, „den man bisher bei allen relig. Streitigkeiten stets in den ersten Reihen kämpfend erblickte, der aber damals nicht zu löschen brauchte, da es in seinem Hause nicht brannte", und ich will Ihnen dieses interessante Schnstchen wortgetreu mittheilcn, jyD1? btnw rrnn. Es lautet: Breslau, 6. März 1850. Hrn. Nabb. Dr. Meisel, Ehrw. in Stettin. Sie fragen mich in Ihrem geehrten Schreiben vom 3. d. an, wie ich mich verhalten würde, wenn eine sog. „freie christl. Gemeinde" meine Gemeinde angehen würde, daß ihr die zeitweilige Benutzung der Synagoge gestattet werde, zu einer Zeit und in einer Art, daß unser Gottesdienst nicht gestört werde? Daraus muß ich folgendes erwiedern: Fragen so zarter Natur, deren Entscheidung nach beiden Seiten hin nicht unbedenklich ist, lasse ich für mick, unentschieden, bis die Verhältnisse mich zu einer Entscheidung drängen, und umsomehr, als die verschiedenartigsten Verhältnisse von einem sehr bestimmenden Einflüsse bei der Beantwortung sein können, daher die umsichtigste Erwägung erforderlich ist. Diese Prüfling der einzelnen Verhältnisse ist nun für einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.