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Der Orient · 1850-10-12 · Heft 41 (12.10.1850) · p. Seite 163

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 41 (12.10.1850)
Date
1850-10-12
Page
Seite 163 (sequence 5)
Language
German
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163 - Dieser und anderer Differenzen willen war der diesfällige Gesetzvorschlag noch unveendet, als sich die Regierung in Folge der unglücklichen Schlacht bei Raab schon in den ersten Zulitagen zur abermaligen Entfernung von Buda-Pesth genöthigt sah. Zn Szegedin angelangt war sie allerdings mit ivichligern Lebensfragen beschäftigt, um an jenen Gcsetzvorschlag denken zu können, und in der ersten Reichstagssitzung, welche daselbst am 31. Juli abgehalten wurde, waren die Landcsva'ter selbst von allzuschweren Sorgen erdrückt, als daß sie an die Aufrichtung anderer Gedrückten hätten denken kennen. (Beschluß folgt.) Deutschland. Berlin, am 18. Septmbr. Während der verffoffeucn hohen Tage, des Neujahrs- und VersohnungSsisteö fand in einem hiesigen Locale ein von mehreren Gemeinde- Mitgliedern veranstalteter Privat - Gottesdienst Statt, an dem mehrere Hundert Personen Theil nahmen. — Hut dem Gottesdienste die würdige und angemessene Feier zu verleihen, ward ein hier weilender talentvoller Studirendcr, der Nabbinats-Candidat Hr. Moritz La n d sberg, Sohn des Rabbiners zu Leslau in Schlesien, ausgefordert, die Festpredigtcn zu halten. Der junge Mann, der am ersten Neujahrstage zum ersten Male die Kanzel bestieg, erwarb sich so sehr den Beisall der versammelten andächtigen Zuhörer, daß er noch an demselben Tage die Aufforderung erhielt, auch am Bersöhmmgötage die andächtige Menge mit seiner Predigt zu erbauen. Auch die Predigt am Sühnetage war in gutem Style gehalten, höchst lehrreich und erbauend; einen sichtlichen Eindruck machte ganz besonders das der Predigt voraugeschickte Gebet, wobei der Redner mit großer Begeisterung, das fast alle Anwesenden, besonders aber die Damen, andächtig gestimmt wurden. Diesem angehenden Prediger ist dies jedenfalls ein gutes Prognosticon zur baldigen Erlangung einer ordentlichen Stelle und können wir Herrn L. mit Recht um so mehr empfehlen, da er sich in der jüdischen Theologie recht tüchtige Kenntnisse verschafft und sich nie einen Verstoß gegen Religion und . Moral zu Schulden kommen ließ; Eigenschaften, die in unserer jetzigen Zeit nicht sehr häufig bei den Herren Rabbinats-Kandidaten Vorkommen dürften. — P. Großherzogthum Posen, Ende Sptbr. Wanun denn gar Nichts mehr aus den Gemeinden des ^roßherzogthums? — Weil eben Nichts zu berich- 1 c n vorhanden, wenigstens nichts I n t er e ssanies. — Ist das interessant, daß z. B. in Lissa ein neues KTHttn crn gebaut und in Raw icz weder ein Cantor noch ein Rabbiner ausgenommen wird? Oder, daß in Posen -eine -Synagoge mvdernisirt und in Tirschtigl eine „neue Reform" geboren worden? Daß man in Schneidern nhl einen alten Rabbi pensionirt und in Rakel um Alles in der Welt keinen dritten Lehrer anstellt? Daß in Rogasen und Jnnowraelaw keine „Reform^ zu Stande kommen kann, und der deutsche Rabbiner von Filehne nach Danzig versetzt ist? Daß in Gnesen die reaktionären Bestrebungen der Orthodoxie unterdrückt werden, und Gr ätz noch immer nicht fortschreiten will? —Lieber Leserl wenn dies Alles interessant ist, so weißt du. für heute genug. Nächstens mehr. Alles auf Einmal kann nicht gegeben werden. — Irr Posen ist zu Ende vorigen Monats von der dasigen römisch-katholischen Bevölkerung ein kirchliches Fest begangen worden, wie es in seiner Art vielleicht einzig dastehen dürste. Der öffentliche Anschlag, durch den dasselbe eine Woche vorher angeküudigt ward, lautete: ,Morgen, den 24., findet das Fest der Durchstechung der allerheiligsten drei Hostien in der Jesus- Kapelle nach üblichem Brauche statt, wozu die katholische Bevölkerung hiermit ungeladen wird." Bor vielen Dccenm'en nämlich sollen Posener Juden durch Mitwirkung einer. Christin drei geweihte Hostien erhalten, dieselben mit Messern durchstochen und daraus zu ihrem Schrecken haben Blut hervorquellen sehen. Einige Tropfen desselben hätten die Augen einer blinden Jüdin berührt, die dadurch sofort sehend ward. Eine ganze Reihe erfolgter Wunder hätte daraus die Juden in Schrecken gesetzt, daß sie, nachdem sich Feuer und Wasser als unwirksam zur Vernichtung derselben erwiesen hatten, die gefährlichen Hostien in einen Sumpf warfen, wo deren Gegenwart dadurch verrathen ward-, daß weidende Heerden dort vor ihnen brüllend niederknieten. Unter Folterqualen gestanden die cingczogenen unglücklichen Juden Alles, was man von ihnen verlangte. Eine Menge derselben ward durch das Schwert hingerichtet, der ganzen Posener Judenschaft entehrende Strafen auferlegt, die noch biö auf die jüngste Zeit exekutirt wurden. Ganz dasselbe Faktum wiederholt sich in der polnischen Geschichte auch in Schwetz; auch dort mußten die Inden, wie in Posen, mit Geld und Leben für einen Frevel büßen, den ihnen die krasseste Unwissenheit aufgebürdet und Folterqualen erpreßt hatten. Gern entschuldigen wir solche im Namen der Religion verübte Gräuel mit der. Zeit., in der sie geschehen sind; — wenn aber in unserer Zeit, im 19. Jahrhundert, Nonnen Blut, zu schwitzen, hölzerne Madonnen Thränen zu vergießen a n f ange n, wenn christliche Prediger zum Text ihrer Predigten die Geschichte von den drei g.e marterten allerheiligst en Hostien wählen —- dann ist's Zeit, mit Lukas zu rufen:. „Herr, bleib' bei nns, denn es i will Abend werden!"

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