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Der Orient · 1850-10-12 · Heft 41 (12.10.1850) · p. Seite 162

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 41 (12.10.1850)
Date
1850-10-12
Page
Seite 162 (sequence 3)
Language
German
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- 162 - zusammengedrängt, um baldmöglichst die-.gewi'chp'ge'Entscheidung aus dem Munde der Landesväter zu vermhmen. Man denke hierzu das ungestüme Rennen Jener, welche diese Entscheidung schon im Voraus kannten und rasch flüchten wollte^ das Gerassel der zahllosen, mit der Banknotenpreffe, den Negierungsarchiven, den kranken Soldaten u. s. w. retirkrenden Wagen, das Drängen der ein- und 'ausmarschirenden Bataillone, das Schreien und Fluchen der mehr sanguinischen Patrioten, das Klagen und Jammern der Kleinmüthigern; und man hat ein getreues Abbild von dem Anblick, den der szegediner Marktplatz am Morgen jenes denkwürdigen Tages darbot. Unter der dichtgedrängten Masse war das Haus Israel urrverhaltnißrnäßig stark vertreten. Hier sah man die große Zahl der aus Buda-Pesth und andern Orten der Regierung hierher gefolgten jüd. Literaten, Lieferanten, Handwerker und einige,Beamte; dort [bte wackere jüd. Jugend Sz.'s, theils m Gardeuniform, da sie sehr fleißig im Dienste war, theils in den werten Blousen und den kleinen gelbledernen Tornister umgehängt, wie dies in der Sommerrepublik Mode geworden; an ihrer Seite standen die ältern und frömmer» Männer, die alten Ueberlieferungen trotzend, diesmal auch am Trauersabbat (Sabbat - Chason) die festliche Sabbatkleidung angelegt und Manche von einer Synagoge kommend, Manche eben dahin gehend, sich mit dem Gebetmantel und der Bibel unterm Arm der harrenden Menge beigesellt hatten. Von den Trauerfalten, in welche, zur würdigen Vorbereitung auf das noch am Abend desselbenZ Tages abzusingende Klagelied Jeremia's, das Gesicht vorschriftsmäßig gelegt sein mußte, war heute auch bei den Orthodoxesten keine Spur zu finden. Auch sie schienen den Untergang Jerusalems, den sie Morgen als am 9. Ab beweinen sollten, ganz zu vergessen und nur in der Gegenwart zu leben.' Ihre Mienen drückten nur Neugier und bange Erwartung aus. Allerdings waren die hierher geflüchteten wie die hier ansässigen Israeliten patriotisch genug, um sich an der oberwähnten wichtigen Entscheidung, welche die heutige Reichs- Lagssitzung bringen sollte, lebhaft zu interessiren. Aber wenn man sah wie sich da ein kleiner Kreis von Juden von der übrigen Menge isolirte und untereinander leise aber lebhaft diskutirte, wie dort ein Jude sich von seinem christlichen Nebenmann abwendete um dem fernersteyenden jüdischen Bekannten eine Mittheilung zu machen oder abzufordern, so mußte man vermuthen, daß sie nächst dem patriotischen noch ein besonderes Interesse heute hierher gelockt habe. Dafür sprach auch die bereits erwähnte starke Vertretung der Juden. Der Sabbatmuße allein konnte diese nicht zugeschriehen werden, denn die modernen Juden Szegedin's lassen sich selbst m gewöhnlicher, geschweige denn in jener stürmischbewegten und geschäftreichen Zeit durch den Sabbat nur wenig in ihren Verrichtungen stören, während andererseits die patriotische Neugierde des ältern Geschlechts sich gewöhnlich mit den aus zweiter Quelle ihm zukommenden Nachrichten zu begnügen, und die Alten sich nicht in eigner Person hierher zu drängen pflegten. Wirklich sollte diese, allseitig mit patriotischer Ungeduld erwartete Reichstagssitzung für den Juden noch von besonderem Interesse sein; denn es sollte hier so war es im Publikum verlautet — endlich die langgewünschte und bisher versagte Emaneiparion ausgesprochen werden. Noch glaubten Viele am Sieg der ungarischen Sache und hofften daher von der Emancipation eine glanzende und freudenvolle Zukunft für das ungarische Judenthüm. Andere ahnten wohl, daß eine von der Ungar. Regierung jetzt ausgesprochene Gleich, stellung nur die Einladung zur Lheilnahme an den Leiden, nicht an den Freuden der Nation sein könne; nichts desto, weniger wollten sie sich durch eigene Anschauung überzeugen, in welcher Weise die Negierung ihr an Juden geübtes Unrecht gucmachen und welche Aufnahme ihr Vorschlag finden werde. Daher das zahlreiche Herbeiströmen der Juden, um Augen- und Ohrenzeugen dieser für sie vielleicht folgereichen, jedenfalls aber höchst interessanten Sitzung zu sein. Wir haben den gegenwärtigen Ministerpräsidenten Bar, tolomaus Szemere, in seinem Verhalten zur Judenfrage schon in der ersten Epoche der Ungar. Revolution, wo er als Minister des Innern fungirt hatte, näher charakterisirt. Er war in diesem Punkte auch jetzt noch der alte geblieben. Als er nach dem 14. April zum Ministerpräsidenten ernannt worden und indem Programm, welches er am 2. Mai dem Reichstag zu Debreczin vorgelegt, seine Negierung als eine „revolutionär - demokratisch - republikanische" bezeichnet hatte, wurde er auch über die künftige Stellung der Juden interpellirt. Er wollte jedoch nicht anerkennen, daß ihre Gleichstellung von selbst aus den Regiecungsgrundsätzen, die er so eben aufgestellt, fließe, sondern versprach, bei Gelegenheit einen eigenen Gesitzvorschlag über die Emancipation einzuvringen. Er und Justizminister Vukowics wurden sodann reichstäglich mit dessen Ausarbeitung beauftragt. In den wenigen Sitzungen,- welche der Reichstag bis Ende Mai noch in Debreczin hielt, halte man jedoch keine Zeit mehr zur Einbringung dieses Gesetzvorschlags gefunden, und'war diese bis zur Wiedereröffnung des Reichstags, welcher am 2. Juli in Pesth statlflnden sollte, verschoben worden. Im Läufe des Juni, den die Regierung in Pesth verlebte, war dieser Gegenstand in den Ministerberathungen einigemal zur Sprache gebracht worden , denn theils hatten sich manche Herren von ihren vormärzlichen Ansichten: vom Juden als Preisschilling für die Emancipation religiöse und sociale Reformen gebieterisch zu fordern, noch nicht losgemacht, theils harte man mit dem Kultusminister einen harten Kamps zu bestehen, d<'dieser, wiewohl in politischer Beziehung radikal, doch auf religiösem Gebiete mehr Bischof als Minister war, und z. B. die Mischehe, welche Szemere ganz freizugeben strebte, nur unrer der Bedingung gestatten wollte, daß sammtliche aus einer solchen Ehe yervorgehenden Kinder in der christlichen Religion erzogen werden müssen-

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