Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1850
- Issue
- 39 (28.9.1850)
- Date
- 1850-09-28
- Page
- Spalte 619-620 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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©19 Kritiken. Moral und Politik von Landau. Mensch wohk ein, daß nur die Theilnahme an jene Vereine ihm Glück gewährt; ihr Wohl ist das Seinige und sein Wohl befördert das Ihrige Icrem. 29, 7. — Zwar muffen wir uns in diesen Vereinen nach dem Willen Anderer, des Vaters, Gemeinde - Vorstehers und Staats-Oberhauptes richten, allein n u r die gezwungene Unterwerfung unter rem Dillen eines Andern macht den Sklaven, nicht aber die freiwillige. Der freie Wille entspringt aus Einsicht und Liede, es entsteht ein stetes Streben Alles zu thun, was das Oberhaupt verlangt, in besonderen Fällen sogar, ohne die Beweggründe dazu einzusehcn, obgleich dem eigenen Verstände keine Schranken gesetzt sind, um diese durch Forschen einleuchtend zu machen. Nicht der Zwang der Gewalt spricht das Soll aus, sondern die höchste Liebe, der jeder Israelit mir ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen zugelhan ist. David fordert seinen Sohn auf.' „Strebe den Gott deines Vaters zu erkennen, und diene ihm dann mit ganzem Herzen 1 Ehr. 28, 9. Der freie Wille ist auf Ehrfurcht für gemachte Erfahrungen, höhere Einsicht und besseres Wissen gegründet. Der Sklave hingegen ist der Willenlose, sowohl beim Wollen, als beim Beschließen, und kann sich nur nach dem Willen seines Herrn richten. — Die Hauptpflichten der Kinder gegen die Eltern in Hinsicht der unbedingten Befolgung ihrer Ermahnungen fallen in ihre Jugendzeit; denn der jugendliche Muthwille führt oft zu Mangel an Respekt, an Achtung und Ehrerbietung gegen Eltern. Hierauf bezieht sich besonders der größere Theil der Ermahnungen Salomos in seinen Sprichwörtern, sowie das Gesetz vom widerspenstigen Sohne— -mo p miDu Deut. 21, 18 — 21. Diese Bande der unbedingten Folgsamkeit lockert die Tradition im reiferen Atter der Kinder, hingegen bleibt das Gebot der Liebe zu den Eltern bis zum spätesten Alter unauflösbar. Wenn wir auch dem Alter Achtung und Ehrerbietung zollen sollen, und zwar wegen der besseren Einsicht, die aus Erfahrung und wiederholtem Nachdenken entsprungen ist, so ist bei einem Fremden doch noch nicht die Bereitwilligkeit zur aufrichtigen Mittheilung seiner Einsicht vorauszusetzen. Wenn nun die Handlungsweise der Eltern gegen ihre Kinder eine zärtliche Liebe bekundet, so hegt das gute Kind Zutrauen zu deren Ermahnungen, die bessere Einsicht paart sich mit der elterlichen liebevollen Neigung zu den Kindern, und wenn den Kindern die völlige Einsicht des Guten und Wstn man gelt, und sie wegen der Unreife des Verstandes die Gründe derselben nicht einsehm, so müssen die besorgten Eltern zum Befehlen, zum Soll ihre Zuflucht nehmen um dies zu erlauben, oder jenes zu verbieten. Wenn nun die Religion, als Bild Gottes, den Vater im Himmel, reich an Liebe und reich an Einsicht darstellt und lehrt, warum soll die absolute Einsicht und die unbeschränkte ^Liebe des Allmächtigen gegen unfern beschränkten Verstand bei den Geboten nicht zum Soll seine Zuflucht nehmen? Dieses soll keineswegs die Unterdrückung des Verstandes, sondern nur die schleu- 62« nige Ausführung der Pflichten bewirken. Das relativ Reale unterwirft sich aus gebührendem Gehorsam dem Absoluten und beugt sich vor ihm. Die Anordnungen werden nicht zum zwingenden Gesetze, sondern durch die frühere Läuterung der innern Zustände bestimmt sich der Geist selbst zum sittlich Guten als Wirkung der Liebe, und der gern wollende Wille erfüllt von selbst diese Anordnung. Auf dem Boden und den Grundlagen der Religion wird die Autonomie des Verstandes eingeräulnt. Die äußere Offenbarung erregt die Vernunft und den Verstand zur Selbstthätigkeit. Den Menschen wird der Weg seines Daseins bewußt, damit er seiner Bestimmung inne werde und sein Bewußtsein wird stets präsent bleiben. Weder die Autorität eines großen Lehrers, noch Wunder sotten die Ergebnisse und Ermittelungen des Verstandes erschüttern (Baba Mezia Abschii. 4). Ein solches Forschen wird wohl dem Sklaven nicht gestattet.1 2 Der Gehorsam ist eine bloße Bereitwilligkeit, unsere Handlungen dem Willen des Einsichtsvolleren zu unterwerfen, und zur Richtschnur unseres Verhaltens zu nehmen, das zu thun, was er will und zu vermeiden, was seinem Gebote entgegen ist. Durch diese Erziehung zum Gemeindeleben lernt der Israelit seinen individuellen Willen dem der Genossenschaft unterordnen und sein Leben durch diesen bestimmen. Nur Mangel an Respekt, an Achtung und Ehrerbietung kann verleiten, mit frevelhafter Frechheit die wohlwollenden Mahnungen der einsichts- und liebevollen Vorgesetzten, die das Recht zu gebieten haben, unerfüllt zu lassen. Wenn auch im Pentateuch Gebote Vorkommen, die nicht leicht mit den Bernunftschlüssen in Übereinstimmung zu bringen sind, so sollte man doch berücksichtigen, daß diese Gebote nur in ein»- zelnen Fällen und zeitweise ihre Giltigkeit gehabt haben, und nicht für immer als geltendes Prinzip aufgestellt worden sind« Dergleichen Handlungen finden wir auch in der Natur. Erdbeben, Überschwemmungen, Pest, Cholera sind Ereignisse, die wir mit dem menschlichen Verstände nicht genau erklären können. Wenn der Gläubige die heiligen Bücher einer Offenbarung Gottes zuschceibt, warum sollen dergleichen Ausnahmegesetze ihn zur Nichtachtung der heiligen Bücher verleiten? Wir müssen mit Hiob ausrufen: „Aber die (göttliche) Weisheit, wo wird sie aufgefundersi? wo ist die Stätte ihrer Erkermtniß?' Kein Mensch kennt ihren Preis und im Lande der Lebenden wird sie 1) Ein Schüler Mendelsvhns hat diese Sage in dem 1790 viel gelesenen Werke: „Engels Philosoph für die Welt" übersetzt. 2) Auf gleiche Weise müssen wir die Männer Gottes bcurtheiten. Die angegebenen Blößen ihres Charakters sind Kinder des Moments, der Fehlerhaftigkeit des menschlichen Geschlechtes zuzuschreiben. Das Ladelnswerthe an den heidnischen großen Männern ist charakteristische Der tugendhafte Cato war Sklavenhändler, Brutus goldgierig. Nur bei außerordentlichen Gelegenheiten suchte die Theokratie Zuflucht zu fremden Arbeitern zu nehmen, hingegen sind Athen und Rom nur durch Sklaven rn Flor gekommen.