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Der Orient · 1850-09-21 · 38 (21.9.1850) · p. Spalte 603-604

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Journal
Der Orient
Volume
1850
Issue
38 (21.9.1850)
Date
1850-09-21
Page
Spalte 603-604 (sequence 6)
Language
German
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«03 604 Studien. Geschichte der Juden an den Ufern des Bodensees. stanz die Rheinufergegend bis Schaffhausen und Aürch von Juden bewohnt waren. Es mag wohl schon Manches hierüber bekannt sein, doch die hier folgenden Urkunden sind lediglich aus handschriftlichen Chroniken entnommen, die ich der gefälligen Mittheilüng des Don mir schon früher genannten, zu Konstanz privarisirenden Hrn. Prof. Eiselin verdanke, und die wahrscheinlich soüst noch nicht veröffentlicht worden. Die Aufsuchung dieser speciell jüdischen Gegenstände aus der Unmasse von durcheinander gemengten Daten' ist sehr mühsam, und leider sind die Perlen, welche man aus dem Schutt hervorzuholen wähnt, weiter nichts als Thränen. Kügelchen, welche die Trauer des Genius der Menschheit andeuten, ob der Verblendung derjenigen die ihn verläugnet haben. Doch wir würden den Fortschritt der Gesittung weniger zu schätzen wissen, wenn wir nicht erführen, auf welch niederer Stufe sie ehemals gestanden; wir würden uns zu wenig der immerhin noch nicht ganz reinen Gegenwart erfreuen, wenn wir nicht wüßten, wie trübe die Vergangenheit gewesen ist. Andererseits thut es den heutigen Bekennern der Synagoge sehr noth, sich lebhaft zu vergegenwärtigen, was ihre Vorfahren, als Träger des Einheits-Glaubens, geduldet und ertragen haben, welcher Aufopferung sie für diesen Glauben fähig waren, und wie sie, die von Allen bedrängten und gehaßten, der thätigsten Hilfe und Bruderliebe fähig waren. Schöpfen wir hieraus Trost und Hoffnung für den endlichen vollkommnen Sieg des in ollen sich veredelnden Menschengeistes, der den .letzten Rest alten Unrechts verscheuchen wird; schöpfen wir aber auch daraus die Ueberzeugung, daß Israel sich fortwährend nur durch aufopfernde Anhänglichkeit für seinen reinen Väterglauben, und durch tbatenreiche Bruderliebe würdig mache, daß der einzig Ewige, den es bekannt, ihm auch ferner beistehen werde. Aus Christoph Schulthais Chronik der Stadt Costanz. I. Der Juden säz. Anno 1401 habend die raet geordnet, das dehein Jud liheu soll öf gelegen guet weder lüzel noch vil; sunder si sollen lihen öf varende pfänd, oder da man in gülten oder bürgen sezte; das was darumb das niemand betrogen wurd, so er kaufte aker wisen, hüser, holz oder feld etc. Ouch als ain Jud burger wolt werden, mit wie vil persönen er dan burger ward, da müsse der selb Jud schweren, das er daheinen Juden oder Jüdin zuo jin jn sie hüs nemen wolt, der jn darumb anzaleti,1 oder im stur geb. Es soll auch dehain Jud ze Costanz lihen, er waer den besonder burger oder im haette das ain rät eiioubt. Item das si in der karwochen 1) anspreche. all jung vnd alt, wib vnd man sollen in iren hüsem beschlossen sin, vnd kainer an die gassen gaen 2 etc. II. Uflouf der Juden halber. Anno 1429 umb die fasnacht,1 hieltend die Juden zuo Ravenspurg ain höchzit, uf das vil Juden in andein statten gesessen zuosamen kamend, Die marterteil ainen jungen schüeler, von Arow bürtig, zu tdd, damit si das bluet, von im mochten haben. Darnach liessend si in ainen, der hiess Knol, alsö ingemacht in ain värderle,2 füeren in das Haslach bi Ravenspurg; daselbst zükend si in uf ain höhe tannen und knüpften in an, als ob er sich selbs erhenkt hett. Umb die tiffahrt3, als die buoben Vogelnester in dem holz suochtcn, habend si den knaben üf der tannen ersehen. Und als man in herab töt, fand man, das im das gmächt, halb abgehouuen war. Uss dem selbigen ain arkwon wuchs üf die Juden. Des Knaben früntschaft hett den fiirnamen des Knollen üssgespaeht and gefangen und woltend in gön Arow füeren. Als si nit wit von Uberlingen käment, habend si deren von Uberlingen soldner gefangen; und als man den Knollen mit ernst gefräget hett, hett er bekent, das er den knaben hinüss gefüert hah; doch hab er nichts davon gewusst, bis das er in das holz kummen si, und si das värderle üftuon habend, da hab er örst den Knaben gesehen, das er gar vast erschraken sie. Aber die Juden habend im zehen gülden geben, das er schwige.4 Darüf wurden die Juden (uf montag vor Ulriei) zuo Ravenspurg, Uberlingen, Lin- 2) Dies darf nicht als eine drückende, sondern als eine weise Maßregel betrachtet werden, die beim damaligen Fanatismus nochwendig war. Auch ersieht man aus diesem säz, was wir schon früher bemerkten (Or. 1847); daß Juden in Constanz Bürger waren, und die Handelsbeschränkung scheint nur fremde Juden betroffen zu haben. Nach dem großen Konzil aber begannen die Plakereien auch für die in der Stadt eingebürgerten Juden gesetzlich zu werden. Oie fanatischste Unduldsamkeit begann mit Hußens Verurteilung auch die Juden zu verfolgen. S. 1) In dieser Zeitangabe widerlegt sich schon die ganze Anklage, da das Blut nicht von Fastnacht bis Ostern ausbewahrt werden konnte. S. 2) karren, von vart. 3) Die während drei Monaten, von fasnacht bis uffart, an einem Baume gehangene, allen Witterungsemflüssen ausgesetzte Leiche, konnte schwerlich mehr erkannt werden. Daher die ganze Geschichte eben eine Fastnachtsmähre ist/ die zur Begründung des muthwilligen arkwons erfunden wurde. S. 4) So dumm wären die Juden nicht gewesen, daß sie ein so schreckliches Geheimniß einem Christen anvertraur hätten, so gar einem, der um zehn Gulden zu schweigen verspricht. Warum, wenn sie des Mordes fähig waren, hätten sie nicht eher auch den Knoll erschlagen? S.

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