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Der Orient · 1850-09-21 · 38 (21.9.1850) · p. Spalte 597-598

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Journal
Der Orient
Volume
1850
Issue
38 (21.9.1850)
Date
1850-09-21
Page
Spalte 597-598 (sequence 3)
Language
German
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597 598 Kritiken. Bolkskalender und Jahrbuch von Breslauer. den ihr am unschuldigsten dünkenden Weg, sich an religiösen Fragen gar nicht mehr zu betheiligen. Und auch inderLhat, die Reform hat ihre Niederlage in dem Jndifferentismus gefunden , der sich ganz besonders aber derer bemächtigt hat, die mit ihrem Gewissen noch nicht ganz einig sind. Dies ist das treue Bild der gegenwärtigen Lage des Judenthums, alle Anregungsmittel zu einem Besserwerden scheitern an der Unmöglichkeit, den verschiedenen Parteiungen Genüge leisten zu können, andererseits aber liegt es in der Natur der Dinge, daß es immer leichter ist, eine Bürde von sich abzuschütteln, als sie wieder aufzunehmen, und zu einer solchen Bürde ist der Glaube mit seinen Anforderungen gemacht worden und endlich auch geworden. Wir merken es wohl an den geistlichen Führern der Gemeinden, wie sie bestrebt sind, zu vermitteln, aber leider vergebens, und einem Aufrufe des biederen, rastlosen Dr. Philippson zu Magdeburg zu einer Rabbiner-Versammlung, die da geeignete Mittel zur Herstellung religiösen Interesses in den Gemeinden berathen solle, ist kaum von Seiten seiner Amtsgenossm eine Antwort gefolgt. Unter dieser Schlaffheit leidet auch am meisten die Literatur; der Gelehrte findet keinen Ansporn mehr in der Wissenschaft, und das Publikum, das früher so innigen Theil an allen Erzeugnissen im Judmthum nahm, berücksichtigt sie jetzt nicht mehr. Die zwei jüdischen Organe, die Zeitung des Iudenthums und der Orient, beide verdient um das Judenthum und seine Wissenschaft, sind dem Untergänge nahe, und wie vieles noch könnte ich aufzä'hlen als traurige Folge der Theiluahmlosigkeit. Doch die Verhältnisse können nicht so bleiben, sollen nicht die Ahnungen, die mit aller Bestimmtheit damals verneint worden sind, eine Wahrheit werden, daß mir der staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden die Religion ihren Bestand einbüßen wird!" Für meine Leser erlaube ich mir Hier, eine kurze Uebersicht dessen zu geben, was dieses Jahrbuch bietet, damit der eine oder der andere angeregt werde, sich dieses anzuschaffen. Nach einem vollständigen jüdischen und christlichen Kalender, von welchen der letztere durchschossen ist, folgen alle Requisiten eines Kalenders, wie nur irgend ein Kalender es bietet, so daß der Geschäftsmann vollkommen alles das darin findet, was er nur in einem Kalender sucht und nichts zu seiner Entschuldigung des Nichtanschaffens hat. Was nun das Jahrbuch anlangt, so wird es durch ein Gedicht, „das Vermächtniß" genannt, eingeleitet. Dann kommt der schon erwähnte „Rückblick" von dem jungen Manne Sal. Oelsner in Breslau geschrieben, und dieser ist in Bezug auf die Gestaltungen der äußern Verhältnisse der Juden so ausgezeichnet skizzirt, in der Zusammenfassung der Hauptmomente so pragmatisch und klar, in den Reflexionen so edel und warm, daß er sich nicht nur den besten Arbeiten dieser Gattung anreihen, sondern sogar noch durch die Innigkeit der Darstellung die meisten überragt. Selbst für die kalten und theilnahnilosen Leser dürfte er durch seinen schönen Styl anziehend erscheinen und wir haben nicht eine einzige Ansicht oder Anschauung gefunden, die wir vicht theilen. Möge Hr. Oelsner ungeachtet er vielleicht gar Nicht zu dem Stande der Schriftsteller gehört, öfter seine Feder dem Dienste seiner Glaubensgenossen weihen; die Frische des Ausdrucks und das Gesunde in den Anschauungen könnte doch vielleicht hie oder da einen empfänglichen Sinn finden. Dann folgen: „Proben jüdischer Verteidigung gegen christliche Angriffe im Mittelalter" von Dr. Abr. Geiger, Rabbiner zu Breslau. Die christlichen Angriffe im Mittelalter wiederholen die Missionäre oder halbbckehrte Juden in ihrem Solde noch heute, und es ist gewiß von großem Jntereffe, wenn aus der alten Geschichte der Apologetik und Polemik des Judenthums ein Spiegelbild vorgehalten wird, um uns zum Einstehen für die Ehre und Würde unseres Glaubens aufzufordern und zu mahnen, abgesehen davon, daß eine solche Darstellung auch für die Geschichte der jüdischen Dogmen, der jüdischen Kultur von großem Werche ist. In diesem Sinn hat Hr. Geiger seine Proben pragmatisch zusammengestellt und sie mit den trefflichen Worten eingeleitet: „Das Judenthum hat seine schöpferische und erbaltende Macht hinlänglich bewährt. Der tiefste Druck hat wohl seinen Bekennern manche geistige und sittliche Verkehrtheit angehe stet, es jedoch , nicht vermocht, ihnen in ' gänzlicher Versumpfung und Verwahrlosung den Untergang zu bereiten. Während Ritter und Mönchs . Fürst und Bischof im Mittelalter selten über die allgemeine Unwissenheit und Zuchtlosigkeit sich erhoben, gab es zu allen Zeiten gelehrte und fromme Rabbinen, wenn auch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit den Charakter der Zeit nicht verleugnen können, es gab unter den Juden auch in der scheinbar größten Entartung-einen Fonds von allgemein verbreiteter Wissenschaft und Sittlichkeit, welchen höhere Geister für sich zu verarbeiten wußten, und an welchem bessere Zeiten auch einen kräftigen Anlehnungspunkt fanden. Wie wäre auch der rasche Umschwung unter den deutschen Juden möglich gewesen, wenn nicht die neue Saat der Bildung auf einen Boden von reicher Empfänglichkeit gefallen wäre! Noch heute überraschen uns Erscheinungen aus Ländern, welche von der Barbarei beherrscht werden, aber den Einzelnen von gediegener Kraft doch nicht verhindern, sich zu einer, dem ganzen Bildungsgrade des Landes weit überlegenen Höhe zu erheben, weil die geistigen Elemente, welche das Judenthum und dessen Geschichte ihm bieten, von jener Barbarei nicht erdrückt werden können." — Nach einer Schilderung des Unterschiedes zwischen der Polemik des Islam gegen das Judenthum und der des Christenthums, schildert er in allgemeinen Umrissen die Art der christlichen Polemik im Mittelalter, und wie die Jaden diesen Kampf aufnehmen konnten und warum sie ihn so führten. Er bespricht kurz das Buch V\ rnDrto. öon Jakob b. Rüben um 1170, dann die Polemiken des Samuel b. Mei'r (cn"&n) um 1140, Sofcf Bechor- Schor um 1170, dann kommt er auf die wissenschaftlichere der Gelehrtender Provence, auf Joses Kimchi mit seinem rran IDD, David Kimchi (in rOT nürfpo), und end- 38*

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