Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1850
- Issue
- 38 (21.9.1850)
- Date
- 1850-09-21
- Page
- Spalte 595-596 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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595 Kritiken. Bolkskalender und Jahrbuch von Breslauer. 5% Kurze UebersichLen. 25) Deutscher Volks-Kalender und Jahrbuch. Insbesondere zum Gebrauch für Israeliten ans das Schaltjahr 5611 (1851). Mit literarischen Beiträgen. Herausgegeben von M. Breslauer. Erster Jahrg. Breslau, 1850, 8. A. Gosohorskyssche Buchhandlung (L. F. Maske). Seitdem das Wiener Jahrbuch nebst Kalender für Israeliten durch die politischen Stürme von 1848 und 1849 zu erscheinen aufgehört — für 1849 und 1850 ist mir kein jüdisches Jahrbuch von dorther bekannt geworden — und seitdem auch der Klein'sche jüdische Kalender nebst Jahrbuch in Breslau nicht mehr regelmäßig kommt, fühlt man so recht ein Verlangen nach dieser Gattung von Volksschriften; es war daher sehr zeitgemäß von Hrn. Breslauer, daß er sich der Mühewaltung einer erneueren Herausgabe unterzogen, und es wäre sehr zu wünschen, daß das jüdische Lesepublikum auch einmal solche Unternehmungen unterstützte. Ich bin nicht gewillt, hier das alte und doch immer neue Lied von dem Geize unserer Glaubensgenossen in Deutschland, wo es gilt, eine geistige Thätigkeit zu unterstützen, von der schmachvollen Gleichgiltigkeit, wenn es gilt, das politisch-bürgerliche Recht der Juden nach Außen zu vertheidigen, die Nachzüge des alten Judenhasses zu bekämpfen, oder die Ehre und Würde des Judenthums in Schutz zu nehmen. Alle Institute, sofern sie nicht rein materieller, faßbarer Natur sind, die ganze literarische Bildung, das Kulturleben, welche begabte und befähigte Männer mit großer Selbstverläugnung zu fördern suchen, erlahmt endlich durch die ausdauernde Herzenshärtigkeit und durch den beispiellosen Geiz. Beredter braucht man wohl kaum diesen Zustand darzustellen , als Sal. Oelsner am Schlüsse seines durch und durch mit Geist und Innigkeit geschriebenen „Rückblick auf das Jahr 1849—50" in diesem Jahrbuche es gethan, und da ich nun einmal diesen Gegenstand berührt, so wird es vielleicht nicht ohne Nutzen sein, wenn ich die getreue Schilderung der jüdischen Gegenwart zur Aufstachelung hersetze. Nachdem Hr. Oelsner mir Klarheit und Freinntth die Gestaltungen der jüdischen Zustände seit den denkwürdigen Märztagm vorgeführt, fährt er fort: „Wir haben bis jetzt nur von dem berichtet, rvas für das Judenthum von Außen her geschehen ist, wir haben zu unserer Freude fast in allen Ländern, wo Juden ihren Wohnsitz haben, auch' das Judenthum anerkannt gefunden, und wenn wir auch hie und da noch Verfolgungen und die alten Vorurtheile gegen sie. angetroffen, da gab es jedoch der Männer viele, die dem Judenthume das Wort sprachen, und es gegen alle Anfeindungen schützten; doch nun müssen wir im eigenen Hause Rechnung halten und uns fragen, was hat das Judenthum während dieser Zeit für sich gethan, wie hat der Umschwung seiner äußeren Verhältnisse aus dasselbe eingewirkt? Bei Aufstellung dieser Frage empfinden wir erst recht das Bedürfniß nach einer günstigen Antwort, so wie wir den Schmerz empfinden, daß ein „Nichts" die Antwort ist. Als wir bis jetzt uns draußen umgefchauet, da begegneten wir überall Lhatsachen, wir sahen Leben und Streben, galt es auch den verschiedenartigsten Zwecken, wir konnten daher erzählen; allein wenn wir in unserem Judenthume umherblicken, da ist eine Oede und Leere, und bliebe uns nicht die Klage, wir hätten nichts mehr zu sagen. Liegt kn dem Beginnen alles dessen, was bisher als heiliger Glaube galt, auch eine That, dann hat das Judenthum viel gethan; die Gleichgiltigkeit hat in allen Parteien den Platz eingenommen, wo früher Regsamkeit gewesen, sie hat alle Kämpfe für religiöse Freiheit, alle Verfechter der orthodoxen Richtung, sie hat somit alle religiösen Kämpfe beschwichtigt. Suchen wir die Synagoge auf, sie, die ihrem Namen getreu, der Sammelort der jüdischen Bekenner sein sollte, und wir treffen sie leer, und forschen wir nach dem Grunde, so ist es weder das, was da fehlt, noch das, was da besteht, Ursache der Theilnahmlosigkeit, sondern dieser Grund liegt tiefer, und unsere Betrachtung hat zum Zwecke, ihn zu ermitteln. Der Gottesdienst ist geordnet, Predigt vorhanden, auch deutsche Gebete sind versprochen worden, falls sie herbeilocken könnten, doch es giebt keine Beter und Zuhörer, könnte ja die Kanzel im Gotteshause niemals dazu gebraucht werden, worüber auf dem.öffentlichen Markte verhandelt wird, und dürfte der Prediger doch nicht den Volksredner vertreten wollen? Dieser Mangel an religiösem Interesse ist allerdings eine Folge der politischen Bewegung, aber wie bedauerlich sie ist, davon zeugt die Zerrissenheit aller Gemeinden, der Verfall aller Institutionen, das Aushören der den Juden stets nachgerühmten Mildthrtigkeit. Unter dem schwärmerischen Streben nach einer allumfassenden Völkerfamilie geht die Bruderfamilie unter, die durch die Bande des Glaubens an einander geknüpft ist. Won demselben Geiste ist die ganze Bewegung der Jetztzeit erfüllt, doch im Judenthume giebt es nächst der kosmopolitischen und nationalen noch eine zweite nationale Partei. Die erste, die kosmopolitische Richtung har in der Demokratie ihre sicherste Stütze gesunden, in der nationalen ihren Gegner erblickend. Während diese dem Vaterlande, dessen Segnungen wir genießen, angehört, erkennt jene die ganze Welt als den Verband der Gesammt-Menschheit an, indeß in einem großen Lheile des Judenthums noch die Sehnsucht nach dem Vaterlande der Vergangenheit lebt. Diese dreifachen Gesinnungen zerklüften immer mehr das Judenthum, als daß an eine endliche Versöhnung gedacht werden könnte, ja diese Sonderung wird so bedeutend, daß die eine Partei auf die andere keinen Einfluß zu üben vermag. Der Mensch ist sich selbst genug, so sagt die eine, die Reform verhöhnend, die ihr ja auch nur Formen bringt, und dieser anderen Partei gegenüber fühlt sich der Orthodoxismus in seinem Rechte bestärkt, an vem Alten mir aller Entschiedenheit sestzuhalten, während die konservative Partei, die zwischen beiden die Mitte hält/ schwankend ist, denn die Pläne der Reform sind ihr zu freisinnig, dem alten Hergebrachten ist sie entwöhnt, und sie wählt daher