Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1850)
- Date
- 1850-09-21
- Page
- Seite 150 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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150 vollen Angedenkens, sehnt man sich allgemein; jene alte Knechtschaft hat bis jetzt die Ausarbeitung solcher Bücher verscheucht und jetzt da man sie brauchen kann, sind sie nicht so leicht da. Auch fehlt es an tüchtigen Neligionslehrern und auch Ln dieser Beziehung wäre es zu wünschen, daß recht bald Rabbinen- und Lehrerseminarien erstehen möchten. Polen und Rußland. Petersburg, 4. Sptbr. Die Petersburger Zeitung bringt wieder einen gut russischen kaiserl. Befehl. Hiernach, ist das Tragen einer bcsondern Kleidung den Inden vom 1. Jan. 1851 an überall verboten. Bejahrten Israeliten, die aber über 60 Jahre alt sein muffen, können die Generalgouvernenrs, in Fällen, wo sie es für nothwendig halten, gestatten, jüdische Kleidung auch ferner zu tragen, natürlich, denn Das wäre sonst nicht russisch , gegen Entrichtung einer bestimmten Abgabe. Odessa, 18. Aug. Gestatten Sie es mir, Ihnen von einem jüngst bei uns stattgefundenen Ereigniß Kunde zu geben, welche gewiß auch in Ihren entfern* ten Gauen freudigen Anklang erregen wird. Am 10. d. M. feierten wir die Grundsteinlegung einer neuen, allgemeinen Synagoge, eine Feier, die sowohl durch die Bedeutung des Festes, als auch durch die allgemeine Theilnahme, die sie gefunden, uns Allen denkwürdig geworden ist. Erlassen Sie mir die Beschreibung des materiellen Theilcs derselben: eines — bei solcher: Gelegenheiten nun unvermemdlichen — Festessens, jener zahlreichen Lebehochs, jener mannigfaltigen Aenßerungen der Freude, die in der, ziemlich bunt zusammengesetzten Gesellschaft taut wurden. Ich will Ihnen blos von der geistigen Bedeutung, von dem Eindrücke sprechen, den sie in den Herzen aller Wohlmeinenden erzeugte. Vorerst aber ein Wort über unsere Gemeinde-Verhältnisse. Als vor ungefähr 8—11 Jahren, in Folge verschiedener zusammengetroffenen Umstände, die Nothwendigkeit einer wesentlichen Verbesserung des Gottesdienstes bei uns rege wurde, da sonderte sich ein Theit unserer Gemeinde, der sich über die zu machenden Reformen mit dem andern nicht zu einigen vermochte, ganz von demselben ab, und bildete eine besondere religiöse Gesellschaft in einer besondern Synagoge, wo der Gottesdienst, nach dem Beispiele der deutschen Bethäuser, mit Choralgesaug und anderen verbessernden Einrichtungen abgehalten wurde. Seitdem standen die Parteien sich gegenüber. Die Zeit endlich, die Alles vermittelt, brachte auch eine allmätige Annäherung derselben mit sich: die Partei des Fortschritts gewann immer mehr Anhänger, und ward zu einer Vereinigung mit den Gegnern immer geneigter, indeß auch die orthodoxe Partei ihre Starrheit verlor und den Verbesserungen, die übrigens nie zu weit gegangen waren, Gerechtigkeit widerfahren ließ. So ge- - schal) es, daß der Plan einiger Gutgesinnten, den Ausj’ bau einer großen Synagoge betreffend, die unter ihrer Aegide alle streitenden Parteien vereinigen sollte, immer mehr Liebhaber fand und der Unterstützung der Stadtregierung versichert, sich nach und nach Bahn durch alle; Hindernisse brach. Es sollte ein Tempel erbaut werden, welcher der gesammten Judenheit so recht zur Ehre gereichen und den berühmtesten israelitischen Bethäusern Europas weder cm Pracht, noch an Größe nachstehen sollte. Zur Leitung dieser Angelegenheit wurde eine Kommission von \ 10 Mitgliedern ernannt, den Obersten Liubinkow? an ihrer Spitze. Ihre Arbeiten gediehen so weit, daß -- schon am 10. der Grundstein gelegt werden konnte. — Schon am frühen Morgen umgab eine unzählbare Menge von Zuschauern aller Klassen und Konfessionen den geräumigen Platz und harrte, vom schönsten Wetter begünstigt, der Ankunft des Feicrzugs. Um 11 Uhr setzte sich derselbe in Bewegung. Voran ging ein Säugerchor, das ,/D D"1 iO Dny&y l Nty ' in feierlichen Weisen singend, es folgte dann die sämmtliche hiesige jüdische Geistlichkeit, die Gesetzesrellen in den Armen haltend, die höheren Stadtbeamten, den Stadtgouverneur an ihrer Spitze, nebst den getadelten Ehrengästen, beschlossen den Zug. Herzerhebend war fcer- Anblick ^des Zuges, wie er, getragen gleichsam von den Melodien der erhebenden Hymne, sich in langsam feierlichen Schritten nach der in der Mitte des freien Platzes angebrachten Estrade bewegte. — Hr. Schuldirektor Stern begann hierauf die Verlesung - einer Festrede in deutscher Sprache. Nachdem er auf die Würde der Synagoge über- Haupt, als Trägerin der religiösen Toleranz und de: reinen Gottesverehrung-, die still aber desto wirksamer den Eroberungen der Aufklärung auf dem Fuße folgt und auf den Edelmuts) der Regierung hingewiesen hatte, die inmitten dieser Steppen :— vor 50 Jahren noch ein Tummelplatz nomadislreuder Horden —Bildung und Menschenliebe gebracht, sprach er die Nothwendigkeit einer vollkommenen Einigung, die Nothwendigkeit eines achtungswerthen, achtunggebietenden religiösen Oberhaup- : tes für unsere Gemeinde aus. Er deutete den Sieg; der mäßig durch geführten Verbesserungen auch auf die starrsten Gemüther an und sprach Wahrheiten, aber . keine Cuttern Wahrheiten, sondern Worte der Versöhnung und Milde. Wie schade, daß diese der Zeit, dem Orte, den Umständen so wohl angemessene Rede ihren Ein- { druck nur auf die wenigen Umstehenden bewährte, indem : theils das unzureichende Organ des Redners, theils auch j der zu große Andrang um denselben, sie dem Ohre der entfernter Stehenden entzog. — Nach Absmgung des 113. Psalms entfernte sich der Zug in die um die Grundfesten befindlichen Gänge mit? vollzog die eigentliche Grundsteinlegung, die drei in die Erde versenkten : Metallplatten enthielten in hebräischer, russischer und la-