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Der Orient · 1850-08-10 · 32 (10.8.1850) · p. Spalte 503-504

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Journal
Der Orient
Volume
1850
Issue
32 (10.8.1850)
Date
1850-08-10
Page
Spalte 503-504 (sequence 4)
Language
German
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505 Kritiken. Landau, Politik und Moral. 504 Für's erste müssen wir bemerkendas die Moral der Erwählten die große universelle Moral ist, und fügen noch hinzu, daß der Erwählte in seinem Thun und Lassen, in seiner ganzen Handlungsweise als ein ideales Musterbild der Erfüllung des negativen und positiven Moralgesetzes erscheint. Auf ihn ist der Ausspruch des Dichters Kleist anwendbar: „Der wahre Mensch muß fern vom Menschen sein." Denn im wirklichen bürgerlichen Leben ist es beinahe eine Unmöglichkeit, das positive Princip der biblischen Moral zu erfüllen. Daher haben auch in alter Zeit viele von den Essaern in strenger Einsamkeit gelebt und in ihrer kleinen Gemeinde ein Bild des einstigen Reiches Gottes abgeben wollen." Nicht der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele zeichnete sie aus, da dieser ein Eigenthum Israels war, ihr Feuereifer für die Darstellung eines ethischen Vereines war es, der sie auch dazu verleitete, sich des Eides jeder Art zu enthalten. Nur wenige von ihnen verheirateten sich, alle aber bemüheten sich durch anhaltende Forschungen in der Schrift neue Wahrheiten zu ermitteln, sie erzogen fremde Kinder und hielten die Eroberung fremder Länder, gleich der Theokratie, für einen Eingriff in Gottes Ordnung — das Alles sind Lehren, die in der Wirklichkeit nach dem bisherigen Zustande der Menschheit unausführbar sind. Das bürgerliche Leben kann bei der jetzigen Organisation der Gesellschaft in diesen Ausübungen nicht gedeihen. Wenn auch die Vorsehung den Israeliten bei ihrem Zuge durch die Wüste ein anschauliches Bild von einem solchen Leben machte, welches dieselben verleitete, selbst den Aelteren und Weiseren, die durch Wahlbesiimmung Gottes als Vorsteher und Lehrer eingesetzt waren, den Vorrang einzuräumen, so war es dennoch nicht die Absicht Gottes, damals schon ein solches Ideal in der Wirklichkeit aufzustellen. Die Israeliten kehrten zurück zu den wahren bürgerlichen Beschäftigungen, und die beschränkenden Gesetze jener Urprincipien erinnerte sie an den einstigen heilvollen Zustand, den die Menschheit einst erklimmen wird. Daher wird es von der Offenbarung als ein Vergehen angesehen, wenn im gewöhnlichen bürgerlichen Leben sich ein Mensch erdrcistet in die Schranken der Erwählten einzudringen, was ") Außer den vielen Stellen, die unsere Theologen für den Glauben an die Unsterblichkeit angeführt haben, fand ich noch eine Stelle in Jes. Es heißt da: „Siehe da, Wonne und Freude, Rinder tödten und Schafe schlachten, Fleisch essen und Wein trinken. Essen und Trinken wollen wir, morgen sterben wir doch. Darauf fügte der Prophet hinzu: „Nimmer soll euch diese Schuld gesühnt werden, bis ihr sterbet." Unbegreiflich ist e6, wie der Prophet ihnen für ihr frohes Leben eine so harte Strafe auferlegt hat, da doch der Prediger, wie wir in diesem Aufsatze bemerkt, dazu aufgefordert hat, allein dies wird von ihm auch nicht geradelt, sondern das hüizugefügte Motiv: „morgen sterben wir doch". Denn dadurch drückten sie aus, als schreite der Mensch bei seinem Tode in die Vernichtung ein und hat dort weder Lohn noch Strafe zu erwarten. Dieser Unglaube allein hatte ihnen diese harte Strafe zugezogen. auch bereits bei der Gesetzgebung am Sinai angedeutet ist. Die Priester nahmen eine höhere Stelle am Berge ein als das Volk. Die Warnung geschah: „Gehe hinab, warne das Volk, daß es nicht breche zum Ewigen" (Ex. 19, 21. 2>). Ein Wink für die Zukunft, um nicht das Chassidim - Wesen in unsren bürgerlichen Zustände einzuführen. Selbst Lin Individuum, welches sich erdreistete, das Gelübde der Enthaltsamkeit anzugeloben, wurde nicht als Heiliger betrachtet, da es wegen der natürlichen menschlichen Schwächen noch zweifelhaft war, ob es die Pflichten eines Erwählten zu erfüllen im Stande fein wird und daher ob es nicht mehr Nachtheil als Vortheil der menschlichen Gesellschaft verursachen könnte. Auch Salomo tadelt die Erfindung neuer Schranken durch Enthaltsamkeitsgesetze, die dem gewöhnlichen Menschen nicht zustehen, als einen Fehler. „Lieber thue keine Gelübde, als daß du angelobft und nicht erfüllest." (Koh. 5, 4). Wer als Heiliger gelten will, muß vorher prüfen und untersuchen, ob er im Stande ist, die strenge Herrschaft über sich selbst auszuüben. .Ist er dieses nicht im Stande, so soll er lieber in seiner Sphäre verbleiben, sich der Erfüllung der gewöhnlichen Gesetze befleißigen, und wir rufen ihm mit dem Prediger zu: „Wohlan, so verzehre doch dein Mahl mit Freuden, trinke doch frohen Herzens deinen Wein; Gott hat längst deine Handlungen mit Wohlgefallen ausgenommen." Daher ist die Enthaltsamkeit bei einem Uneingeweihten ein Vergehen, eine geraubte Krone vom Haupte der Erwählten und mit Recht bemerkt die uralte Ueberlieserung: „Versöhne ihn (den Nasir) wegen dessen, daß er sich versündigt hat." Diese Versündigung soll darin bestanden haben, daß er sich des Wernes nach dem Aufruf des Predigers ohne Zweck enthalten hat, den doch die Vorsehung dem Menschen zum Genuß gespendet, weshalb auch die Tradition jedes Zeichen oder jede Vorkehrung, die selbst nur der Weise beobachtet, dem gemeinen Manne verbietet und hinzufügt joilT DITO * : ist Hochmvth ein Eindringling zu sein, ohne die Fähigkeiten dazu zu besitzen. Es ist daher die Sekte der Chassidim, als Nachbild jener Effäer entstanden nur vom diesem Standpunkte, aus zu beurtheilen. Der große Rabbi Elijjr Wilna fand für gut, diese Sekte entweder in Bann zu thun oder ihr entgegenzutreten. Es wäre sehr gut, wenn jene sich vor dem Forum des Publikums verteidigen mochten, sie sollten doch bedenken, daß die Lehre der Engel geheimnißvoll sein soll und nicht ein Jeder ist im Stande diese zu begreifen, weshalb der große Selbst sich den Anschein zu geben ein Gelehrter zu sein, ohne den Beruf dazu zu haben, wird von Rabbi Simon, Sohn GainlieL's, getadelt und zwar mit den Worten: „Nicht Jeder, der sich einen Namen anmaßen will, darf ihn sich anmaßcn". (Traktat Berachot?Xb. li. §, 1.)

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