Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1850
- Issue
- 24 (15.6.1850)
- Date
- 1850-06-15
- Page
- Spalte 373-374 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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373 Kritiken. Moral und Politik von 8. R. Landau. 374 trachtet werden, da deren Mangel Armuth herbeifuhrt. Und ivas vermögen nicht Krankheiten, zahlreiche Nachkommenschaft, Stockung res Handels, in dessen Folge Herabsetzung des Lohnes, Miswachs. Ueberschwemmungen, welche Schutzmittel giebt rs dagegen? Es ist dem Sterblichen nicht vergönnt in die Räder des Schicksals einzugreifen, um jedem Unglücke vorzubeugen. Dennoch hat die Theokratie in ihrer innern heiligen Politik das Recht des Armen, der Witwen und Waisen, ja sogar der heidnischen Knechte bestimmt eEx. 23, 3. 22, 20. 21,20); denn gewisse Mishandlungen zogen seine Freiheit nach sich und Milde wurde durch gesetzlich bestimmte Unterstützungen dem Armen zu Theil (Lev. 19, 9. 10. 11. Deut. 25, 35. 36. Deut. 15, 7—13) riN3 nrDtt'!21D Dp)> 'IV "i^yDl/ und geboten an Festtagen die Witwen, Waisen und Fremdlinge zu erfreuen, sowie den Dürftigen zu unterstützen, er sei Fremdling oder Einsasse (Lev. 25, 35), damit auch sie der Wonne der Feiertage theilhaftig werden. Daher steht die Beantwortung, welche Hillel jenem Heiden gab, zur Zeit als er ihn zum Israeliten machen sollte, in Beziehung zu beiden Auffassungen (Sabbat 31 a). Er gab die Grundvasis an, worauf sich die mosaische Religion stützt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!" (d. i. Was dir verhaßt ist, das thue deinen Nebenmenschen nicht) und du wirst erkennen, daß diese einzige Lehre alle andern in sich faßt, daß sie alle nothwendig aus ihr folgen, daß sie nur da sind, jene näher zu bestimmen und zu erläutern. Durch dieses so aufgefaßte Gesetz in negativer Beziehung, sollte der Heide zunächst zum Eintritt in die von Gott angeordnete Kommunität vorbereitet werden, um dann durch Erfüllung alles dessen, was die Kommunal - Pflichten von jedem Einzelnen erheischen, durch den Beitrag, den er als Einzelner in der Gemeinde leistet auch der positiven Seite des Gesetzes der Liebe, in welchem sich wohl alle Moralprincipien der Philosophen auflösen, umfassend genügen zu können, worauf basirt sind das Verbot der Zinsen, der Sklaverei, das Gebot des Jubeljahres und der Erlaß der Schulden im siebenten Jahre. Daher ist der krasse Abstand, der von der Mischna aufgestellten zwei Meinungen zu erklären. Die eine ist: „Das Meine bleibt mein, und das Deine bleibt dein." Dieses ist eine mittelmäßige oder gewöhnliche Denkart. Ein Anderer behauptet aber, dies ist eine sodomirische (Abot 5, 1t). Da in der Haggada selten Widersprüche Vorkommen, so lassen sich beide durch obige Auseinandersetzung vereinigen und ausgleichen. Wer sich einzelner Spenden enthält, aber seine Pflichten als Staats- und Stadtbürger erfüllt, der ist ein gesetzlich ordentlicher Mdnsch, der sich aber noch .nicht M Moralität aus eignem Antriebe und Selbstbewußtsein neigt. Der Zweite hingegen bezieht sich auf einen, der sich den Staats- und Kommunal-Pflichten entzieht, dieser kann Mitglied des Sodomitischen Staates sein, der sich einst, wie bekannt, den Kommunal-Pflichten entzogen hat. Daher war das Streben der Theokratie, die Bürger anzuhalten ihre Kommunal-Tugenden zu erfüllen. Heide ist daher nicht blos der, welcher Götzen anbetet, sondern auch derjenige, der sich der Kommunal-Tugenden enthält, daher das Moral-Prinzip der Uroffenbarung „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst," und zwar der positive Theil desselben, nämlich: was du willst, daß Andere dir thun , das rhue auch ihnen, ist nur für die Gemeinschaft von Menschen, hingegen der negative Theil^ was du nicht willst das die Leute dir thun, rbue auch ihnen nicht, gilt zugleich für den Einzelnen. Dennoch hat dieses Moral- Prinzip eine ausgedehntere Bedeutung für Erwählte, die das Göttliche im Menschen manifestiren und ihre Mitgonossen zum Glauben an das Göttliche nöthigen, welche für gewöhnliche Menschen nicht bindend ist, die diese hohe-Bestimmung nicht haben« Hierauf beziehen sich folgende zwei Bibelperse: „Meinen Mücken bot ich den Schlägen und meine Wangen den Raufenden" (Jes. 50, 6) oder „seinen Schlägen bietet ep die Wange — sich sättigt mit Schmach" (KL. 3, 29. 30)." Die Moral der Erwählten ist daher die große Moral, nicht aber die Mirabeau'sche falsche Politik, die den gewöhnlichen Menschen nicht geboten ist. Auch bezieht sich dies Gesetz der Liebe nicht allein auf Mitglieder jeder Kommunität, vie zur Ausführung gedachter Zwecke gestiftet ist, die sich gegenseitig Bruder, Genosse nennen können, sondern auch im weiteren Sinne auf den Fremden. Aus jenem Gesetze der Liebe, di§ von unsrem gemeinschaftlichen Vater, dem Spender alles Guten herrührt, müssen wir als Vollstrecker seiner Gebote seine Kinder nicht ausschließen. Daher dir Freilassung des fremden Sklaven im Jubeljahre und das Verbot der Auslieferung eines Knechtes an seinen Herrn, der von ihm geflüchtet ist, da die Sklaverei gegen das Gesetz der Liebe ist (Deut. 23, 16); daher auch das Gesetz: „einerlei Recht sei bei euch, dex Fremdling sei, wie der Eingeborene, denn ich bin der Ewige dein Gort. Höret eure Brüder gegenseitig und richtet nach Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder und seinem Fremdlinge rc., denn das Gericht ist Gottes (Deut. 1, 16. 17). Deinen Fremdling sollst du nicht übervortheilen und bedrängen, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizrajim (Ex. 22, 20. Lev. 19, 33. 34). Wenn du einer Stadt nahest, um gegen sie zu streiten, so sollst du sie zum Frieden auffordern, dies bezieht Maimuni sogar auf die sieben *) Die Tradition spricht sich noch deutlicher über die Tugenden der Erwählten aus: Diejenigen die sich beschämen lassen, ohne wieder zu beschämen, Erniedriegungen erdulden, ohne sie zu erwidern , und das Alles nicht um vor Menschen zu glänzen, sondern aus Liebe zum höchsten (dem Ucguten) lhun, sich selbst der Bestrafung freuen und fest überzeugt sind, daß jede Strafe von Gott kommt, dem Urquell des Guten und Vollkommenden, daher als von ihm gesandt nur zu unserer Besserung sein kann, die sich darüber nicht betrüben, von denen heißt es, die ihn lieben, strahlen wie dir Sonne hoch am Firmamente (Nicht. 5, 31). Diese Zeichen sind Merkmale des Eingeweihten, des Gewählten, des Repräsentanten der Menschheit, die der gewöhnliche Mensch im bürgerlichen Lehen wegen seiner Konservation nicht auszusühren im Stand« ist. 24