Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1850-06-15 · 24 (15.6.1850) · p. Spalte 371-372

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1850
Issue
24 (15.6.1850)
Date
1850-06-15
Page
Spalte 371-372 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8555529-9891031-9891072--6417-3535804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

371 372 Kritiken. Moral und Politik von L. R. Landau. Herr itt den Treffen sich immer befleißigte das Centrum zu durchbrechen, und das zerstreute Heer dann einzeln zu besiegen. So steht Israel zersplittert unter den Völkern, nach Achtung ringend, welche aus den angeführten Gründen ihm nicht zu Theil wird. Selbst edle Gelehrte neuerer Zeit, gewürdigt von allen europäischen' Nationen, deren Schriften vielfach in andern Sprachen Übersetzt wurden, werden wegen ihrer Anhänglichkeit an die Religion ihrer Eltern verkleinert, herabgesetzt und mit vieler Lauheit behandelt. Hierzu gehört besonders der edle Moses Mendelssohn, der den größten Einfluß auf die Bildung der Nation hatte, der hochgeschätzt zu feiner Zeit, wegen seiner Sittlichkeit und Wissenschaft dastand; selbst Vieser erleidet von unfern ueueren Religionsgenoffen dasselbe Schicksal. Wir müssen mit ihm ausrufen: „Ahmet die Lugend der Nationen nach, deren Untugend - ihr bisher nachahmen zu müssen geglaubt. Wollt ihr gehegt, geduldet und von Andern verschont sein, so heget und duldet und verschonet euch unter einander! Liebet, so werdet ihr geliebt werden." Eure Werke werden alsdann gleich den seinigen'in fremde Sprachen übertragen weiden, ihr werdet geachtet gleich ihm dastehen, ihr werdet euch als Wächter der Uroffenbarungs- UtkUNdeN bewähren und der Menschheit Dienste leisten, da die Grundlage der Offenbarung nur der Menschheit zufällt. Wenn ich nun in dein Eingänge dieses Aussatzes meinen Unmuth über verschiedene Zustände unserer Literatur ausgesprochen habe, so werde ich im Verlaufe derselben meine Behauptung in Bezug auf die angezeigte Schrift durch Beweise zu bethätigen suchen. — Ueber die Tendenzen dieses Werkes, sowohl über „M oral und Politik," als über das „Prinzip der Sittlichkeit und dessen Anwendung" giebt die Offenbarung den besten Aufschluß, den leider der Verfasserbei seinem Besitze von gründlichen Kenntnissen nicht durch Nachforschungen zu ermitteln und zu erörtern sich bemüht. Wir wollen daher das vom geehrten Verfasser Verabsäumte hiermit nachzuholen und zu ergänzen suchen. Das Moral-Prinzip der Bibel ist wie bekannt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst." Wenn das Judenthum das höchste Prinzip der Religion in den Sätzen ausgesprochen hat „Dir ist es gezeigt worden, um zu erkennen", daß der Ewige der Gott ist, und Keiner mehr außer ihm", und „Du sollst den Ewigen, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen lieben (Deut. 6, 5), so hat es auf gleiche Weise das höchste Prinzip der Moral in jenem Verse aufgestellt. Diese Prinzipien führen einst die Menschheit dem Reiche Gottes entgegen (Jes. 2, 1. 3. Zef. 3, 9. Zach. 14, 9. Jes. 66, 20. 21). Aus jenem Prinzip der Moral sind übrigens auch zwei Sätze zu folgern: . a) Der negative: „was dir verhaßt ist, oder was du nicht willst, daß man dir thue, das füge Keinem andern zu." t>) Der positive: „was dir lieb ist» und was du willst, \ daß man dir thue, thue auch Andern." Ich kann nicht unterlassen aus dem einleitenden Vorbel richte zu meinen vermischten Aufsätzen (Breslau, 1841) hier lc Folgendes darüber anzuführen. | „Negativ aufgefaßt verlangt die Vorschrift nicht ein I Handeln, sondern nur ein Unterlassen gewisser Handlungen. £ Ihr kann daher ein jeder „ auch der Einzelne, in seiner Zhäf: tigkeit allein auf sich beschränkte Mensch vollkommen genüi gen. Aber die positive Seiteder Vorschrift auszufühcen | reicht die Kraft des Einzelnen nicht hin. Er vermag nicht 1 die Liebe, die er gegen sich selbst fühlt zu unterdrücken, daß E die Erhaltung Anderer ihm eben so wichtig erscheinen sollte, I wie die Erhaltung seiner selbst. Er kann auch nicht gegen? Alle gleiche Liebe üben, er muß sich beschränken; er muß die ihm näher Stehenden von den Entfernteren absondern, er kann.! wenn er auf seine isolirre Kraft beschränkt bleibt, die Pflicht s I der Liebe nach der positiven Seite hin nur gegen die Seinil' gen üben und mußte sich bei den entfernt Stehenden auf das! Negative beschränken rc. Vermag nämlich der Einzelne die j Lugend nur durch die Unterlassung einer jeden den Nebenmenschen verletzenden Handlung zu üben, so muß er, um auch j handelnd, positiv, dem Gesetze der Liebe folgen zu können aus M seiner isolirten Stellung heralistreten, er muß sich Andern U zu gemeinsamen Handeln anschließen; er muß Kommunalj Tugend üben. Das Gesetz der Liebe ist also das allgemeine j eigentliche Gesetz, das alle anderen in sich schließt, das durch j sie nur näher erläutert und bestimmt wird» „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." enthalt daher auch die Vorschrift: Schließe dich deinen Nebenmenschen an, bilde mit ihnen einen Verein und suche dadurch die Zwecke zu erreichen, dem Gesetze der Liebe die Entwickelung zu geben, die du als Einzelner nicht würdest erlangen können. Diese Kommunaltugend ist also in der Theokratie ein Ctaatsgefttz. Auch neuere Philosophen, z. B. Fichte, haben Anschließen an die Gemeinde für eine der ersten Menschen - Pflichten erklärt, woran sich auch in negativer Hinsicht das Kant'sche Moral-Prinzip anschließt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, von welcher du wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde"; dies ist die Moral und Politik der Bibel. In negativer Hinsicht sind die Gesetze in folgenden (Zitaten angeführt (Ex. 22, 20—26. Dort. 23, 1—9. Lev. 19, 11—18. 33—36. Dort. 25, 39—43. Deut. 23, 16. Dort. 24, 11—16 und 22, 8), in positiver Hinsicht hingegen, „der Reiche blicke nicht mit Verachtung auf die Armen herab, sowie der Arme nicht mit neidischen Augen den Begüterten anschaue." Beide sind zur gemeinschaftlichen Wanderung auf Erden bestimmt, Beide müssen sich begegnen, da ihr Schicksal in der ewigen Ordnung wurzelt (Prov. 22, 2), wie es heißt, „fehlen wird es nicht an Dürftigen im Lande" (Deut. 15, 11); denn die ungleichen Fähigkeiten, sowohl körperliche, wie Kraft und Gesundheit, als auch geistige, wie Gedächtmß, Phantasie und Scharfsinn, müssen als göttliche Patente zu größeren Glücksgütcrn be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.