Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1850
- Issue
- 18 (4.5.1850)
- Date
- 1850-05-04
- Page
- Spalte 279-280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8555529-9891031-9891058--6365-3535722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
279 280 Studien. Der Natur-Philosoph. Von M. Zipser, uns selbst kennen wir am wenigsten, wie so Tollten wir zur Erkenntniß Anderer gelangen, die Verstellung als die höchste Kunst betrachten und die durch ihr äußeres Erscheinen auch das geübteste Auge blenden. Mein Lehrer war mein Vater, der fromme Harfensänger; das Lehrhaus, das ich mit ihm besuchte, war der große Tempel der Natur. Da sehet nur hinaus, auf die großen bläulichen Pergamentrollm, wie sie sich da ins Unendliche ausbreiten; schauet die erhabene Bilderschrift da oben, die das ganze Firmament bedeckt und in der wir selbst blos einzelne Schriftzeichen und Charaktere1 ausmachen. Wer da zu lesen versteht, ist der wahre Weise, hat eine unerschöpfliche Quelle zur Erforschung der Wahrheit. Ja jede Naturkraft und Erscheinung, jedes Geschöpf und lebendige Wesen, jeder Baum und jede Pflanze vom Niedrigsten bis zum Erhabensten, ,,vom kleinsten Mop bis zur höchsten' Erder", sie alle trugen zu meiner Belehrung bei, waren nur verschiedene Abtheilungen in meinem Unterrichtsgange, ynd machten die Lehrbücher aus, aus denen ich Weisheit gezogen. Bon da entstanden meine Lebeusregeln, von da lernte ich Liebe, unverlöschbare Liebe zur Tugend und Haß und tiefen Abscheu für das Laster kennen. — Wie viele Systeme haben nicht die Weisen aller Völker über das Dasein und die Natur des höchsten Wesens entworfen, ohne je aus dem Labyrinthe ihrer Jrrthümer herauszukommen, weil sie dabei mehr ihre eigenen gebrechlichen Ansichten um Rath befragt, als die unvergänglichen Werke der Schöpfung zum Führer genommen. Komm, so sprach mein Vater zu mir, als wir uns einst mit Betrachtungen über dieses höchste und heiligste aller Wesen unterhielten, komm mit mir in den großen Templ! der Natur, forsche da im ewigen Buche, das Gott selbst zu unserer Belehrung so meisterhaft niedergeschrieben, wie da tausende von Sonnen, gleich himmlischen Rosen auf ätherischer Flur erblühend, in jedem Augenblicke zum Vorscheine kommen. Wie groß ist die Zahl der Welten und Weltenheere, wie unendlich der Raum, worin sie schweben! Kein menschliches Auge vermag diesen Raum zu durchlaufen, kein menschlicher Verstand seinen Inhalt zu umfassen. Was ist, o Sterblicher gegen das große Schöpfungs¬ 1) Diese Metapher von der Vergleichung der Natur zu einem beschriebenen Buche, wobei die Himmel die Pergamentrollen, die einzelnen Geschöpfe, die verschiedenen Schriftzüge bilden, findet sich in der Bibel, häufig vor: Und zusammengerollt wie ein Buch werden die Himmel. Forschet in dem Buche des Ewigen und leset darin. Jes. 34, 4. lü. Sieh, ich bin blos ein Zeichen — und da das Buch, das mein Gegner (Gott) geschrieben. Job 3l, 35. Wird ein einzelnes Wesen ein Schriftzeichen im Buche der Natur genannt., so können wir im engern Sinne die Gesammtheit eines Volkes, das aus solchen einzelnen Schriftbildern besteht, ebenfalls einem Buche vergleichen. Die 2 Mos. 32, 32 vorkommende Stelle: Wo nicht aber lösche mich aus deinem Buche, das du geschrieben, wäre blos eine poetische Umschreibung von dem in 5 Mos. so häufig befindlichen Ausspruche.' nrf031 »l'DJJD. reich deine gebrechliche Wohnstätte, die wie ein Sonnenstäubchen im großen Weltall verschwindet! Wie unendlich groß ist daher das Schöpfungßgebitt! Und wie groß der Gott, der dieses zahllose Heer von Welten und Weltengebielen schuf und werden hieß! Wie lief dessen Weisheit, die Alles so ordnungsvoll reihete! Wie grenzenlos dessen Güte, die dies Alles nur zum frohen Genüsse lebender Wesen entstehen lies! Kann irgend etwas uns wohl erhabenere Vorstellungen von der Gottheit verschaffen? Kann irgend etwas uns dieses erhabene Wesen bewunderungswürdiger,und erstaunungsvoller darstellen? Und vermag irgend etwas unser Herz mit tieferer Ehrfurcht gegen unfern Allvater zu erfüllen, als die Betrachtungen über das große Schöpfungsgebiet? Sieh , - „wie die Himmel die Ehre Gottes erzählen, und die Beste sein Händewerk verkündet. Was haben nicht schon die Menschen, setzte der König in seiner Unterredungsweise fort, über Regierung und Leitung der Völker gedacht und entworfen; ein jeder suchte eine eigene Kunst zum Herrschen zu erfinden. Mein Vater, bevor er vom höchsten Wesen zur Leitung seines Volkes berufen worden, war ein einfacher Hirt unter den Stämmen Jsrael's, der in des Sommers Hitze und des Winters Kälte die Heerden seines väterlichen Hauses weidete und seine daselbst friedlich dahinfließenden Tage und Stunden mit fröhlichen Gesängen zum Lobe des Herrn verbrachte. Er gebrauchte stets folgende Art in der Weisung seiner Schafe. Er führte zuerst die zarten Lämmer auf die Weide hinaus, damit sie das weiche und frische Gras genießen, dann brachte er die alten herbei, daß sie das mittelmäßige abweiden; zuletzt ließ er erst die starken und kräftigen kommen, denen die harten und starken Stengel noch übrig blieben. Auch führte er nie feine Heerden auf fremdes Gebiet, ließ es nie zu, daß sich diese auf Kosten Anderer nähren und mästen; die freie und unermeßliche Wüste, die noch keinen menschlichen Eigenlhümer gefunden, diente ihm zum Aufenthaltsorte während seines Schäferlebens. Der Herr, der unsere Thaten alle genau prüfet, gewahrte auch diese fromme und zarte Handlungsweise meines Vaters, und er spracht 2)!?N “OD D'IEJDD D’Dtyrj , D'IDIX D'M T.1D VT. Uebrigcns wurzelt duscr natürliche Deismus, wonach wir zur Gotteserkenntniß aus den Betrachtungen der Schöpfung gelangen, im hohen Alterthume, und finden sich Spuren davon in den übriagebliebenen Fragmenten fast aller alten Volker. Auch Maimuni erklärt in diesem Sinne die talmudische Stelle: rpID.in 'Sü HW „die allgewaltige Kraft der Schöpfung und die Erhabenheit der Natur sind mächtige Zeugen und sprechende Beweise vom Dasein eines Weltenherrschers. •6) ■ |N<n “ni> pm jna’ pns : o^nn am» tDDp tet nies? Ap> > J3nn ran nj? o^nn Mp^' I^ondi D«un tt'LD in nw jn« niNtobo wnp'? nq’ tNa nijnt> jni’i rn'pn io« c'iwy Wi n^ru |nu m"pn p« : a a mct? rm ’Dj; rin njn’i