Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1850-04-13 · Heft 15 (13.4.1850) · p. Seite 59

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 15 (13.4.1850)
Date
1850-04-13
Page
Seite 59 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360634-2360650--7053-3535675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-- 59 - und sott scheu irr diesen Tagen den Gerncindemitgsiedern zugeschickt werden ich werde mich beeilen, Ihren Lesern ' dasselbe, so bald als möglich mitzutheilerr. — Um die in hiesiger und Charlottenburger Garnison sich befindenden Truppen mosaischer Konfession Gelegenheit zu geben, das Pesachsest nach Vorschrift ungestört feiern zu können, wandte sich daS hiesige Rabbinats-Kolleginm an den Oberbefehlshaber der Truppen in den Marken General v. Wränget um eine Dispensation auf acht Tage, die Dauer des ganzen Festes, vom Wacht- und jeglichem sonstigen Militärdienst uachznsnchcn. Schon am folgenden Tage erfolgte durch einen vom genannten General an die Hauptleute der . einzetnen Truppenabtheilungcn erlassenen Armeebefehl, die erbetene Dispensation und unser Gemeinde-Vorstand, der stets einen edlen Sinn für das Humane und Religiöse bekundete, gab bereitwillig die Mittel zur anständigen Beköstigung während des ganzen Festes, für alte israelitische Truppen, die sich hier in ziemlich großer Anzahl befinden, her. — Mögen unsre edlen Vertreter stets, auch bei andern derartigen Gelegenheiten, in diesem Sinne handeln. — P. Berlin, 27. März. Auch die israelitische Gemeinde in Brandenburg hat sich, ermuntert durch das benachbarte Potsdam, in welchem Herr Dr. Apolant mit segensreichem Erfolge wirkt, jetzt entschlossen, ‘ einen Prediger aufzunehmcn und zu dieser Stelle den Ralstünats - Kandidaten Herrn Etkan Cohn von hier . berufen. — Hr. C. der hier seit geraumer Zeit den Studien der jüdischen Theologie mit günstigem Erfolge oblag, verspricht durch seine gründliche Bildung einerseits und durch seinen edlen und würdigen Charakter andererseits viel Tüchtiges zu leisten und den Ansprüchen der Gemeinde in allen Beziehungen zu genügen. Der junge aber würdige Prediger verließ gestern Berlin um sein Amt anzutreten, begleitet von von den herzlichsten 'Segenswünschen seiner zahlreichen Freunde und Gönner. Berlin, 31. März. In den heutigen Vormittagsstunden fand das Leichenbegängnis' des vor wenigen Tagen hier verstorbenen Geheimen Kottunerzienraths Wilhelm Beer, Abgeordneten der letzten aufgelösten ersten Kammer statt. Den Verblichenen, welcher bekanntlich - der ultra-konservativen Partei angehörte, und der in der Kammer als der einzige Abgeordnete mosaischer Konfession (horribile dicLu) sich dem Anträge Gcrlach-Stahls, '*cr gegen die Judenemaneipation und für einen christlich-germanischen Staat gerichtet war, anschloß, folgte .ein rönigt. Staatswagen wie auch eine unzählige Menge der hiesigen Notabilitäten, worunter sich auch die Herren Alexander v. Humboldt, die Professoren und Geh. Regierungsräthe Enke, Böckh, Dietriei und sonstige höhere Staatsbeamte befanden. — Auch die Zöglinge des hiesigen israelitischen Waisenhauses, denen der Dahingeschiedene in reichlichem Maaße sein Wohlwollen angedeihen ließ, schlossen sich mit ihren Lehrern dem großen Zuge an. Die hiesige Gemeinde verliert irr dem Verblichenen ein höchst wohlthätiges Mitglied. P. Prenzlnn, 24. März. Unser neuer Rabbiner, Herr Dr. Lazarus hielt gestern seine Antrittsrede, die sich des ungerheiltcn Beifalls der ganzen Gemeinde erfreute. Er hatte Daniel 12, 3 zum Text und den nrehrsachcn Berus eines Rabbiners in der jetzigen Zeit zum Thema. Friedrich der Große und die Bürger von Nen-Rnppin« Motto: Die Krämerseelen glauben, Gott habe die Welt nur für Christen geschaffen, wenn es auch nicht erwiesen ist, daß Adam ein Christ war. (Orient 1850. No. 1.) Der Prager Korrespondent des Orients erzählt in No.1 d. I., es seien Deputationen aus Sternberg und Budweis bei dem Kaiser Franz Josef gewesen und hatten ihn gebeten,nicht zu gestatten, daß jüdische Kaufleute in den genannten Städten sich ansiedelten; sie könnten daselbst den Handel ruiniren. Der junge Monarch sei ob solcher inhumanen Gesinnung entrüstet gewesen und habe die Deputationen mit ihrem hartherzigen Gesuche ungnädig zurückgewiesen. „In Oestreich ist der .Monarch seinem Volke voraus," — sagt hierauf der Korrespondent aus Prag und schließt alsdann mit den Worten, welche wir als Motto an die Spitze dieses Artikels gestellt haben. — Die Geschichte des Prager Korrespondenten aber veranlaßt uns, den Lesern dieses Blattes eine ähnliche aus dem vorigen Jahrhundert zu erzählen: Die Stadt Neu-Ruppin in der Mittelmark war von je her gegen Alles, was Jude hieß, feindselig gesinnt; sie ge-? stattete keinem Juden den Aufenthalt, ja nicht einmal ein Nachllager in ihren Mauern*) und ihr Haß gegen dieses unglückliche Volk ging so weit, daß sie sich durch denselben sogar einmal bis zum Ungehorsam gegen die Befehle ihres Königs hat verleiten lassen. Es war nämlich im Jahre 1767, als sich vier jüdische Familien aus der Neumark an Friedrich den Großen mit dem Gesuche wandten, er möchte ihnen die Freiheit gewähren, daß sie sich in Neu-Ruppin niederlaffeu und daselbst Fabriken anlegcn dürften. Und der König erfüllte die Bitte der Juden, indem er ihnen das gewünschte Privilegium sofort ertheilte. Dies war für die Krämerseelen von Neuruppin eine schmerzliche Nachricht. Aber sie besannen sich nicht lange, sondern schickten auf der Stelle an den König eine Deputation ab, welche — mit Berufung 1) Das ist noch nicht Alles. Auch nicht einmal die bloße Durchfahrt war den Juden gestattet, wie dir Leser aus dem Schluffe dieses Aufsatzes ersehen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.