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Der Orient · 1850-04-06 · Heft 14 (6.4.1850) · p. Seite 54

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 14 (6.4.1850)
Date
1850-04-06
Page
Seite 54 (sequence 3)
Language
German
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statlfindenden Prüfung der Zöglinge der jüdischen Religions-Unterrichts-Anstalt emladet. (S. O.) Breslarr, 18. März. (Schluß.) Denn trotz allen unerfreulichen Erfahrungen, welche die letzte Zeit darbietet, bleibt mir das prophetische Wort eine Wahrheit: „Mein Geist, der auf dir ruht, Meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, sie werden nicht aus deinem Munde weichen, nicht aus dem Munde deiner spätesten Geschlechter, spricht Gott, von nun an bis in Ewigkeit" iJes. 59, 21). Der religiöse Sinn, die Theilnahme an den religiösen Angelegenheiten des Judenthums, welche in den letzten zwei Jahrzehnten allmälig erstarkt waren, die Innerlichkeit in ihren: ernsten Sehnen, dem gemüthliehen Bedürfnisse auch in entsprechenden religiösen Institutionen und Formen einc wahre Befriedigung zu gewähren, sie haben Zieh in neuerer Zeit wieder sehr verflacht, die Tiefe des Gemüthslebens ist von der Aeußerlichkeit sortgespnlt. Zu inner kräftigen That, welche in unfern Zuständen so Noth thut, ist lveder Muth noch Ernst vorhanden. Der verwaiste Gottesdienst erfreut sich nicht der energischen Heilung, und werden umsichtig erlogene Heilnüttel dargeboten, so werden sie gleichgültig oder mit Unbehaglichkeit zur Seite gelegt, weil cs au: Ernste zur Prüfung und an der Kraft zur eigenen Neugestaltung fehlt. Bei den Einen macht der träge Schlendrian, bei den Anderen die Hohlheit mit ihrem selbstgefälligen Dünkel, über aller Religion und aller geistigen Bedürftigkeit erhaben zu sein, sich breit bis zum Ekel. Nachdem die wahre und astektirte Begeisterung für Menschenrecht und Freiheit abgekühlt ist und die wohlfeile Phrase nicht mehr der Eitelkeit ein Genüge giebt, -hat'man es ganz nunöthig gefunden, sich noch für Etwas zu begeistern und überhaupt dem Geiste ein Recht einzuräumen. Mit einer wahrer: Wuth. stürzt man sich in die' lange entbehrten Vergnügungen, m:d der gesunde Frohsinn steigert sich zu verzehrenden: sinnlichem Feuer. Diese Krankheit der Zeit ergreift die Juden'um so mehr, als nun-endlich die Geselligkeit, nicht beschränkt durch, konfessionelle Engherzigkeit, auch ihnen ihre gastlichen Tempel öffnet, und als unter ihnen ein herkömmlicher Ständeunterschied, der einen jede,: Stand vor Ueberspringnng natürlicher Grenze:: wahrt, nie stattgefunden hat. Dieser Uebelstand hat nun einen höchst traurigen Einfluß auf die Erziehung der--Jugend. Die Erziehung der Gegenwart ist eine durchaus äußerliche geworden. Nicht Bildung des Geistes und Charakters wird angestrebt, sondern der äußere Schein der Bildung und die gesellschaftliche Tournüre; oberflächliche Vielwisserei, Vollpfropfen mit allerhand Dingen, die niemals verdaut werden, und vorzüglich frühzeitiges Erlernen nicht des Nützlichen und Ertüchtigenden, sondern dessen, was salonfähig macht, ist unter allen Klassen herrschender Ton. An. dieser Verkehrtbeit tragen die beiden Extreme die Schuld: die Pedanterie, welche das Veraltete nur einer komischen Gründlichkeit aufrecht erhält, und die Frivolität, welche nach den: Allerneuesten hascht. Ans der einen Seite muß die Jugend an dem Buchstaben und Knochengerüste des Alterthums nage::, ohne zum Geiste vorzudringen aus der a::deru soll ihr, und besonders im Privatunterricht, belletristisch verdünnt, alles Schöne rasch' beigebracht werden. Eine tüchtige Geschichtskenntniß, ein gewandter Ausdruck in der Muttersprache, ein klares Denken muß in den Hintergrund treten. Welche Stellung kann in einer solche:: Erziehung der Religionsunterricht einnehmen? Die Verehrung des Alterthums beschränkt sich auf die lateinische und griechische Sprache, und sie verschließt der hebräischen den Eintritt; die Aeußerlichkeit erkennt in dem religiösen Ernste ihren Feind. So läßt mau denn den Religionsunterricht ertheilen, nicht als einen Gegenstand der Weihe fürs Leben, als die nothwendige höchste Erkenntnis' für Geist und Herz, sondern daö Kind soll auch darin nicht Zurückstehen, die Eltern »vollen auch da das Ihrige gethan haben. Aber die Ehrfurcht, welche aus dem Hause zu:n Unterrichte mitgebracht werden muß, sie fehlt, und - damit der gesunde Boden, der zu bearbeiten ist; ja statt der Ehrfurcht bringt das Kind für das Eine und das Andere inehr Unlust mit. Das Hebräische, das lveder bei den Gelehrten in: Allgemeinen noch in den Gesell-! schäften currente Scheidemünze ist, obgleich es als wahre - Sprache der Frönunigkeit seinen gediegenen Goldgehalt i nicht eingebüßt hat, gilt nun einmal nicht, und wozu nützt's? fragt der Knabe, eine Frage, die er" im Grunde; dem Vater vom Gesichte ablicst, wenn dieser auch als! strengen Verehrer des ganzen, ungeänderten hebräischen \ Gottesdienstes sich geirrt. Uud trifft cs sich gar, daß j eine Cotlision eintritt, daß ein Privatunterricht z. B. tm Englischen oder in der Musik gerade zu derselben Zeit gelegen ist, in welcher die Anstalt ihre Religionsstundeu erthcilt, so fallt selten der Urlheilsspnrch der Eltern zu Gunsten der Religion anS, der problematische Nutzen oder die Sucht rnü den: Kinde zu glänzen erringt den Sieg. Natürlich muß eine solche Stimmung auch schon in der religiösen - Empfindung der Jugend sich zeigen. Mit tiefen: Bedauern spreche ich es aus: Ich finde Fähigkeiten, auch in: Allgemeinen Fleiß wie früher, aber die Freudigkeit und die Weihe, die Innigkeit und der heilige Herzenödrang.,, die uns früher bei den reifer:: Zöglingen so oft beglückten, werden seltner. Aber es muß' auch diese Zeit der Prüfung überwunden werden; es wird das Geschlecht der Gegenwart doch endlich inne werden: daß ohne Dcmuth keine Kraft, ohne Bewußtsein, seiner Endlichkeit keine Freiheit, ohne heiligende Verbindung mit Gott keine Sittlichkeit, ohne Glauben und Gottesfurcht keine Liebe, ohne Selbstbeherrschung und Kraft zur Entsagung keine Lebeusfrendigkeit, ebne Bewußtsein des höher:: wie des eigenen ewigen Geistes keine Menschenwürde. Und , mit dieser Zuversicht traten wir muthig in ein neues Jahr. Hannover, 7. März. Bildungsanft alt für jüdische Lehrer. Nachdem die Biidunqsanstalt für jüdische Lehrer seit dem 7. November J848 ins kcben getreten ift, hat sie in Erreichung ihres Zweckes erfreuliche Fortschritte gemacht. Es sind 9 Schüler aufgenomnu >>, welche-in 2 Abteilungen und 39 wöchentlichen Stunden den Unterricht in den Lehrgegenftändkn. erhalten haben, welche im Plan der Anstalt verzeichnet sind. Wir können im Ganzen mit dem Erfolg des Unterrichts nur zufrieden sein — wie denn binnen Kurzem zwei Zöglinge die Anstalt verlassen können, um ibren Beruf als L'brcr anzulreten. — Auch hoffen wir, daß es der Anstalt an Zöglingen nicht fehlen werde, da schon jetzt mehrfache neue Anmeldungen eingelaufen und andere demnächst noch zu erwarten sind.

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