Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1850)
- Date
- 1850-04-06
- Page
- Seite 53 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360634-2360649--7046-3535659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berichte, Studien und Kritiken Elfter Das Abonnment auf «n.Zahr ist 5 Thlr. Man abonm'rk bei allen lövl. Postämtern und allen solid. Buchbandrungen auf ein Jahr. für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Dr. Julius Fürst. Jahrgang. Don dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich das Litcraturblatt mitgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Dienstag regelmäßig. M 14, 1850 Inhalt. Deutschland. Breslau. Geigers Vorträge über jüdische Geschichte der Jetztzeit. Betrachtung. Breslau. Die religiösen Zustände der Gegenwart. Aus dem Programm. Hannover. Lage des dortigen Seminar's. Bericht darüber. Finanzielles. — Die Juden und das Geld. Fragmentarische Zusammenstellung von L. Weyl. — Personalchronik und Miscellen. Berlin. Krakau. — LB. b. Or. Deutschland. BreslttU, 15. März. (Geigers Vorträge über jüdische Geschichte der Jetztzeit.) Am gestrigen Abend beschloß Rabbiner Dr. Geiger seine im Laufe des Winters gehaltenen Vorlesungen über „jüdische Geschichte der Jetztzeit", mit einer flüchtigen Ueberstcht der Ereignisse im Scheoße des Judenthums während des Zeitraumes von 1840—50. Was bis zu dieser ersten Periode nur auf schriftstellerischem Wege erzielt werden konnte, woran die von ihm hcrauögegebene „Zeitschrift für jüdische Theologie" einen nicht geringen Antheil nahm, hat endlich diese neueste Zeit zum Theil verwirklicht; die Reform, bisher von drei gleich mächtigen Gegnern, der Orthodorie, dem Jndifserentismus und dem Radikalismus angekämpft, ist durchgedrungeu, und -sie hätte allerdings ihre segensreichen Früchte getragen, wenn sie ihrem Begriffe getreu, blos eine Reform geblieben wäre, und nicht durch Einmischen von Persönlichkeiten das Kostbare, das in ihrer Idee liegt, eutwerthet worden wäre. Dieses Schicksal hat aber immer eine Idee, wenn sie Parteien Hervorrust, dieses Schicksal ist aber oft zerstörend, die ganze Idee vernichtend, und zwar am allersichersten bei religiösen Angelegenheiten. Wird nun noch dieses getheilte Interesse durch etwas Neues, Außerordentliches abgezogen, dann ist lange Zeit dazu nothig, um nur für Augenblicke ein Interesse für eine Sache, die schon hinlänglich erörtert worden ist, wieder zu gewinnen. Ein solches Looö hatte die Reform erleiden müssen durch die inzwischen eingebrochenen Stürme im Staatöleben, und wenn gleich stc nun wieder beigelegt sind, deshalb wünscht man sich doch nicht die vormärzlichen Tage, also auch nicht die religiösen Dispute über Reform oder Nichtresorm zurück. Gleichgiltigkeit gegen Alles, was nicht interessant ist, ist an die Stelle der Schwärmerei getreten, und Niemand denkt mehr daran, für einen erbaulichen Gottesdienst, noch für diese oder jene Gebetsprache das Wort zu reden — Alles mag beim Alten bleiben. Am Ende wäre es aber auch wirklich gleichgiltig, ob dieser oder jener Instituten neue Gewänder angelegt werden, wenn sie überhaupt noch Lebenskraft in sich hätten; diese geht ihnen aber attmählig verloren, je mehr an ihre Verschönerung und Veredlung gedacht wird, und Zank und Hader eigentlich nicht um ihrer selbst willen, sondern vielmehr um ihr mehr neues oder mehr uraltes Auftreten ausbricht. Doch die Gleichgiltigkeit besänftigt den Streit, und kein Streiter ist mehr zu finden, und das Jahr 1850 machte dm allerdings nicht erquicklichen Abschluß mit der völligen Theilnahmtesigkeit an religiösen Interesse. Mit Bedauern darüber beschloß Geiger seine Vorträge über jüdische Geschichte, doch keincsweges giebt er seine Hoffnungen auf Wiedererwachen religiösen Gefühls auf, sondern bezeichnet unsere heutige Zeit als den Durchgangspunkt zu einem Besserwerden. Dieses Bedauern und dieselben Hoffnungen spricht Geiger auch am Schluffe seines diesmaligen Programms aus, das zu der am 17, d. im Saale des Elisabeth-Gymnasiums.