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Der Orient · 1850-03-23 · Heft 12 (23.3.1850) · p. Seite 46

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Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 12 (23.3.1850)
Date
1850-03-23
Page
Seite 46 (sequence 3)
Language
German
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46 welche die bekannte Motion des Hrn. Warn bekämpften , zuerst Verschiedenes über die Anhänger der mosaischen Religion äußerten , welches zeigt, daß sie hierbei nicht die wirklich c.ristirenden Juden vor Angen hatten, sondern daS abstrakte. Wert „Jude" zu welchem ihre Phantasie mit Hilfe alter Vornrtheile und Ammenmärchen ein wunderliches Bild geschaffen hatte, gingen sie doch bald alle zu theologischen Raisennements über, welche offen und ohne .Umschweif dargestellt des Inhalts sein würden, daß die Vortheile des christlichen Staats so wenig als möglich den Nichichristcn zn Gute kommen sollten. Die Absicht mag hier wohl sein, das Christenthum zu schützen unt» ansznbreiten; aber wir glauben, daß das Christenthum selbst einen solchen Schutz verwirft, und daß man in der heiligen Schrift vergebens nach irgend einer Antenrät für eine derartige Ausbreitung der religiösen Wahrheiten suchen wird, da Haß und Unterdrückung gegen Andersglanbende gegen das innerste Gnmdwcfen unserer Religion streitet; wir halten es für Unrecht, das Heilige mit irdischen Interessen zu verwischen, die Religion als eine Parteisache zn betrachten, wo cs gilt durch alle Mittel eine so große Zahl als möglich unter ihre Fahnen zn sammeln. Nach unserer Ansicht erniedrigt man die Religion gerade durch diese Mittel, welche sie erheben und auSbreiteu sollen, indem man ihnen so schlechte Bundesgenossen giebt, die gegen Alles streiten, was in der Natur deö Menschen, frei, wahr und edel ist. Die Verbindung irgend einer Religion mit äußeren Vortheilen, die Annahme derselben als eine.Bedingung der bürgerlichen Existenz muß endlich dahiir führen, daß man die Religion nur als etwas ganz Acnßcrlichcs und das Bekennen zu derselben als eine bürgerliche Handlung betrachtet, mit der Wahrheit und Ueberzengung in gar keinem Zusammenhänge stehen. Es ist leicht cinzuscheu, welchen Einfluß dies auf dm religiösen Sinn im Allgemeinen haben würde, und welche geringe Achtung vor der herrschenden Religion hierdurch bei den Bckeunern der unterdrückten bestehen müßte, besonders da sie von einer Religion, welche sich selbst die des Friedens und der Liebe nennt, nichts als Haß, Intoleranz und Unterdrückung erfahren. Deshalb dürste auch die Vermehrung, welche das Christenthum in der Zahl seiner Anhänger durch den Uebergang aus dcr unterdrückten Religion zu ihr gewonnen bat, ein sehr zweideutiger Vorthcil sein, da vielleicht oft die Besten und Edelsten jeden Gedanken an eine Religionoverändernng verwarfen, so lange sie in so nahem Zusammenhänge mit äußern Gewinn und Vorthcil steht. Wir glauben, daß gerade die Intoleranz und Unterdrückung die Elemente gewesen sind, welche das Judenthum so viele Jahrhunderte hindurch als eine abgesonderte Religion haben bestehen lassen. — Ja der innern Kraft und Wahrheit des Christenthums finden wir die wahre Sicherheit für ihre Entwickelung sowohl in nnferm, wie in jedem andern Lande; sie weist mit Stolz den Schutz zurück, den der Staat ihr durch die Unterdrückung einer Minorität der Landeskinder verschaffen will. Wir sehen ja auch, daß das Christenthum seine wärmsten und eifrigsten Anhänger gerade da Hai, wo es nicht im Bunde mit der Macht, sondern mit der Freiheit steht. In den nord-amerikanischen Freistaaten hat jedes Glaubensbekenntnis; gleiches Recht, aber da§ Christenthum wird dort mit einer viel größern Wärme, als in der alten Welt umfaßt, und breitet sich immer siegreicher durch seine innere Machtaus. — Unter den Grundsätzen, für welche unsere Zeit kämpft, nimmt die Gewissensfreiheit meinen wichtigen Platz ein und unsere Zeit kennt keine andere Realisation dieses Grundsatzes, als die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze, ohne Rücksicht auf ihre religiöse Ueberzengung. Ein Mittelding zwischen Intoleranz und Freiheit.kann von keinem Gesichtspunkte ans vertheidigt werden; um konsequent zu sein, muß man entweder zn dem alter: Religionsfanatisnlus zurücktreten: den Andersglaubendcn die Rechte entziehen , welche sie jetzt genießen, und sie durch alle Arten deö äußern Druckes zn eirrer Religions- Veränderung zu bewegen suchen, oder aber dem Glauben und der Ueberzengung volle Freiheit lassen. Daß die Folge von der Emancipation der Inden eine selche ist, welche nicht von einer oder der andern Zufälligkeit, von der Theilnahme oder der Menschenliebe eines oder des andern Einzelnen geweckt wird, sondern daß sie von tieferer Bedeutung für das neuere Staatsleben , daß sie eine Nothwendigkeit ist, der kein Volk sich entziehen kann, welches die Bahn deö Fortschrittes mit Aufrichtigkeit betritt, zeugt sich am deutlichsten darin, daß überall, wo eine durchgreifende politische Bewegung ans das Leben des Volkes eingewirkt hat, diese Frage stets zn den ersten gehörte, mit deren Losung mansich befaßte, und daß die Art und Weise, wie sie gelöst wurde, sich fast überall als ein sicherer Maßstab für die Civilisation und die politische Entwickelung des Volkes zeigt. (Born.) 1 Deutschland. Stettin, 22. Febt. Die freie christliche Gemeinde Stettins, der die Benutzung der Aula zur Uebnng ihres Gottesdienstes nun auch entzogen ist, wendete sich in den letzten Tagen mit folgender Adresse an die Repräseutanten der Judengeiueinde: ,,Geehrte Brüderl Ein Ereigniß seltner Art, eben so denkwürdig in der Geschichte Stettins als der Civilisation überhaupt, ist die Veranlassung dieser Zuschrift an Ench; ihr Inhalt ist: Eine von Christen verfolgte Gemeinde ist gedrängt, ein Asyl bei den eiilst so hart verfolgten Juden zu suchen. Die freien Gemeinden, deren Streben dahin geht, das religiöse Bedürfnis' des Verstandes und Herzens nicht nach dem gemessenen Willen und nach herrfchsüchtigen Satzungen irgend einer Priesterkaste, sondern nach unabhängiger Erkenntniß von Wahrheit und Recht zu befriedigen, erfreuen sich nichts weniger als der Gunst der herrschenden Gewalten. Die Stettiner freie Gemeinde theilt dieses Geschick. Wir können über die Absichten, die inan gegen uns hegt, nicht mehr in Zweifel sein; wir können nicht einmal auf Billigkeit unserer Gegner hoffen. Unter Vorwänden , bei deren Wahl man sich nicht einmal die Mühe einer weisen Sorgfalt geben mag, sucht man die freie Religionsübnng der Gemeinde 31t unterdrücken; man '■gönnt ihr kein Obdach mehr, um Gott nach ihrer Ueberzengnng verehren zu können. Dadurch sind wir freilich für den Augenblick in Verlegenheit. Zwar haben wir unsere Verfolger nochmals um Schonung und Duldung angegangen, aber aus wohlbekannten Gründen können

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