Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1850)
- Date
- 1850-02-16
- Page
- Seite 27 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Y ^gehen. — Ein Akt ähnlicher Art steht uns nächstens v wieder bevor, von dem ich Ihnen zur Zeit Bericht er- '-j statten werde. 4 Aus der Provinz Posen, Ende Jan. Die / Zeit der fahrenden Chasanim ist (oder scheint / wenigstens)geschwunden, nicht aber die der fahrenden "j D rsch a n i m. Noch giebt es Theologen — moderne YY uitb nicht moderne — welche in der Welt umherreisen, - Y um bald da, bald dort von heiliger Stätte herab das Y'Wort. Gottes zu verkündigen, oder richtiger gesagt, um bald da, bald dort dem Volke einige Brosamen von "der Tafel des Herrn hinzuwerfen. — So ist erst Y am vorletzten Sabbat 'd) in der großen Synagoge Y 31t Lissa wieder so ein reisender Prediger gehört .; worden. Es war ein gewisser Dr. Jllovy aus Böh- ' .. wen, derselbe, welcher schon am letzten Passafeste im ' Lissaer Tempel drei Mat gepredigt und damals auch allgemein gefallen hat. — Von L. war Dr. I. im Frühjahr v. I. nach seiner Heimath zurückgekehrt; als- : dann hatte er wieder eine neue Reife unternommen, auf i derselben viele Gemeinden Deutschlands besucht, überall gepredigt, und soll er namentlich in Kassel, Breslau, R a w i c z und zuletzt in Kr o t o sch i n 1 mit großen! Beifall als Kanzelredner ausgetreten sein. Aus Kr. kam Dr. I. vor 14 Tagen wieder nach Lissa, um sich . daselbst noch einmal hören zu lassen. Aber diesmal hat er leider weniger Glück, als am vorigen Pessach gehabt. Der Beifall war nicht mehr so allgemein. — Hr. Dr. I., als Theolog der konservativen Richtung ■ rnigchörend, zeigt eine große Belesenheit in Talmud und Midraschim, hat eine schöne, blumenreiche Sprache und ■ - ist in daS Gebiet der Eregese ziemlich weit eingedrungen. Hätte Hr. Dr. I. einen reinern Dialekt und ein stär- ' keres Organ, so würde er den Lissaern als Prediger zu ' empfehlen sein. —! ’ Und nun machen Sie mit uns einen Sprung ans dem Süden des Großherzogthums bis zum äußersten! ' Morden desselben, nämlich von Lissa bis nach Schneidemühl. Aus diesen! Orte haben wir Ihnen ein Wnn-;; d er zu berichten. Staunen Sie! Die Reformer hateil sich mit den Alten geeinigt. Am vorletzten Sabtat sollte der Einzug der Erstern in den Gemeindetempel Y stattfmden. Ob er aber wirklich stattgcfunden, ist uns ins jetzt noch nicht bekannt worden.* 3 4 5 Wir wollen noch! ■; einen Brief abwarten, um Ihnen über diese Angelegen- 1) Hier hat sich Dr. I. fast 3 Monate lang aufgehal- - ten, in der Hoffnung, als Rabbiner und Prediger ausgenommen zu nerven. Die Krotoschiner hatten diese Hoffnung in * ihm geweckt, aber leider! wieder getäuscht. —, So Etwas /’ geschieht dort nicht zum ersten Mal. — Y 2) Won L. ging Dr. I. wieder nach Cassel, wo er bei j der Wiederbesetzung der Kanzel als Kandidat aüftritt. 3) Wir haben blos gehört, daß einige Tage vor dem j vorletzten Sabbat wieder neue Streitigkeiten in der Gemeinde heit Näheres mittheilen zu können. — Ungefähr gerade in der Mitte zwischen den beiden Gemeinden, von denen wir bis jetzt gesprochen, liegt die große Gemeinde Posen, welche aber nur insofern noch eine Gemeinde zu nennen ist, als alle ihre Todten auf einem und demselben Acker verscharrt werden und alle ihre Lebenden am Neujahrsnachmittage an einen und denselben Tuch zuTaschlich gehen. Sonst ist jedes Band zerrissen. Gemeinde-Abgaben existiren nicht mehr, Gemeinde-Beamten auch nicht. Der Raav ist der Einzige, welcher aus einem gewissen, noch erhaltenen kleinen Fond (bis zum Ablauf seines Kontrakts) sein Gehalt ausgezahlt bekommt. — Wer einen Schochet braucht, muß sich selber Einen besorgen. Gott sei Dank hat es aber in P. an Schochtim ebensowenig Roth als cm Schafen und Rindern. Bethäuser und Betstuben giebt es dort in Masse. Jede Betgesellschaft sorgt für ihren Chasan, wie für ihren Schammeß (Küster). Einige derselben haben auch Prediger. Von den Letztem verdienen besonders die Herren, Pleßner und Dr. Goldstern genannt zu werden. Durch diesen wird im Brüder - Verein, durch jenen in der sog. „Neuen Schule" das Wort Gottes verkündigt. Daß der Bruder-Verein auch Chorgesang hat wissen die Leser des Orients schon lange. —■ Die Frage, wer in P. die große Gemeindeschuld tilgen soll, ist noch nicht gelöst. — Man. glaubte, durch das Äb lö su ngs- Manöver^ von der Verpflichtung, die Schuld tragen zu helfen, sich entbinden zu können, allein man scheint sich getäuscht zu haben; denn die Regierung sagt jetzt, auch die Abgelösten seien zahlungspflichtig. Die Entscheidung ist dem Gerichte übergeben worden/ und wir werden nicht verfehlen, das Resultat dieses interessanten Rechtsstreites z. s. Z. den Lesern dieses Blattes ausführlich mitzntheilen. — —W— Aus Baiern, im Jan. Nach der neuen Münchner Zeitung sind bis zum 26. Jan bei der Kammer der Neichsräthe 542 Adressen gegen die Judengleichstellung, versehen mit 74,1ö6 Unterschriften eingelaufen. Dieselben gehen von 1565 Korporationen ans, nämlich von 47 Städten, 58 Märkten, 1434 Landgemeinden und 26 Vereinen. Von der Zahl der Adressen wie der Unterschriften trifft ein Dritttheit auf Obcrbaiern, ungefähr ein Fünftheil auf Niederbaiern, etwa ein Sechstel auf die Oberpsalz und ebensoviel auf Schwaben. Franken zusammen steht nur mit einem Viertheil der Gesammtsumme ein. Und doch haben die fränkischen Proausbrachen, was uns befürchten laßt, der Friedensschluß könnte wieder rückgängig geworden sein. — Gott verhüte es! — 4) Worüber wir in Nr. 26 v. I. (aus dem Netzdistrikt) ausführlich berichtet haben. 5) Bei welchem ein Thell der Gemeinde klagend ausgetreten. Beiträge zur Deckung der Prozeßkosten werden bei allen Abgelösten gesammelt.