Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1850-01-26 · Heft 4 (26.1.1850) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
11 (1850)
Issue
Heft 4 (26.1.1850)
Date
1850-01-26
Page
Seite 15 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2360092-2360634-2360639--6998-3535521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

t 15 , - physisch mißhandelte und durch ihre Helfershelfer verfolgen f Ließ. In den Händen der orthodoxen Partei der Lemberger ' Israeliten liegt eine bedeutende Macht, denn sie kann bei ' ihrem enormen Meichtnum über bedeutende Geldsummen dispom'ren und hat eben durch ihren Einfluß eine ganze Masse von Juden unter ihrer unmittelbaren Botmäßigkeit. Die /gebildeten Israeliten hatten noch unttr der vormärzlichen /Regierung mit fast unbesiegbaren Schwierigkeiten zu kämpfen, ' bis man ihnen erlaubte, aus eigenen Mitteln einen Tempel zum Gottesdienste und Schulen für die Erziehung der Jugend zu gründen. Die Orthodoxen proteftireen gegen die ' Reformen und mehr als einmal gelang es ihnen, die Obrigkeil für die Unterstützung ihrer bilvungsfeindlichen Schritte ■; zu gewinnen. Während des verhängnisvollen Jahres 181 ö, iDO in Lemberg der Kampf der politischen Parteien denKul- - lninarionspunkt erreichte, und es deren so viele als Schlag- ' Wörter in den publictstischen uno parlamentarischen Debatten gab, benutzten die orthodoxen Juden die Ohnmacht des Gesetzes und die allgemeine Verwirrung zu ihrem Bortheile und;; zur Durchführung ihrer konservativen Pläne. Doch der! - selige Dr. Kohn stellte sich ihnen mit eiserner Energie gegen- ' über tind vereitelte durch seine Festigkeit sowohl wie durch seinen mächtigen Einfluß beim Grafen Stadion, dem dama-; ligen Landesgouverneur Galiziens ihre gegen die Existenz '! und die Wirksamkeit der ^jüdischen Reformen berechneten ' i Schritte. Da alles nichts half, fanalissrte man die Menge i und suchte unter ihr Handlanger zur Verfolgung des Predigers zu werben, wobei seine Vernichtung geradezu als Got- ./.) ceswerk bezeichnet wurde. Dr. Koha starb einen Tod - ‘ durch Mörders Hand und ein Goldschmied und noch zwei Mttschuldige wurden ebenso wie die Hauptführer der orthodoxen Partei als des Mordes angeklagt wirklich, eingezogen. Doch. 1 es dauerte nicht lange, so wurden die reichen Juden, denen , man im besten Falle die moralische Schuld Zur Last legen , / mußte, freigelaffen und nur der Goldschmied fammt seinen 1 zwei Helfern, alle drei als die wirksamsten Hebel der ortho- >'.'1 doxen Führer allgemein bekannt, blieben in Hafk, vom Krin, minalgerichte zur kriminellen Untersuchung qualificirt. — Vor ein paar Wochen sind diese vom Kriminalgerichte durch die ausgesprochene ' Qualifikation schon mehr als verdächtige 4 Individuen wegen Mangel des Beweises gleichfalls entlasten //worden. Brauchts denn hier noch eines weitern Kommentars, nm aus diesem einzigen Falle das Vcrdammungsurlheil /-des bisherigen Gerichtsverfahrens und die gebietende Noth- Wendigkeit für die baldige Einführung der Oeffentlichkeit und. /-Mündlichkeit auszusprechen? Hunderttausende sind von der ^moralischen Schuld, ja von dem fast handgreiflichen Antheile . der orthodoren Partei an der Vergiftung des Dr. Kohn überzeugt, auch die Richter haben durch die Qualifikation dreier Individuen, durch die Entlassung derselben aus Mangel an Beweis ihre moralische Ueberzeugung von der Schuld dersel- . ' den ausgesprochen und doch sind die Führer des Komplotts •- "ach kurzen Verhören freigesprochen und die beinahe anerkannten Mörder selbst ihrer Haft entlassen worden. Wien, 12. Jan. Eine emeritirte politische Persönlichkeit ist in diesen Lagen hier öffentlich aufgetreten. Dr. Fi sch Hof, der Präsident des Sichcrheitsausschuffes, welchem Bach sein Ministerportesmille verdankt, kündigt sich dem leidenden Publikum Wiens als Arzt an! Er ist übrigens entschlossen, sich mit der Freisprechung ab: instantia nid)t $u begnügen, sondern die völlige Schuldloshalturg durchzusetzen. Vierzehn Denunciationen lagen gegen ihn vor, er hat sie alle entkräftet, bis auf die beschworene Aussage eines wegen Verläumdung in Polizeihaft gewesenen Ungars, welcher vorgab, Fischhof habe am 80. Oktober 1848 Vormittag auf den Stephansplatze eine aufreizende Rede gehalten. Es wird nun darauf ankommen, durch zwei Zeugen zu beweisen, daß Fischhof an jenem Vormittag nicht aus der Reichstagspermanenz gekommen ist. Preßburg im December 1849. Ein iti ein Paar Monaten hineingedrängtes Jahrhundert ist brausend und stürmend an uns vorübcrgczogen und nur das leise Nachhallen des am fernen Horizonte dumpf in. das unendliche All verrollenden Donners glauben wir dann und wann zu vernehmen; aber auch dieses wird seltner und nur die von dem Winde hinweggepeitschten schwarzem Wolkenmassen lassen noch hin und wieder graue Trümmer am südlichen Horizonte zurück, die aber im azurblauen Firmamente, von der Sonne der gesetzlichen Freiheit hell durchleuchtet, derart vereinzelt herumschwimmen, daß ihre völlige Verschwindung in das Nichts unbezweifelt nahe ist. Das ging voran, nun kommt das noch nicht Entwirrte. Der über den politischen Himmel Europas so allgemein wüthende Ncvolntionssturm der die tiefsten Schichten sogar der untersten Gesellschaft auf- und durchwühlte, übte auch hemmenden Einfluß ans die Beziehungen des ,,Orient" zum ungarischen Israel. — Da es aber, Dank dem Himmel, um und über uns heiter und helle wird, so wollen wir an des „Orient" Sonne uns auch wieder erwärmen. — Wir ungarischen Juden sind endlich auch faktisch emaneipirt. Freilich die letzten im großen Staatenbunde des österreichischen Vaterlandes; aber es mußte ja erst das Land selbst enuiiicipirt d. h. den übrigen Ländern gleichgestellt werden, ehe es an die verschiedenen Volksstämme kommen konnte diese einander gleichzustellen— und so haben denn auch wir nun wieder ein Vaterland! Vaterland! weich beseligendes, heiliges, mein ganzes Wesen entzückend durchgreifendes Wort! Dank Dir, großer Gott! Dank und Segen Dir guter König! Wir haben ein Vaterland! Nicht mehr fremd sein an dem Orte, der meine Kindheit gesehen, der meine Wiege getragen, an dem ich durch den unnennbaren Zauber der Familien und heimathlichen Bande mit allen Fasern meines Lebens hange; nicht mehr aus Verzweiflung, weil man mir hier keine Heimat geben will, Hinblicken zu müssen aus ein vor achtzehnhundert Jahren verlorenes Vaterland, trotz dem, daß es mir,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.