Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1850)
- Date
- 1850-01-19
- Page
- Seite 10 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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10 rufe ich Ihnen in das Gedächtniß zurück, daß nur da I Glaubenshaß wuchert, wo Unterschiede wegen des Glaubens stattsmdcn. Was vollends ein Kreuzfeuer von Abstammungö- und Glaubens-Vorrechten bewirken kann, lehrt uns die Bank der Bischöfe im englischen Oberhause. Diese hat im Jahre 1849 die Wahl der Londoner Bürgerschaft, weil sie aus einen Juden gefallen, für ungültig erklärt. Einer ganzen Nation , die durch die City und das Unterhaus ihre Stimme abgegeben, tritt eine kleine Schaar gut besoldeter Apostel entgegen, die die Sache einer Kaste für die Sache Gottes ausgiebt und so ihren Meister verläugnct." Bon der Oder, im Decbr. 1849. Die Aufschrift in ihrem Blatte Nr. 51. „Was ist des Doktors Vaterland?" bewog mich noch einmal über dieses Thema zu schreiben und, wenn es möglich ist, eine Antwort auf jene Frage zu geben. .Eine kurze Skizze des modernen Doktorlebens wird dem Leser das Vaterland zeigen, aus welchem die Segensfülle dieser langschnabligen Zugvögel über unsere Gemeinden entströmt. — Jeder Leser kennt gewiß die Thierklasse aus dem Menschenreiche, welche durch struppiges Haar und glotzende Augen, durch ewig sich bewegende Hände und stets gekrümmten Rücken sich auszeichnec, die Thierklasse der sogenannten Bachur im. Ein solches Geschöpf verlebt die ersten 20 Jahre im Dunstkreis der Jeschiboth, fein Käfig ist das Bethamidrasch, seine Nahrung Talmud, Midraschim und — „Pleiten." Hierauf macht sich in diesem Geschöpfe eine Neigung zum „Datschen" bemerkbar, es verläßt die geliebte Hei'math und wandert nach ' einer Universitätsstadt. Hier ist sein erstes Geschäft den Rabbinen aufzusuchen, am „Schier" Theil zu nehmen, in Begleitung eines gar mächtigen „Talesbeutels" des Morgens und Abends in die „Schul" zu gehen und — sich „Tag" zu verschaffen. Hier beginnt nun das Modernisiren des Dachurs; er verwendet einige Sorgfalt auf seinAeußeres, setzt sich eine Brille auf, trägt einen lateinischen Schriftsteller unter dem Arm und — nennt sich: „Student." Der Student beginnt fortan den Sturmschritt ins Gebiet des Wiffens. Die lateinischen und griechischen Buchstaben sind bald erlernt, aufs Lesen folgt die Grammatik, in 2 Monaten ist der Gödike begonnen, in 2 Monaten vollendet; in 2 Monaten gehtß an den Körnet und Xenophon; in 2 Monaten an den Cicero und Demosthenes; in 2 Monaten an Virgil und Homer; in 2 Monaten an Horaz und Sophokles umd in 2 Monaten ist unser Student immalrikulirter Muftnsohn. Hiermit endet die erste Epoche unseres Gelehrten. Bevor ich zur zweiten Epoche übergehe will ich erst einige Fragen beantworten, die dir, mein lieber Leser, gewiß auf der Zunge schweben. Wie in aller Welt, fragst du, ist dieser Riesensprung möglich? Ist der Parnas der Musen so leicht ersteigbar? Hat das Pandämonkum des Wiffens solch winzige Stufen, die man so bald überspringen kann? O mein Lieber, wenn du so fragst - dann scheinst du den Bachur nur halb zu kennen. Für einen solchen Geist sind etymologische und syntarischeKenntnisse durchaus entbehrliche addUamenta, deutsche, geschichtliche, geographische, mathematische und physikalische Kenntnisse sind wcrthlose res mimttiae; für ihn ist daS Lexikon Alles und mit Hülfe dieses ist. keine Schwierigkeit schwer genug. — Wir kommen nun zur zweiten Epoche unseres Gelehrten. Schon im ersten Semester wird er ein Universalgeschöpf, d. h. seine nur im Lateinischen und Griechischen eingepsirchte Seele ergießt sich nun plötzlich wie ein Bergstrom über die ganze weite Ebene der Wissenschaften: Logik, Metaphysik, Philologie, Philosophie und Theologie werden gehört und so geht es auch im zweiten Semester. Mit dem drilten Halbjahr beginnt erst, oder endlich unser Gelehrter an ein Fachstudium ernstlich zu denken. Der Entschluß ist kurz, die Wahl schnell gemacht — was braucht ein Bachur lauge zu prüfen? — Er wirft sich der ganzen Länge nach auf biblische Exegese und in den Sattel des lieben Steckenpferds — in die orientalische Philologie. Nun lieber Leser solltest du die Riesenkraft dieser Geister scheu! In drei Monaten hat man die arabische Grammatik im Munde, will sagen, im Kopf; nach 3 Monaten sind alle Sprachlehren De Sacy, Tüchsen, Rosenmüller, Hezel, ja sogar der lateinische Petermann durchlaufen und man liest und radebrecht den guten Koran wie vor zwei Jahren den Cicero. 'Jpätte Saphir einmal einem Kolleg beigewohnt, wo das ohrzerreißende Koranlesen dieser Geister wie Storchgeklapper die umschwebenden Genien aufschreckt, er hätte seine Vorlesung über „das ABC-Büchlein" mit griechischem Salz und arabischem Zimmet durchwürzen können'. Doch täusche dich nicht mein Lieber/ wenn du glaubst, unsere Geister kennen nichts Anderes, als jene zwei Zweige des Studiums; o nein! Begleite sie einmal in ihr templum sarrosa turtum, in ihre Wohnung, was erblickt dein Auge! Strauß , Plessner, Salomon und Mannheimer si'guriren in leiblicher Gestalt auf Tisch und Bänken: du bist nicht mehr im Reich des Denkens, du bist im Reiche der „Reden". Da wird deklamirt und exercirt, memcrirt und abscribirr, kurz man siebt, die Geister meinen es ehrlich mir ihrem einstigen Berufe. — Das sechste Semester geht zu Ende und beschließt dir zweite Epoche unseres Gelehrten. Nun aber beginnt eine Schreckensperivde, eine Tripelallianz stelle sich dem Siegeshelden entgegen, die 3 Mächte heißen: Promotionskosten, Dissertation und— Doktorprüfung. Doch sei nur unbesorgt Lieber „Dimidium oapti, gu> betu» coppit, habet" wie begonnen, so vollendet, des Bachurs Geist weiß sich zu helfen. Ad a, giebts keine Schwierigkeit. Herr Bankier N., Frau Komerzienrath N., bleiben bei dem rührenden Briefe des Doktorandus nicht ungerührt und helfen dem scharfem Geiste mir ihrem Schärflein. Oder und dies geschieht nicht selten — unser liebenswürdiger Gelehrter macht ein aftaire «Tainour und die in Wonne zerfließende künftige Frau Dr. besorgt schon das Nothige. — Ad h. kein Wortl Darüber schweigen die Götter. Wie die lateinisch geschrie-