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Der Orient · 1849-12-15 · Heft 50 (15.12.1849) · p. Seite 219

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 50 (15.12.1849)
Date
1849-12-15
Page
Seite 219 (sequence 5)
Language
German
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219 ©tiibiiiRi-. Der Glanzpunkt seines Wissens war die Exegese; denn alles was dazu in sprachlicher und ästhetischer Hinsicht gehört, besaß B. in reicher Fülle. Dabei harre er noch einen Vorzug der so vielen, hauptsächlich christlichen Exegeten ab? geht, nämlich den, daß er in der Tradition, sowohl im Gebiete der Halacha als Aggada, und in der nachtalmudischen Lireratur so außerordentlich bewandert war. Ausgestattet mit diesem Vorzüge und tiefer eindringend in alle Schichten der Gotteslehre, trat dieser Riesengeist vor die heilige Bundeslade, und mir festgeschlossenen Augen, überschauete er den ganzen Schatz der heiligen Bücher, der Religioris-Philosophie der Alten und Neuern, wie einer der Koryphäen aus der arabischen Schule. Nun cüirte er Bibelstellen, und ganze Sätze aus dem Talmud, Sifri, Barajla,, und Midrasch, übersetzte sie höchst kc>crekt, und machte seine Erklärung darüber mit einer Erhabenheit des Geistes und einem Scharfsinn, und zugleich mit einer Freimülhigkeit, die dm Kenner in Entzücken, und den blinden Orthodexen in Angst versetzte. Denn es kümmerte ihn wenig, ob seine Erklärung mit der streng orthodoxen Schule übereinstimmte oder nicht. „Ich habe alle gebührende Achtung, pflegte-er oft zu sagen, vor unfern anerkannt grcßcn Anslegern; aber wenn ich da oben stehe, und in meiner Anschauung versunken bin, so spreche ich nur meine Ansichten aus, ohne sie gerade für Wahrheit auszugeben. So trug er die paradoxen Agadas vor, und suchte sie zu versinnlichen. Aber er bedachte nicht, daß solche Subtilitäten weder auf der Kanzel, noch vor ein solches Publikum gehören. Es sind Hieroglyphen die nun nicht mehr zu entziffern sind. Machte man ihn darauf aufmerksam, so erwiderte er: „Gern möchte ich sie unerwähnt lassen; da aber so viele Winkelprediger darnach haschen, und sie durch, ihre lächerliche Auslegung noch lächerlicher machen, so daß der unkundige Zuhörer, statt die Unwissenheit dieser Ausleger zu ahnen, die herrlichen Worte unsrer Weisen und die ganze heiligeLchre verachten; so sehe ich mich verpflichtet, ihnen zu zeigen, welcher hohe Sinn in diese Hyperbeln hienein zu legen sei. Ob diese Entschuldigung genügend ist, überlassen wir dem Leser; aber überhaupt war B. bei allen seinen Vorträgen der Meinung, das unwissende Publikum zu sich hinauf &it ziehen; während jeder Volksredner (was aber B. nicht war), zum Volk hinabsteigen muß. Auch wähnte er, daß wenn auch fein ganzes Auditorium aus Unkundigen bestehe, sie doch seine Vorträge verstehen, da sie doch nur ganz leicht verständliche Sachen enthielten, die auch der Ungelehrteste fassen kann! —> Ein Wahn, den B. mir vielen großen Männern theilte, und ein Beweis seiner Bescheidenheit. B. war kein Volksredner. Er war ein Weiser, geschaffen zum Lehrer der Weisheit auf dem Katheder vor einer gebildeten wissrndürfrigen Schülerzahl, die dann seine Lehre dem Volke zugelragen hätten. So Härte B. mittelbar gelehrt; aber unmittelbar konnte er es nicht; dies Talent hatte der König Salomon, der sich auch damit rühmt, indem er sagt: , oyn nN njn id^> ny Qnrrn^np nvw nnw renn D’^D ipnv ipni MI. , »®° weise Ävhelkt auch war, konnte er doch das Volk belehren, er erforschte und verfaßte viele Gleichnisse", d. h. der scharfsinnige Philosoph vermochte es zum Volke hinab zu steigen, und durch Gleichnisse zu belehren. So stand denn SS. in seinen Vorträgen eben so weit entfernt von den Darfchanim, als von den Predigern der Neuzeit. Gleich jenen großen Virtuosen in der Kunst, wählte er ein biblisches Thema und phantasirte darüber mit Geschmack und Gelehrsamkeit. Aber es war für den Kenner zu wenig und für 11>en Nichtkenner zu viel, uub nur Einen Zweck hat er erreicht: Die Lehre Mose's, die durch die alten und neuen Ignoranten so entweihet und berabgewürdigt ward, in den Augen des Volks wiederum zu heben und geachtet zu machen. Aber warum waren es gerade die Nichtkenncr, die so sehr von seinen Vorträgen entzückt wurden? Sehr natürlich! —- Es ist mm einmal die Schwachheit aller Erdensöbne, gerade das anzustaunen, was sie nicht verstehen. Je dunkler, je unverständlicher, desto erhabener in ihren Augen. niEOT niDN'-i. Daher werden sie auch eines solchen Vortrags nicht so leicht überdrüssig wie bei den gewöhnlichen Predigten. Das Unverständliche bleibt ihnen ja immer neu. — Aehnliche Vorträge finden wir zwar beim Baal Akeda, der sie auf Aristoteles fellhica basirre, und mit zeitgemäßen Erklärungen zugänglich machte.; aber er hat sie nicht vor dem Volke, sondern nur, wie er in der Vorrede sagt, vor den Bachurim gehalten, damit diese nicht den philosophischen Vorträgen der Pfaffen im Kloster zuhLren sollten. Moses M e n d e l s o n. München, 3. Debr. Unsere zweite Kammer wird in den nächsten Tagen den ,,Entwurf zur Emcmeipation der Juden" berathen. Die Mehrheit des Ausschusses hat ihm zugestimmt. Der Entwurf der Regierung entspricht den Anforderungen der Zeit. Wien, 28. Nvbr. Die Juden in Krakau erachteten durch die Verfassung vom 4. März die Schranken ihres. Ghetto für gefallen und mehrere von ihnen übersiedelten in die nächst gelegene Vorstadt. Ein hierauf von der Bürgerschaft gegen sie eingeleiteter Prozeß wurde von dem Stadtrath zu ihrem Nachtheil entschieden und der Bescheid der Landesstelle fiel nicht günstiger aus. Eine Deputation der Krakauer Judenschaft hat nun, ihren Rabbiner und früheren Reichstagsdeputirten Meisels an der Spitze, zur Rekurrirung an daS Ministerium sich hierher begeben. Bei der Audienz sagte Meisels: „Epcettenz, wir bitten nicht für uns, sondern für die Ehre des kaiserlichen Wortes, das es zur Wahrheit werden solle. Se. Majestät sprach unsere Gleichberechtigung aus, aber durch ein solches Verfahren haben wir dieselbe nicht erlangt und da§ Wort Se. Majestät fcimtc hierdurch in Zweifel gezogen werden."

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