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Der Orient · 1849-12-15 · Heft 50 (15.12.1849) · p. Seite 220

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 50 (15.12.1849)
Date
1849-12-15
Page
Seite 220 (sequence 7)
Language
German
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220 Der Dorfgeher. Don Leopold Kompert. - (Fortsetzung.) Sie hatten bei diesen Worten gerade das Dorf erreicht. Und war es ein nachzitternder Groll oder seine erhödte Stimmung der Dorfgeher vergaß, seinem Sohn den Weg in den Randarhof zu zeigen, wo er doch ein so bedeutendes Almosen echaltcn hätte! Aber war das noch der Vater, war das noch das nämliche, vom Feuer inneren Glaubenlebens erglühte Wesen, das da vor den Häusern der Bauern dahknschlich und sein langgezogenes „Kauft, Kauft, Kauft!" ertönen ließ? Mit beinahe traumhafter Verwunderung blickte Emanuel dem Treiben seines Vaters zu; als er ihn aber einer unter dem Hausthore.stehenden Bauerndirne unter das Kinn greifen sah, fühlte er, wie sich ihm alles Blut nach dem Kopfe drängte. War das wirklich die nämliche Gestalt? Kopfschüttelnd ging Emanuel zum Dorfe hinaus, es litt ihn nicht dr'inn. Draußen auf der Straße wollte er seinen Vater erwarten. An Clara. (Mit Bleistift auf offener Straße geschrieben.) Nicht einmal die Contouren meiner jetzigen Lage kann ich dir zeichnen; formlos, verwirrt, unendlich liegt Alles vor mir, ich sitze wie jener Römer, auf Ruinen. Musik! Musik! wo finde ich die Melodie, die meine Unruhe, mein planloses Sichgehenlasien hinwegbannt? Wie ein Räuber fall' ich oft mir selbst in den Arm und rufe mir zu: die Vergangenheit oder — das Leben! Wie bin ich zerftückc, ohne Einheit und Mittelpunkt, seitdem ich die Heimarh gesehen! Denn ich will Dir's nur sagen: Selbst dein Bild muß ich?ft mit blutigen Nägeln aus dem Nahmen meiner Seele loslösen; da sind Vater, Mutter, Schwester und Brüderchen, die drängen sich vor, werfen dichte Schleier darüber, daß ich dich nicht sehen kann, verhüllen mir das Licht deiner Augen, o Herr im Himmel, was soll aus mir werden?! Meinen Vater solltest du kennen, Clara, es lohnte sich der Mühe! Ich gehe da mit ihm seit einigen Stunden — hausiren, und habe ihn erst jetzt selbst kennen gelernt, es verlohnt sich wahrhaftig der'Mühe. In der Seele eines solchen Juden sieht es dir gar eigenthümlich aus. Stelle Dir vor ein Buch, in dem du die schönsten Sachen zu lesen bekommst, du liest weiter, weiter, du bist erstaunt über den herrlichen Klang tiefsinniger Melodien, die dir da entgegen tönen, du weißt nicht woher sie kommen, wohin sie gelangen. Alles gemahnt dich daran, daß du hier Urkräftig - Menschliches entdeckt hast, schöner und prächtiger, wie du es irgend angetroffen. Und doch ist es nicht Einfalt und Naivität was du hier siehst. Aber es ist ein höheres, gleichsam geheiligtes biblisches Gcmüth. Du liesest aber weiter ~ und plötzlich sin de ft du die Blätter verklebt, die Melodien haben aufgehört, du verlierst die Spur des wunderbaren Glaubensgeädcrs, du kannst nicht weiter lesen. Die Blätter hat der Schmutz des Lebens an einander gtheftet, der Gemeinheit Kleister hat sie verdichtet. Und das ist das Unheil der Ghcttobewohner, baß ihr nur immer auf diesen Stellen haften bleibt, weil fte euch auffallen, weil sie euer Taft- und Sehorgan zuerst beleidigen und weil der Mensch nie gründlich sein will. Tiefer in dem Buche wollt ihr nicht forschen und das ist euer Schade. Wir leiden nur darunter. Du aber, Clara, thue mir, deinem Emanuel', zu Liebe den Gefallen, und denke, wmn dir ein solcher Dorfgeher oder Hausirer aufstoßt, an meinen Vatsr! Laß dich von den schmutzbeklebten Blättern des Buches ja nicht abschrecken! Es war kurz vor dem „Schnitt". Die Saaten wogten gar üppig durch die Felder und dazwischen schlugen Wachtet und Lerche freudig beseligend! Aber der Dorfgeher war sehr trübe im Sinne; er verdiente die Woche über nur sehr wenig und Emanuel erkannte dies an den bekümmerten Zügen seines Vaters nur zu wohk. Ec sah ihm stets besorgt in'6 Angesicht, wenn er ihn aus einem Bauernhaus treten sah, immer trug es die nämliche Farbe fehlgeschlagener Hoffnung; er hatte nichts verdient. Beinahe hielt sich Emanuel für das Unheil, das seinen Vater begleite. Es war kurz vor der Ernte und da stehen wohl die goldenen Saaten draußen auf dem Felde, aber in den Truhen der Bauern fehlt das Geld, und das fühlte der Pack des Dorfgehers! „Gott geb' nur heuer ein gut' Jahr," sagte einmal der Derfgeher andächtig, als sie an einem reichwallenden Felde vorüber kamen; man betet nicht umsonst alle Tag' im Winter: Geb' Thau und Regen den Feldern, der Bauer hac's nöthig. „Mir kommt dieses Gebet gar sonderbar vor," meinte darauf Emanuel, „hat der Jude Felder? ist er Bauer?" „Verzeiht mir," rief dagegen lachend der Dorfgeher, „dahabt' Ihr wieder etwas Kurioses gered't. Wenn der Bauer kein Geld hat, wovon soU denn der Dorfgeher leben? Und wieder umgekehrt: wer soll dem Bauer borgen und wartet ihm bis er wieder Geld hat, wenn nicht der Dorfgeher da ist? Wer kauft dem Bauer das Hasenhäutel ab, was bei ihm verfaulen möcht' wenn's nicht ist der Jud'? Bauer und Dorfgeher die gehören deswegen zusammen, und darum betet man. im Winter: „Geb Thau und Regen den Feldern!" Ich kann mir gar nicht denken wie der Bauer ohne den Juden existiren könnt'." „Das klingt etwas ganz eigen", lächelte Emanuel, „gewöhnlich preist man die Länder glücklich — wo der Bauer ohne den Juden existiren kann." (Fortsetzung folgt). Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Na g e l.

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