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Der Orient · 1849-11-24 · Heft 47 (24.11.1849) · p. Seite 206

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 47 (24.11.1849)
Date
1849-11-24
Page
Seite 206 (sequence 3)
Language
German
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206 bietet unö hier der Raum, und es war uns bloß darum zu thun, die Basis des rein menschlich sittlichen Judenthums aufzuzeichnen, die leider von fanatischen Rabbinen außer Acht gelassen sind. Versteht es sich von selbst, und dieß mögen unsere Theologen beherzigen, wenn Humanitär a!S Norm der Religiosität genommen, der Mensch wahrhaft zu seiner Geltung kömmt, das rein Menschlich-göttliche, was das Höchste für den Menschen hienieden zu erstreben ist, die einzige Re- \ ligion unserer Zeit ist. Wir würden auf solche zerrüttete Gemeinde-Verhältnisse nicht gestoßen sein, wenn nicht Eigennutz, und Materialismus die Triebfeder unserer Bestrebung wäre,- und wie groß steht noch in dieser Beziehung eine Krisis uns vor, wenn nicht Abhilfe dagegen getroffen wird. Drum muß es auch Jedem, der Sinn und Herz für geistigen Fortschritt Ln sich birgt, dem das Wohl der Menschheit am Herzen lügt, mit Schmerz erfüllen, solche Zustande vor Augen haben zu müssen, und jedes redlichen Mannes Streben muß dahin gerichtet sein, in dieser Noch der Zeit mit Hilfe zur Hand zu sein, damit dem Judenthum das rechte religiöse Leben erhalten bleibe. In der That scheint hier Geiger das Bedürfniß zu fühlen, gegen die Zerwürfnisse der Gemeinde-Angelegenheiten etwas thun zu wollen, indem er einen Central - Verein hier gründet, wozu eine Kommission zum Entwerfen der Statuten ernannt ist. Wir würden ein solches Streben mit Freuden begrüßen, weil Geiger aus edlem Antriebe dazu geleitet wird, wenn nicht der Taufname dieses Vereins „Zur Wahrung jüdischer Jntereffen nach Außen und Innen" uns in unserer Freude störte. Nicht mit Unrecht fragt man, wozu in unserer Zeit ein solch panikulacistisches Streben! Stehen wir noch wie vor dem Marz 3848 außerhalb des Staates, als solcher Verein an Ort und Stelle war? Oder tfr es vielleicht die Besorgnis die großen Verheißungen von 1848 könnten dasselbe Schicksal wie die von 1812 erfahren, und deshalb müssen wir dagegen etwas thun? Freilich wäre diese Besorgnis nicht unbegründet, denn wir haben es ja erlebt, daß selbst Gesetze, die im Staatsgrundgesetz ausgenommen waren, später durch eine rettende That von Gottes Gnaden zum Heile der, Unterthanen aufgehoben wurden. Wer hätte auch vielleicht nicht die fchöne Hoffnung, Polignacsschen Ordonanzen entgegen zu sehen, die allen Errungenschaften ein Ende machen. In diesem Falle ist nach unserer Meinung um so mehr ein gemeinsames Handeln aller Staatsbürger erforderlich, da die staatsbürgerlichen Rechte erkämpft werden sollen, nicht aber die partikularistischen, was nicht zum Ziele führen kann. Wir müssen doch hinlänglich uns überzeugt halten, daß wir dann erst unserer Rechte und Freiheiten sicher sind, wenn der Staat frei in seinen Institutionen, dem Bedürfniß des ganzen Volkes entsprechend, und einem jeden Staatsbürger sein Recht garantirt ist — So lange'dies nicht der Fall ist, darf keine Trennung im Streben des Volkes sich zeigen; alles specistsche Interesse muß verstummen vor dem großen Ziel Aller. Leicht könnte es uns dann gehen, .wie fenem Jrrlandcr, der aus Furcht vor dem Tode sich selbst das Leben nahm. Diese Gefahr droht uns in unserem partikularistischrn Handeln. Eine jede Trennung erzeugt Uneinigkeit undZwietracht, zersplittert die Kräfte und überliefert uns dem Feinds Die jüngsten Ereignisse haben es gelehrt, wie wir nur dadurch vom großen Ziele entfernt wurden, weil keine Einheit im Handeln vorhanden war. Gegen solches partikularistisches Streben kämpfen wir, weil wir das gezückte Schwert gegen uns selbst wenden, und der christlich-germanische Staat könnte dann sein Jubiläum feiern. — Hingegen geben wir diesem Verein aus voller Seele unsere Beistimmung, wenn er außerhalb der großen Bestrebung, die Rechte d§s freien Staatsbürgers zu erringen und zu wahren, was die Demokratie zur Aufgabe sich gestellt hat, das religiöse Leben innerhalb der Gemeinde zu wecken und zu beleben im Auge hat. Ein solcher Verein wäre von großer Wichtigkeit, da der Staat mar jeden Korporation, ja Jedem überlassen hat, seinen Kultus sich selbst zu schaffen und jedem Mitglied der Gemeinde frei steht, Antheil an dem Gemeinde- Verbände zu nehmen oder nicht, wodurch das religiöse Leben seinem Untergange entgegen geht. Ohnedies , wie viel haben nicht hier, ebenso gewiß auch anderswo, die Wohlthätigkeitsanstalten in der letzten Zeit gelitten, da sich viele von solchen Anstalten loSmachen, ohne auch nur davon behindert zu werden. — Unfern Zeloten ist dieser Zustand freilich erwünscht, da sie unter dem Deckmantel der Pietät ihre Beisteuer zur Gemeinde verweigern, wodurch die Gemeinde nicht in den Stand gesetzt ist, den Armer, , selbst wie früher das Wthige zu bieten. Möchten doch die Herren lernen, da sie für Religion alles aufzuopfern vorgebrn, daß aber bei ihrem Treiben die Religion schwinden muß, wenn sie zum Unterhalt eines Kultus nichts beitragen, sie sollten doch wissen, wie die Radikalen, welche zur sogenannten mpD selbst beisteuern, anders und gerechter handeln uns der Gemeinschaft willen. Fürwahr, ein jedes gute Wirken in der Gemeinde hat unberechenbaren Gewinn für unsere traurigen socialen Verhältnisse, da in Bruderliebe das Menschenwohl gefördert werden kann, wo die Armen die nöthige Unterstützung finden können, in der Gemeinde saßt das religiöse Leben tieft Wurzeln, woraus ein Baum wirb, dessen Früchte die Menschheit erquickt. Das religiöse Leben, welches aus dem Genuith und Herzen strömt, ist auch allein geeignet der ganzen geistigen Entwickelung eine Intensität zu geben, wie sie aus einer andern Lphäre nicht gezogen werden kann. Die Konferenz der jüngsten Zeit in Halberstadt von Deutschkatholiken und freier Gemeinden scheinen ebenfalls von dieser Ansicht geleitet worden zu sein, wenn sie nach dem Gang ihrer Berathung sich zur Ausgabe gestellt haben, das religiöse Leben zu wecken, damit die geistige Entwickelung tws Volkes erfolgreich von Statten gehe. Es ist an der Zeit , an dem Befreiungswerke des Menschengeisres zu arbeiten; an der Zeit, für seinen Ne-

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