Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1849)
- Date
- 1849-11-17
- Page
- Seite 203 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Sie sehen also, daß meine schon früherhin auögedrückten Besorgniffe nicht aus der Luft gegriffen waren. Aus dem Nstzdistrikt, im Ang. Ehe ich — was nächstens geschehen wird — den Nctzdistrikt gänzlich verlasse, sei mir gestattet, Ihnen aus demselben noch einige ,,V er mischte Nachrichten" zukommen zu lassen. — In Broin b erg, wo die Anzahl der Inden in den letzten Jahreil bedeutend zugenommen, denkt man durchaus noch nicht daran, dte Gemeindeverhältnisse zu ordnen, oder überhaupt eine Gemeinde zu organisiren. Eine jüd. Elementarschule hat es dort noch nie gegeben. Die Kinder der Jud-cn besuchen entweder das Gymnasium oder andere städtische Schulen. Die meistetl sind ohne (geregelten) Religionsunterricht. — Fordon hat Ueberflnß an Juden und Mangel an Fortschritt. — In I n n o w r a tz l a w will, man sich en masse von. der alten Gemeinde lossagen und zur Fahne der ,,R e form" schwören. Die Motive, die hierzu treiben, sind bekannt. — In dieser Stadt hat neulich ein jüd. Jüngling (ein geborner Herzogthümer, der sich längere Zeit in Paris aufgehalten) .Vorlesungen über den (Prondhon'schen) S o e i a l i ß m u s gehalten. — In Rakel ist erst vor einigen Wochen das öffentliche Mizwot-Versteigern (an Sabbaten und Festtagen) abgeschasst worden, und hiermit w-ahnt man dort schon sehr viel, ja vielleicht.zu viel, gethan zu haben. — Die Cholera, die leider in nuferer Provinz einheimisch geworden zu seirr scheint, hat in N. unter den Inden wiederum viele Opfer gefordert. Ebenso in Wougrowitz und Nogasen. Irr letztgenanntem Orte hat der Todesengel im Lager Jndcüs noch weit schrecklicher gewüthet, als im vorigen Winter in Lobsens. (Vergl. Orient Nr. 3 d. I.) O möchten sich doch bald edle Herzen ntiten, welche sich der vielen armen verwaisten Kinder in R. hilfreich annehmen wollten! Das Elend ist dort sehr groß. — Was in Rakel abgeschafft, ist in Ch o d z i e se n lvieder eingeführt worden — nämlich die M iz w ot-8lu kt io n. Dies ist aber nicht vom Vorstande, sondern von einer gewissen Partei ansgegangen , der K r a k e h l e r-P a r t e i nämlich, welcher Race wir schon vor einigeir Jahren znm Wappen das Bild eines ,,K r e b se und zur Devise daS alt-pilpul-trotzige ,,D a w ke l e h ep p e ch l" anempfohlen haben. K r akebler giebt es in allen unfern Gemeinden, und diese Giftpflanzen sind es eben, welche den Fortschritt hemmen unti sideu Arefschnnmg im Keime cifticBcn. — Die, welche in CH. den Mizwot- Markt lvieder eingeführt, scheinen überhaupt iic der dortigen Synagoge die Republik p r o kl a m i r t zu haben. Man hört merkwürdige Geschichten erzählen. Ich würde sie hier wieder geben, fürchtete ich nicht, den Leser dadurch mehr zu langweilen, als zu unterhalten. Chower und Morcmt sind bei uns auch noch reicht aus dem Konrs gekommen. Neulich bat in CH. ein Mann, dermitWeglassnng des Chower's zur Tora gerufen wurde, ob dieses Versehens ein Zeter erhoben und einen Skandal gemacht, als wäre er ein Körrig gewesen und ihm von frecher Hand die Krone und das Reich genommen worden. — Und dergleichen Austritte in unfern Gotteshäusern gehören gerade nicht zu den Seltenheiten. Auch bleibt es leider nicht immer nur beim Znngen-Spektakel, sondern es werden oft auch Fäuste und Betständer in Anwendung gebracht. Wollte ich hier ausführlich sein, ich würde mit meiner Chronique sc&ndaleuse in 10 Nummern nicht fertig werden. — In Filet) ne hat man sich vergebens an die Regierung gewendet, für den dasigen Rabbi die Inspektion der jüd. Schule zu erbitten. — Die armen Filehner! Sind sie nicht zu bedauern? — In Schneid ein ü h t ist eine neue Fraktion anfgetaucht, welche es sich zur Aufgabe gemacht, die beiden feindlichen Parteien, die alte Gemeinde und die Refonngenossenschaft, mit einander auszusöhnen und Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Dieses schöne Ziel könnte wohl erreicht werden, wenn bei den Kämpfen der Parteien nicht so viel Persönliches im Spiele wäre. Das ist leider das klebet in alten unfern Gemeinden. Man kämpft nicht um Prineipien, sondern nur um Lauuen und Kapricen. Wo Eigensinn in die Schranken tritt gegen Hartnäckigkeit, und Thorheit sich bewaffnet gegen blöden Dünkel, da ist keiner Partei der Sieg zu wünschen, da kann keine ans unser Interesse Anspruch machen; von beiden wenden wir uns mit Abscheu hinweg; denn beide sind sie gleich verachtungswürdig. — Sapienli sat. — Nehmen Sie es mir nicht übel, Hr. Redakteur, daß mein heutiger Artikel ein so düsteres Aussehen angenommen. Ich kann nichts dafür. Eö thul mir genug leid, das; gerade mein letzter Bericht aus dem N c tz d i st r i k t so sch w a r z ausfallen mitßte. Weiß Gott, ich wäre viel lieber mit freundlichen Farben aus einer Gegend geschieden, ans der ich Ihnen nun gerade zwei Jahre lang geschrieben habe. Doch, wie gesagt, ich kann Nichts dafür, die Zustände und Verhältnisse sind einmal nicht besser, und ich, ich liebe Nichts so sehr als die Wahrheit. — Znm Schluffe nehmen Sie noch die etwas freundlichere Nachricht, das; in Wyssek, wo im v. I. die jüd. Kinder ans der kathol. Schule des Orts verwiesen worden sind (s. Nr. 16 d. I.), die Brvmbcrger Regierung jetzt für die Organisation einer eigenen jüd. Schule besorgt ist und manche Stütze in Aussicht gestellt hat. — Sonst nichts Neues im Netzdistrikt. — Mein nächstes Schreiben erhalten Sie anS dem Süden des Großherzogthums Posen. —L.—W.— Frankfurt cu M., 30. Oktbr. Der Senat unsers Freistaats hat in seiner heutigen Sitzung die Stellc eines ersten S t a d t p h y si k u s dem Dr. Kr a i l sheim, einem Israeliten, übertragen. Cs ist dies das erste Mal, das in der freien Stadt Frankfurt ein Staatsamt einem Israeliten zngetheilt worden. Diese Ernennung gibt Zengmß davon, daß der Senat den Geist der Zeit wohl begreift und die Bahn vernünftigen Fortschritts einzuhalten entschlossen ist. Sie widerlegt auf das eelatanteste die Verdächtigung, deren sich die radikale Partei bedient, um ihrem Verfassnngsentwnrfe, der hier totale laüula rasa machen würde, die Stimmen unserer israelitischen Mitbürger znzuwenden, die völlig grundlose Verdächtigung, daß der Senat, wie alle Die, welche gegen die Annahme dieses Verfassungsentwurfs ankämpfen, die schlimmsten reaktionären Tendenzen hegen und ans nichts Geringeres ansgehen als darauf, den vormärzlichen slatus qno wicderhcrznstellen und insbesondere der politischen Emancipation des israelitischen Theiles unserer Bevölkerung wieder Abbruch zu thun. Königsberg, 26. Oktbr. Bekanntlich ist Dr. Joh. Jacob y noch in eine zweite Untersuchung vcr-