Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1849)
- Date
- 1849-11-17
- Page
- Seite 204 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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204 wickelt, die, ihren Ursprung in den Mcirztagcn v. I. habend, vor einiger Zeit cingelcitet wurde. Am Abende des 21. März, des Tages, an welchem die erste Nachricht von den berliner Ereignissen hier antangte^ bewirkte Jacoby auf der Post, daß die von Berlin an daS Generalkommando angelaugten Briefe ihm eingehandigt wurden; mit diesen begab sich derselbe zu dem kommairdirendeu General v. Dohna und ersuchte ihn, in seiner Gegenwart die Briefschaften zu öffnen und deren Inhalt ihm mitzuthcilen. In dieser Angelegenheit sind bereits mehre Zeugen, namentlich Hofpostmeister Pfitzer und Walesrode, vernommen. Breslau, den 28. Oktbr. Die mehr im Schooße des Judentyums hervortrctcnde Erscheinung', wie sehr der Jndifferentismus sich der Gemeindemitglieder fürs religiöse Leben bemächtigt, hat ihren Grund in Betracht der vorangegangenen natürlichen Ursachen, die dem Lieferblickenden gewiß nicht fremd bleiben dürfen. Denn dem Juden war es vorzüglich innerer Drang des Herzens, da er lange vergebens auf dem Meere der Bestrebung nach dem neuen Land der Emancipation geschifft, als endlich vor seinen Blicken durch das Verschwinden des abs. Staates das ersehnte Land der Freiheit sich zeigte, mit aller Macht auf das Gebiet sich zu stürzen. — Jedes andere Interesse schwand.vor seinen Augen, denn er war nur darum bedacht, den erlangten Boden in Besitz zu nehmen. Hier oder nirgends war für ihn Amerika, wo ihm das Recht als freier Bürger zu leben gestattet sein sollte! — Allein wir setzten voraus, daß nach dieser Drangperiode, wie in der physischen Welt nach einem Sturm in der nntrerenden Ruhe die verlornen Kräfte ihr verlornes Gleichgewicht wieder herzustellen suchen, ebenso es auf dem Gebiete des Geistes geschehen würde, wodurch das ganze geistige Leben in seinem Umfange zur Geltung kommen wird. Vergebens. — Statt dessen erblicken wir mit tiefem Bedauren, daß die Gemeindeglieder in solche Lethargie fürs religiös Leben versunken sind, wie sie vielleicht noch niemals schroffer zu Lage kam. Scheint es von der einen Seite, als wenn die Politik das religiöse Leben absorbirt, so ist von der andern Seite lur Umstand noch schlimmer, wenu man wahrnimmt, mit welcher selbstgefälligen Autonomie Viele dem Gernemdeleben den Todesstoß versetzen, in der Meinung, das Recht ferner zu existiren habe es nun nicht mehr. — Wir gehören nicht zu denen, die dem verknöcherten Judenthum das Wert reden; nicht zu denen, die der Anforderung der Jetztzeit nicht Rcchnung tragen wollen, weil wir wohl den Ruf der Zeit kennen, der die großen Gedanken der Gegenwart realisirt wissen will. Und gerade deshalb suchen wir, unsere mahnende Srimme erhebend, alle aufzufordern, an dieser großen Arbeit Lheil zu nehmen, das hohe Ziel der Humanität zu erstreben, den schlechten Zuständen der Gemeinden einen Damm sehend. Fragen wir uns jedoch nach den Motiven unserer mise-! rablen Gemeindezustände und die Antwort dürfte nicht schwer! fallen. Haben unsere Theologen, die sogenannten Kritikaster der Religion, abgesehen von noch andern Anlässen, ihr Schärflein hierzu nicht beigetragen; konnte es wohl anders kommen, nachdem nicht genug Sonnabende und Festtage irn Jahre vorhanden waren, um das allerneueste Evangelium „Richtreligion" zu verkünden; kommt es wider Erwarten, wenn Biele dann mir ctüier Zerstörungssucht, keine Grenze fürs religiöse Leben findend, alles Heilsame sogar zertrümmerten und <m die Stelle der echten Religion der Nihilismus trat, eine Religion die der Meister vielleicht gar nicht verkündet hat? — Freilich ist Fortschritt die Parole unserer Zeit und der alte Popanz muß schwinden; wir wissen recht wohl, wie wenig das alte Judenthum rituell genommen Berechtigung in. der Neuzeit hat und wie ein besseres dem alten Judenthum entgegengesetztes religiöses Leben den - jetzigen Bedürfnissen des Lebens entsprechend, an die Stelle treten muß, soll das Judenthum von Dauer bleiben, aber wir kämpfen gegen jede Negation. Sie führt zum Verderb, weil jeder Einzelne dann keinen Halt findet im Leben, somit das innige Gefühl dev Religiosität, welches den Menschen belebt, nach und nach schwinden muß. Gewiß ist dies nicht der rechte Weg zm Anbahnung eines wahrhaft religiösen Lebens, nicht der Weg zur Aufklärung der Menschheit in Liede, das Resultat unserer jetzigen neuen Lehre bestätigt unsere Behauptung. — Positives hinzustellen, wollte man wahre echte Religion lehren, war die Grundbedingung fürs wahrhafte religiöse Leben und diese liegt in dem bedeutsamen Worte „Humanität" offenbart. — Nach diesem Ziele hinzusteuern, mußte die Aufgabe von den Theologen gestellt sein, wenn ein heilsamer \ Erfolg für das Gemeindeleben gewonnen werden sollte freilich würde dadurch der alte Plunder wegfallen); auf diesem religiösen Boden würde die schönste Frucht zum Heile der. Menschheit heranreifen y nuc auf diesem Gebiet erschließt sich das geheimnißvolle Seelenleben des Menschen., wovon das Wirken und Streben die wahre Weihe der Menschlichkeit empfängt. Wie denn auch anders! denn hierin besteht ja das gemeinschaftliche Band der Menschheit in Licbe. Humanitär ist her Herzensschlag, welcher alle Glieder der Gesellschaft innig durchströmr, wodurch das Leben der Menschheit zum Glück sich gestattet. In eines jeden Menschenbrust findet eine solche Religiosität eine heilige Stätte, wahrend beim transcendentea Begriff des Höchsten nicht zwei Personen eines Sinnes sein können über dessen Auffassung, und muß dies zum Verderb führen, wenn man von der einen Seite dagegen ankämpft, von der andern Seite diesen Begriff vielen Deuteleien unterwirft. (Beschluß folgt.) Druck von Z. H. Nagcl. Verlag von &. L. Fritzschc.