Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1849)
- Date
- 1849-10-27
- Page
- Seite 191 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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191 der Hauptstadt wohnt, bestimmt. Eine Kommission, welcher der Großrabbiner präsidirt, hat eine Wahl unter den Bewerbern durchs Loos veranstaltet, was den 14. Sptbr. zum ersten Mal ausgefübrt wurde. — Die jüdische Gemeinde zu Mühlhausen (im Elsaß) ist im Begriffe, eine großartige Synagoge, die 150,000 Fr. kostete, einzuweihen, wozu auch die Stadt 15,000 Fr. gesteuert Das Uebrige und noch viel mehr, hat die Gemeinde, lheils durch den Verkauf der Stande, theils durch Gaben zusammengebracht. Diese Synagoge wird das schönste Monument der Stadt sein. — Zu Metz ist der würdige, fromme und wohtthätige Emmanuel Bloch gestorben. — Der Wohlfabrrs-Verein der Metzer israelitischen Jugend veröffentlicht so eben seine Statuten und seinen Rechenschaftsbericht über das 11. Jahr seines Wirkens. Dieser Verein, mit geringen Mitteln, da die monatliche Beisteuer nur 50 Cent, beträgt, hat durch seine treffliche Organisation mehr Gutes gethai, als mancher Reicher. -- In Straßburg geht die Gemeinde damit um, ein schönes großes jüdisches Hospital zu gründen und der Präsident des provisorischen Konnte, Hr. G. Z. Blum, hoc bereits zn diesem Zwecke ein Cirkular verschickt. — Das bekannte Journal L’lilustra tion giebt einige treffliche Zeichnungen von dem Innern des pariser isr. Tempels; aber dieser Tempel ist zu klein für die jüdische Bevölkerung, zu Paris und hat auch für die Bedürfnisse der Neuzeit zu viele Unbequemlichkeiten. Hr. Bloch, der Redakteur des Univers, giebt einen ausführlichen Bericht über den Gottesdienst an den Heilgen Festen, wieer so eben vor sich gegangen, und man sieht daraus, daß es noch immer der alte unästhetische mit vielen Störungen untermischte ist. — Einen speciellen Bericht des Rabbiner Dreifus zu Mühlhausen an den Unterpräfekten zu Altkirch über die Juden im Oberrhein zeigt uns, wie selbst nach 00 Jahren der gesetzlichen Freiheit die Juden noch zu kämpfen haben. — Bei dieser monatlichen Uebersicht über die Juden in Frankreich bedauern wir, daß über die Thärigkeit französischer Israeliten auf dem Gebiete des Geistes in der jüdischen Literatur nichts mitzutheilen zu haben; die Rabbinen Frankreichs in der Neuzeit scheinen die Beschäftigung mit dem jüdischen Schriftthume nicht, für angemessen und würdig zu halten und wären nicht die Nichtrabbiner, wie Fr a n ck, Munk, Salvador, Derenburg u. A., welche gleichsam zuweilen riETH ^abwalzm, so würde man fast glauben, daß die Juden gar nicht lesen und schreiben können. Mit um so größerem Interesse machen wir daher auf neue Erscheinungen daselbst aufmerksam. Von S. Bloch, dem Red. des Univers, erscheint ein Werk, betitelt: l^e Genie du Judaisme, und obgleich wir gewünscht, daß nicht schon der Titel eine Nachahmung verrathen hätte, so glauben wir doch, daß wir ein tiefdurchdachtes Werk bekommen werden. Von dem Kantor, am israel. Tempel zu Paris, S. Na u mb o u r g, ist erschienen: nh’Dl. Ollant religienx des Israelites, contenant la liturgie complete de la Sj nagogue, depuisles temples plus recules jusqu’a nos jour. Erster Theil, 103 Stücke enthaltend. Preis25Fr. Von demselben Kantor ist erschienen: Recueii de six melodies hebraiques anciennes et modernes, a une et pleusieurs vois, recueillies et composees par S. Naunibourg. Preis 6 Fr. Der Dorfgeher. Von Leopold Kompert. (Fortsetzung.) „Jetzt heb' an," sprach er, nachdem Benjamin dre erste Blattseite des Buches vor sich aufgeschlagen hatte. Jetzt erst trat der Vater, der bis dahin in ehrfurchtsvoller Scheu zurückgestanden, vor, zog die Brille an, seinen Kopf über Benjamin's Schultern streckend, damit ihm vom Verhören auch nicht das Geringste entgehe. Benjamin begann erst schwankend, dann immer sicherer und fester. Es war für den Dorfgeher ein ganz eigenrhümliches Gefühl, dem wir unmöglich Worte leihen können, als er sein Kind den schweren Sinn des Talmud's verdeutschend, und dabei in jenem singenden Tone des Lernens, mit allen Geverden und Bewegungen, wie er ihn den Daumen umstülpen, dann wieder bei einer Schlußfolgerung aufheben und kämpfen sah. Nein, nein, guter Rebb Schimme, wir wollen leise, ganz leise an die Freuden dieses Augenblickes vorüberhuschen, kein Wörtchen soll uns entkommen. Zuweilen war aber auf seinem Gesichte Sorge und Furcht zu gewahrendas geschah, wenn der Vetter dem Knaben eine jener Querfragen verlegte, die im Buche nicht standen. Dann legte sich die Stirne des holden Kindes in Falten, es sann nach , bis ein flüchtiges Aufblitzcn seiner Augen, gleichsam eine Offenbarung seines Antlitzes verrieth, daß er den Vetter verstanden. Und wie eine Frühlingsblume blühie dann an den Lippen des Dorfgehers ein väterlich mildes Lächeln, wenn er den Vetter kopfnickend sich den Bart streichen sah, und Benjamin, weil er die Frage beantwortet, sortfahren durfte. Das Verhör war endlich za Ende. Schweiß stand auf der Stirne des Knaben, sein Antlitz glühte, eine erwartungsvolle Stille lagerte sich über die Stube; derVetter sah starr vor sich hin. „Das Jüngel," wandte er sich darauf zum Vater, „das Jüngel hat einen eigenen Kopf, wenn er Acht giebt, kann etwas Großes aus ihm werden." Darauf seinen Kopf nach rückwärts zur offenen .Thüre gewandt, rief er: „Zirl, Zirl, komme ein Bissele heraus." Auf der Schwelle erschien sein Eheweib, die Muhme Zirl. „Du sollst wissen, Zirl," sprach er zu ihr, „heut' Nachmittags um drei Uhr da wird das Jüngel Benjamin zu Dir kommen, dem wirst Du geben zwei kleine Aepfel, nicht mehr und nicht weniger. Hörst Du gut? Aber Pretziln . . . . so viel Du willst, ich will Dir nichts vorschreiben. Und jetzt ist gut." Damit stand der Vetter auf, als wollte er die Gaste schon verabschiedet wissen und trat mit dem Talmud an den Bücherkasten, woraus ihn Benjamin geholt. Der Dorfgeher aber nahm den Knaben bei der Hand und ries: „Soll ich