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Der Orient · 1849-10-13 · Heft 41 (13.10.1849) · p. Seite 183

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 41 (13.10.1849)
Date
1849-10-13
Page
Seite 183 (sequence 5)
Language
German
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— 183 - chen Anspieien die Juden in Oesterreich von der „Glnchstelluvq" Gedrauch machen konnten. Natürlich dielten und hatten-noch znc Stunde die Juden ihre Emancipntion in der Ehacte v.. 4. März direkt ausgesprochen. Die Einwendungen ihrer christlichen „Brüder^ halten sie für Sophistereien, für eine Ausgeburt einer feindseligen Phantasie, für den christlichen Haß. Doch haben die Joden mehrere Wochen nach dem Erscheinen der oktroyieren Bcrfaffung, sich so benommen, wie ein Kind, dem etwas früher Verbotenes, unerwartet erlaubt wird, daß es sich nicht getraut, die Hand nach dem Gegenstand seines Wunsches gradezu ciusz «strecken, nrid nur langsam, verstohlen heranschleicht, es mit den Fingerspitzen berührt und erschrocken sich abwender. Hier fallen mir die Worre von Heine ein, der sehr richtig bemerkt: „Nimmt mon ab dem Ochsen das Joch, er glaubt er trägt es noch." Man gab dem Juden nur das was man dem Menschen schuldig war, was man ihm fcutct) Jahrhunderte ohne Grund vorenthalten. Und doch glaubte der Jude, weil nun der jugendliche Kaiser in seinem Edelniuthe und Herzensgute, ihm seine natürlichen Rechte wieder g.w,.daß er jetzt aus D a n k b a r k e i t-den Sklaven machen, u-d den gnädigen Herrn Oberamtmanri oder Kreiekommiffär die Hand küssen müsse. So weit hat der Druck die menschliche 9Lcrtur herabgewürdiget. Nach langen Jahren wird sie erst eine Spur ihres frühern Daseins verrathen. — Als sich endlich die jüdischen, Sklaven mit ihrem Herrnthum bekannt machten, erwachte in ihnen.— man muß es zu ihrem Lobe sagen, nicht nur die Begierde von der Gleichstellung .einen materiellen Nutzen zu ziehen, sondern ihr Ehrgeitz, ihr Gefühl nach Menschenwürde ward in ihnen rege. Der gewöhnlichste Jude hielt sich darüber auf, warum man ihm nicht in seinen Paß „Herr" schreibe, und ich würde es nun keinem Schreiber mehr anrathen selbst den einfachsten Juden p^r „Such" oder „Ihr" anzusprechen. Freilich fangen die Herren Beamten in Oesterreich das Wörtchen „Herr" erst zu'stammeln an, und sprechen das r so schwer aus, aber wic glauben die Hebung dürfte sie -u einer korrekten Aussprache bringen. Jedenfalls sind sie bedeutend höflicher als vor dem 4. März. — Welche Hindernisse, die Weamtenwelt den Inden, die zur praktischen Anerkennung ihrer staatsbürgerlichen Rechte gelangen wollen, in den Weg legen, wie weit überhaupt die Juden in Oesterreich in der Gleichberechtigung vorgedrungen, werden wir in dem folgenden Brief darthun. ' M orltz. 3lti$ SÄa&vcst, im Sptbr. Ich gebe heute einen Nachtrag meines letzten Berichts, indem ich Ihnen noch melde, daß in Proßnitz schon einige Wochen eine Kriminal-UirtersuchungSkommission wegen der wlverdimten Beleidigiriig des jüdischen Kleiderhändlers beschäftigt ist, und man behauptet, daß schon acht Individuen verurtheilt sind. Ein zweiter Kriminalprozeß erhob sich in dieser Gemeinde wegen der dem Israeliten A. Broch im vorigen Jahre von mehreren Garden gewaltsam weggenommcnen 2000 st. CM., die er auf die Post tragen ließ. Noch ein kräftiger Beweis, daß die Behörde die Emaneipation ernstlich zu behaupten gedenkt, ist der derbe Verweis, den der Leipniker Magistrat von Seiten des lobt. Kreisamtes wegen seiner jndcnseindlichen Gesinnung und verächtlicher Gleichgiltigkeit bei oftmaliger Ruhestörung, erhielt, so daß jetzt sänmitlichen Bürgern besagter Stadt anfgetragen wurde, das Haus des Israeliten I. Glück wechselweise zu bewachen, widrigenfalls sie jeden Verlust zu ersetzen verpflichtet sind. — Jetzt etwas über nufere religiöse Emancipation! Die Selichot- Gebete wurden heuer nicht wie vormals gesetzlich vor Tagesanbruch, sondern bei hellem Tage reeitirt; schon hatte — sogar das erste Mal — der alte friedliche Nachtwächter Mond seine glanzende Laufbahn beendet, schon erlosch das schöne funkelnde Licht der Sterne. Die Ursache dieser Verspätung ist vierfach: 1) will inan keinen Aufstand mehr ohne reifliche Ueberleg ung veranstalten; 2) weil die Cholera in mehreren Gemeinden grassirte; 3) will mau vielleicht auch Sanität halber das unreife Obst, welches vom Baume der Erkeuntniß in die Selichot hineinflel, nicht so zeitig genießen, man könnte sich dadurch leicht ein literarisches Fieber zuzieheu; 4) haben wir, Heuer nicht so viel zu beten, da wir das Sonett ,,nnno WIED" schon in den Marztagen sangen. — Uebrigens verspricht man sich allgemein, daß man künftig am Neujahrs- und Versöhnuugötage keine Sterbekleider zu tragen brauchen wirdda sie nicht viel zur - Andacht - beitragen, und nur ein Kittel ohne Mittel sind. Heuer stellte noch .jeder Verheiratete das wohlgetroffene Bild . eines zu trauenden Bräutigams in Todtengröße vor. Ich darf auch nicht zu erwähnen vergessen, daß sich ein Bräutigam schon trauet ohne den weißen Kittel zur Trauung zu kommen, und eine Braut will nicht mehr das sogenannte goldene Decktuch, in welchem sie als Gattin erscheint, da sic sieht und nicht gesehen wird, anlegen, sie erscheint in einem gewöhnlichen weißen Schleier und von Krauzeljungfern begleitet, die Rabbiner haben aber vorläufig über die Unanständigkeit, die sich das bunte Gewühl bei der Trauung in der Synagoge erlaubt, zu moralisiren. Auch haben sich einige Rabbiner zu rechtfertigen, da man ihre Gelderpresftmg, die sie sich bei Ertheilung der Religiouszeugnisse ertaubten, der hohen Land es stelle augezeigt. Die armen Rabbiner siuden keinen Anklang, da sie jetzt keine klingende Münze bekommen , so müssen sie zur G e ld p r e sse ihre Zuflucht nehmen. Auch wurde die Uuthätigkeit des jüd. Komit§s, welches aus Kosten sämmtlicher Ge nie in den besteht, dem Gubernium augezeigt. Auf der Ktagschrift sind 23 Personen ans mehreren Gemeinden unterschrieben. — Ich habe Ihnen schon einmal über das sogenannte Schulklopfen Bericht erstattet. Lcider hat diese Unordnung noch nicht aufgehört; ebenso wird in den heiligen Tagen das Si'mdeubekeuutniß (Ascharunu) nach alfa-

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