Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1849)
- Date
- 1849-10-06
- Page
- Seite 178 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 178 - Mit Staunen hört man oft einen voetol jur!« titnusque, bei dem man doch voraussetzt, daß ec das Naturrecht studirt hat -7einenDoktorder Meviein, den...die Anatomie wohl gelehrt daß der „jüdische" und „christliche" Mensch aus ein und.denselben Knochen, Muskeln, Fasern rc. besteht, ja sogar einen Doktor der Philosophie (?) ä la Hegel, der das zweibeinige Wesen für Gott hält, auf eine Art sprechen, die „jüdischen" Rechte, die „jüdischen" Menschen, das- „Wische" Geschlecht, auf eine so kraffe und unwissende Art darstellen, daß man an der europäischen Civilisätion, an den konventionellen Einrichtungen unseree Gesellschaft zweifeln muß, und nicht nur an dem Fortschritt, an der Kultur, sondern "an den Menschen. Hier fallen uns die Worte des berühmten GrutHofer ein, der in Bezug auf den Menschen sagt: „Der Men sch ist ein har tköpfig es, und hartsinniges Geschöpf, dessen Individualwunsch fast .immer mit dem Nutzen der großen Gesellschaft zusammenstößt. Es mag sein, daß er gut aus den Händen der Natur kömmt; aber gewiß ist es, daß Lyn die ge sellschaftlichen Verhältnisse zum Ungeheuer machen." Von der christlichen Masse, deren Refrain tautet: „Der Jude ist kein Mensch", die da schreiet: „Nach Amsterdam werden wir euch jagen" oder „auf die grünen Wiesen," die noch an der Hep-Hepklingel und an der Mauschelglocke ziehen, von diesen will ich jetzt schweigen. Meine folgenden Briefe sollen diesen überwiegenden Lheil unserer Marchbewohner darstellen, auf die Quellen und den Nahrungsstoff des Haffes und des Vorurtheils zurückgehen, denn wir müssen um das Uebel zu. heilen, den Ursprung desselben kennen. In wie weit sich die Emancipation praktisch bewährt, welchen Nutzen die Juden vorläufig aus ihr ziehen, was sie noch zu -hoffen haben, was sie an der Gesellschaft verschuldet, wie sie es führen, können, und was sie thun müssen um nicht hinter der Zeit Zurückbleiben, dies alles sollen meine Briefe, aufrichtig ohne Parteilichkeit, Haß oder Zuneigung zu dieser oder jener Seite, darthun. Ich gehöre dem Judenthum an und schreibe diesen Brief in einem Blatte, welches bereits seit.10 Jahren die Interessen des Judenthums vertritt, die jüdischen Leser mögen daher, wenn ihnen manches in meinen Briefen hart scheinen sollte, es nicht einer Böswilligkeit zuschreiben, indem ich nicht aus Haß , sondern aus Liebe zu den Menschen kritisire. Moritz. Aus -eA Provinz Posen, im Sptbr.., Vor 147 Tagen habe ich Ihnen noch ans dem äußersten Norden des Großherzogthnms geschrieben, und heute soll dies aus einem südwestlichen Win desselben geschehen. — Wie der Spielball in der Hand des Knaben , ist der Mensch in ber Hand seines Geschickes, das ihn schleudert von einem Ort zum andern, ohne ihn zu fragen, ob. er dorthin wolle, oder nicht. — Wenn des Schicksals Stimme ertönet und ruft; dann kann der Mensch sich nicht lange besinnen; er muß verlassen, die Gegend, die ihm lieb und werth geworden, und ziehen in eine, von der er noch nicht weiß, ob es ihm dort gefallen oder mißfallen, ob er sich dort heimisch oder fremd fühlen, ob es -ihm dort gut rder übel gehen werde. — Denn die Zukunft, selbst die allernächste, liegt verhüllt vor unfern Blicken, und Alles, was wir wissen, .das wissen wir nur aus der Gegenwart, oder aus der Vergangenheit. Ich weist auch aus der Gegenwart, wiö aus der jüngsten Vergangenheit so Manches, das für Ihr Blatt nicht unpassend ist, und ich will nicht versäumen, es Ihnen ~~ititfc sei es auch nur mit kurzen Worten — zu berichten. .Die, aus unserm Ministerium der geistlichen, Unterrichtsrc. Angelegenheiten hervorgegangene Cirkular-Verfügrmg (iss Betreff ,der Verhältnisse der Inden) vom 5. Juni 6.,^ welche der Orient bereits in seiner Nr. 34 gebracht hat^ ist erst im Laufe des vorigen Monats von den Regierungen an die Landräthe und von diesen an die Magistratsbehörden mit der Weisung mitgetheilt worden, die Vorsteher der jud. Gemeinden mit dem Inhalte der gedachten Verfügung ungesäumt bekannt zu machell. Das Letztere ist geschehen, und das, was die Juden auf diese Weise erfahren, hat unter ihnen (namentlich im Großherzogthnm Posen) nicht wenig Sensation hervorgebracht.^ •— Von den Gemeinden des Netzdistrikts, den ich eben verlassen, weiß ich, daß denselben nächst dem Inhalte der erwähnten Ministeria! - Verordnung auch eröffne^ worden, bis zu Ende dieses Jahres neue Vorsteher- Wahlen vorznuehmen.^-Die Durchführung dirfes Befehls wird in jenen. Gemeinden unbedingt heftige Kämpfe herbeisühren; es wird wieder viel heißes Blut sitzen.* Denn überall giebt es dort-zwei Parteien , die einander sehr schroff, sehr feindlich gegenüberstehen. — Handelte es sich bei jenen Parteistreitigkeiien um gewisse Prinzip i en, dann wäre wenigstens die Möglichkeit vorhanden, die eine Partei würde sich von der andern belehren lassen, die eine würde der andern dieses oder jeneH nachgeben, und es fönnte auf diese Weise endlich' doch eine Aussöhnung zwischen ihnen herbeigeführt werdend Ein Prinzip, um daö man streitet, suchen Sie aber hier leider! ganz vergebens. Der erste Anlaß zu allen Reibungen in unfern Gemeinden war das liebe aus den Reibungen. sind Spaltungen hervorgegangen und aus diesen haben sich Kämpfe , heftige Kämpfe .1) Diese Verfassung hat zum Zweck, das Judengesetz vom 23. Juli 1847 der Deeemberverfaffung gegenüber als nicht ganz aufgehoben zu erklären. Auf die interessanten Details der Verfassung werden wir in unserm nächsten Schrei^ den zurückkommen. 2) Man äußerte da und dort sogar schon die Furcht vor einer gänzlichen Aufhebung der Emancipation. —- Ob mit Grund — wird die Zukunft lehren. ~ Sehr auffallend dürste ein solches Ereigniß durchaus nicht mehr erscheinen.— 3) Daß die jüd^ Lehrer von der Entrichtung derKtassensteüer nicht befreit sein und sogar zu Kommunal-Beiträgerr herbeigezogen werden sollen, ist zu glricher Zeit bekannt gemacht worden. — Schöne Frucht des Märzbaums! —/ 4) In Schneidemühl har neulich eine Ergänzungswahr für das Reprästutanten-KoUegium stattfinden sollen. ES sollten nämlich 3 nrue Mitglieder gewählt werden. Aber die Wahl mußte 3 Mal umgestoßen werden, weil unter e. '30 erschienenen Wählern drei' verschiedene Fraktionen Vorhänden waren, deren jede es gern aufs ihrige bringen wollte.