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Der Orient · 1849-10-06 · Heft 40 (6.10.1849) · p. Seite 177

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 40 (6.10.1849)
Date
1849-10-06
Page
Seite 177 (sequence 1)
Language
German
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Berichte, Studien und Kritiken Zehnter Das Abonnement auf ein Jahr ist 5 Tblr. Man abonmrtbei allen lobl. Postämtern und allen solid. Buchhandlungen auf ein Jahr. für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von vr. Julius Fürst. Jakgang. Von dieser. Zeitschrift erscheine wöchentlich das Literaturblatt mitgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Sonnabend regelmäßig. Inhalt. Deutschlland's vereinigte Staaten. Aus Mahren. Mährische Briefe. I. Aus der Provinz Posen-. Bericht über den Norden des Großherzogthums. Lissaer Gemeindewirren. Tod des Kaufmann Friedemann. — Der Dorfgeher. Eine Ghetto-Novelle von Leop. Kompert. (Forts.) — Perfonalchronik und Miscellen. Schweiz. Pesth. — LB. d. Dr. 184V.? 40, eipzig, den 6. Oktober Deutfchland's vereinigte Staaten. Aus Mähren, 9. Sept. (Mährische Briefe. 1.) Don was Anderem soll ich Ihnen berichten, als von unserer „Größe", von unserem,,Glücke", von unserer „Freiheit" d. h. von unserer oktroyirten Menschenwürde? Noch vor sieben Monaten wären wir froh gewesen, wenn wir nur Würger, und nun sind wir gar Staatsbürger! „O, Got t wie wunderbar sind Deine Wege." Aber Sie werden wohl begierig sein zu wissen, wie sich unsere christlichen „Brüder" jetzt gegen uns benehmen. So beiläufig: wie der Herr gegen seinen Diener sich benimmt, der auch den Herrn spielen will! Und kann uns dies wohl wundern? Haben nicht schon die Men gesagt: der Messias wird auf einem Esel geritten kommen? Es ist demnach ganz in der Ordnung, dasi dem jüdischen Messias d. h. der Erlösung viele Esel in den Weg treten, deren Sprache auch schon bei Erschaffung der Welt geschaffen worden sein muß, weil sie eine alte ist. Unsere christlichen „Brüder" machen es so wie die Demokraten, welche, wmn sie von einem Siege Oesterreichs über die Ungarn hörten , sagten, es sei nicht wahr, denn es kann nicht sein, weil sie es nicht wollen. „Wie kann das sein," hörte ich unlängst einen „gebildeten" Christen sagen, daß die Juden, die unfern Heiland gekreuziget, mit uns gleiche Rechte haben, die vermöge ihrer Religion uns hassen, uns für unrein, für Gojem, für schlechte Menschen halten, deren Religion gebietet den Gojem zu betrügen, da wie mir selbst ein Jude sagte, der Talmud — ein zu ihrer Religion gehöriges Buch — ausdrücklich erlaubt und sagt: Mit dem Gojen darfst Du wuchern, aber mit einem Juden nicht, — und diese Juden nun sollen mit uns eine gemeinschaftliche Gemeinde bilden, zuletzt uns gar einen aus ihrer Mitte zum Bürgermeister aufdringen, um über uns vollends zu herrschen?! Nein, dies kann, dies darf nicht sein. Und sollte dies sein können, dann — bei Gott! will ich auch ein Jude — sein! Ich habe den christlichen „Bruder" schlagend widerlegt, aber er war nicht zu überzeugen, daß die Juden unter Goj einen Heiden verstanden. Er nahm hierauf ein Verdeutschungs- Wörterbuch und zeigte mir das Gojim Nichtjuden heiße. „Und wie," fuhr er weiter fort, „glauben Sie.denn wirklich, daß sie emancipirt sind, etwa weil's in der oktroyirten Eharte steht? Wissen sie denn nicht, daß auch die Ministerverantwortlichkeit garantirt wird, die, wie ein französischer Minister, Polignae, sehr treffend bemerkte: bloß ein Zusatz zur Unverletzlichkeit des Königs sei! — Der Reichstag, mein Herr, wird erst ihre Rechte fest setzen — bis dahin sind sie das was sie waren, denn wir wollen es so." Ich sah wohl ein, daß gegen solche Argumente mit Vernunftgründen nicht angekämpft werden kann; ich erwiderte dem Herrn also nur: die Zeit, die Zeit wird richten! Glauben Sie aber ja nicht, Herr Redakteur, daß diese Ansicht über die Juden in Mähren eine individuelle ist. Nichts weniger als dies, denn sie repräsentirt den intelligenteren Theil unserer christlichen Brüder. Dies ist traurig aber leider wahr. Jedenfalls ist es eigentümlich, daß die christliche „Liebe", die christliche Intelligenz sich kaum bis zur Toleranz, im strengsten Sinne des Wortes emporschwingt. 40

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