Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1849)
- Date
- 1849-09-29
- Page
- Seite 174 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 174.— günstigen. Urtheile, daß alle Welt über den Dahingeschiedenen fällt, ist auf deffen Wirken im Leben zu schließen, denn Volksstimme ist Gottesstimme, ob ein Mensch in die ewige jenseitige Glückseligkeit eingehe, erkennt man daran , wenn die um ihn Trauernden in Masse herbeiströmen. Von diesem Gesichtspunkte faßte nun der Redner den Hintritt des so eben zu Grabe bestatteten edlen Mannes auf, und bei Schilderung dessen gemeinnützig und edelmüthig ge-' führten Lebens, fragt er wehmürhig, wer denselben mehr zubcklagen und. zu betrauern habe? — Hauptsächlich hob der . Redner unter Hinweisung auf Picke Abot 2, 9 hervor, daß der Verblichene ein gutes liebendes für das Wohl und Weh seiner Mitmenschen warm fühlendes Herz besessen und wir hoffen unV glauben, daß auch alle Anwesenden in dieses Lob unbedingt einstimmten» Zum Schluffe ruft der Redner den Dahingeschiedenen noch den Brudergruß zu, mit dem auch wir diese Skizze schließen wollen. Gesegnet sei dessen Ausgang aus dieser Welt, gesegnet deffen Eingang in die bessere jenseitige -Welt. — Leipmk, 7. Septbr. Atque ita ipsum templum in teatrum degeneravit — et ea tantum docendi quae nova ac insolita quaeque vulgus maxi me admiraretur, (Spinoza.) Mähren, das Eldorado der Talnurdisten und der Altorthodoxen, geht in mancher Beziehung einer traurigen Zukunft entgegen. Indifferentismus für religiöse Handlungen verbreitet sich allenthalben wohin das Licht der Neuzeit fällt, und Aber- glauben, mittelalterliche Ideen nehmen an der Seite des Unglaubens und Skepticismus Platz. Von wahrer Aufklärung ist man fern, indem die Eltern selten bei ihren Kindern echt fromme Erziehung mit der Bildung der Neuzeit in Einklang zu bringen, wissen. Und die Rabbiner? Diese haben wenig gethan (mit seltenen Ausnahmen), um Sinn für wahre Frömmigkeit zu erwecken, sie predigen vielmehr Fanatismus oder Lächerlichkeiten, oder endlich machen die Kanzel zum Tummelplatz ihrer Privatstreitigkeiten. Folgende Anekdote wird genügen und Sie werden dann leicht über den Geist unserer Heuler urtheilcn können. Der Rabbiner Quetsch in Leipnik, ein Nikolsburger, reiste dieser Tage nach seiner Vaterstadt. Nun herrscht zwischen den Altorthodoxen und dem Landrabb. Hirsch seit seiner Ankunft, wegen seiner ausgesprochenen Abneigung gegen den Pilpul, eme Spannung, die er durch sein stolzes Benehmen nicht milderte, indem er sie wie More-Zedek's zu behandeln glaubte. Nun ließ sich der Landrabb. Hirsch bei dessen Ankunft krank melden, und als die Nikolsburger bei ihm anfragten, ob sie den Ankommenden in der Neusynagoge predigen lassen sollen, gab Hirsch die undelikäte Antwort: „Meinetwegen sollen hunderte predigen'^ Nun war zwischen beiden Heeren der Krieg erklärt, und der Rabb. Quetsch glaubte als Großmacht der Orthodoxen Repressalien nehmen zu müssen. Er wählte die Kanzel zum Kampfplatze. Er begann mit )bp? 'Ml -ratt -Hrm Er hielt den Landrabb. seiner Verachtung zu gering, donnerte gegen alle Philosophie,, warnte vor ihrem Studium, verfluchte sie und ihre Pfleger (ich weiß aber/ daß er nicht die mindeste Ahnung von dieser edlen Wissenschaft hat, auch denkt er privatim ganz anders). Um aber sein Müthchen zu kühlen, setzte.er jede Rücksicht gegen diese mit. Recht voll Liebe gepflegte .WiWi schuft und gegen die Jünglinge zurück, die alle ihre Geisteskräfte ihrem Dienste widmen. Und welcher Schade entsteht nicht durch solche verbreitete Jdeenverwirrung bei dem gemeinen Haufen, indem Fanatismus^ und Dummheit an Raum gewinnt! Wie muß auch wohl selbst das Institut der Rabv. profanirt werden, wenn sonst solche geachtete Männer, aus heiliger Stätte zanken und streiten. - Nun erlauben Sie mir, noch Folgendes mltzutheilen. Der Landrabb. H. knüpft, die Bedingniß eines frommen Wandels und des genauen Nachkömmens aller Dinim deö Schulchan Aruch an die Hattara. Aus Bescheidenheit fordert er nicht die seines .mir). Der Landrabb. möchte gerne die Hierarchie und Kontrolle der Rabbinen einführen, es schweben ihm die edlen Zeiten der Resch Geluta mit der orientalischen Pracht vor Augen, wie auch die schönen Tage des Gewissenszwanges und des liebenswürdigen Cherem. Nie getrauete sich, ein Landrabb. diese Forderung an einen Rabbiner zu stellen, da er doch durch diese Hattarr ihm gleich wird/ und dieser Mann der Bildung, das Kind der Neuzeit hat den Muth solche Bedingniffe zu setzen! Sind das die versprochenen Verbesserungen, das unsere Errungenschaften, unsere Opfer für ihn? Wo sind die gehofften Schulverbesserungen, wo das unentbehrliche Seminar?. Wo die Acker- und Handwerksschulen, wo die Rundressen, zu denen er der Landrabb. verpflichtet ist? Wo die Aufrufe zur Veredlung der Erziehung? Doch ich will mit Fragen ein halten, vielleicht kommen die Verwirklichungen nach. Ueber die erbärmlichen und vernachlässigten Zustände unserer Jugend erhalten sie nächstens Nachricht. Der Erfolg ihrer Handlungen zeigt sich schon, die Alten werden verspottet, und der früher sehr gefeierte Landrabb. hat viele Sympathien eingebüßt. Einige nennen ihn einen Heuchler (welches eine Verläumdung ist), Andere nennen ihn den edlen Schwärmer. Mögen die Rabbinen lieber begreifen lernen, daß die Ideen der Zeit weder durch Verachtung noch durch schwärmerische Gedanken und durch Phrasen verdrängt und unterdrückt werden können. Sie werden nun von der anschwellenden Fluth der Strömung der Neuzeit wie Userkies weggeschwemmt werden. Mögen sie in religiöser Hinsicht die Worte eines Staatsschriftsteller beherzigen. Die englische Verfassung hat darum so viele Jahrhunderte überlebt, weil sie bei jeder Phase dem Charakter der englischen Nation, den daraus en tspringe n-, den Bedürfnissen nachzukommen suchte. P. Karlsruhe, 1. Septbr. Auch unsere Gemeinde wie die des ganzen Landes hielt einen. Gottesdienst ab zum Dank