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Der Orient · 1849-09-08 · Heft 36 (8.9.1849) · p. Seite 162

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 36 (8.9.1849)
Date
1849-09-08
Page
Seite 162 (sequence 3)
Language
German
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— 162 — und Gerechtigkeit auf dem Boden menschlicher Entwickelung aufrichten helfen. Wider seinen Willen hat Luther, dieser Typus des protestantischen Fanatismus gegen die Juden, die Freiheit der Juden mit erringen helfen. Schuf auch Göthe keinen ,,Nathan", so hat doch sein. „Fauste die pcrtentirten Seligkeitskrämcr aus der Fassung gebracht. Leipzig, am 100jährigen Geburtstag Göthe's. Ad. Jellirret. Stellung der Genoffenschaft für Reform im Judenthum zur jüdischen Gemeinde in Berlin. (Schluß.') Die Genossenschaft hat sich nach langem Zögern endlich zu diesem Schritt genöthigt gesehen, nicht nur um sich vor gänzlicher Erschöpfung ihrer materieller! Mittel zu schützen, sondern um einer unerhörten Mißachtung ihrer Rechte gegenüber, endlich auch die gebührende Stellung innerhalb der Gemeinde zu gewinnen. Die Genossenschaft hat weder die Absicht noch die Hoffnung aufgegeben, die Einheit der Gemeinde zu erhalten und eine angemessene Regulirung der Gemeindeverhältnisse auf dem Wege friedlicher Vereinbarung herbeizuführen. So lange sich aber diese Hoffnung nicht erfüllt hat, wird sie sich in der Nothwendrgkeit befinden, ihre Mittel lediglich auf ihre Selbstcrhalturig zu verwenden, da sie dieselben unmöglich einer Parthei kann znfließen lassen, die nicht gewillt ist, den Rechten und den religiösen Bedürfnissen der Genossenschaft die gebührende Rücksicht zu gewähren. Die Genossenschaft hat in Verfolg dieser Grundsätze inzwischen ein Statut angenommen, durch welches die Mitglieder derselben zu einem fester» Verbände zusammengetr^-ten sind als bisher, und verhältnißmaßige Leitungen zur Bestreitung ihrer materiellen Bedürfnisse als eine Verpflichwng jedes Einzelnen anerkennen, und aus diese Weise ist auch die materielle Existenz der Genossenschaft fest und dauernd gesichert. In dieser Stellung wird die Genossenschaft erwarten, ob der ihr gegenüberstehende Theil der Gemeinde ihr zu dem Werke der friedlichen Vereinbarung die Hand bieten werde, das zu jeder Zeit mit Ernst und Wahrhaftigkeit von ihr ongestrebt worden ist. oder ob dieselbe gewaltsam zu einer Spaltung der Gemeinde in zwei streng gesonderte Theile hindrängen will, welche sich gegenseitig den Besitz des Bodens streitig machen würden, auf welchem bisher die Gemeinde als ein Ganzes gestanden hat. Die Genossenschaft ist nicht der Ansicht, daß die Mehrheit der ihr nicht angel-origen Gemeindeglieder von den Männern vertreten sei, welche im vorigen Jahre den Versuch gemacht haben, eine Neugestaltung der Gemeindeverhättniffe unter ausdrücklicher Ausschließung der Genossenschaftsmitglieder vorzuschlagen und vorzubereiten. Sie ist vielmehr der lieberzeugung, daß der bei Weitem größere Theil der Gemeinde dahin strebe, dieselbe in so weil ungetheilt zu erhalten, alv dies bei der obwaltenden Verschiedenheit der religiösen Ansichten und Bedürfnisse möglich ist. Die Genossenschaft wird von der Forderung einer vollen und unbeschränkten Selbstständigkeit auf dem religiösen Gebiet in keiner Weise abstehen, sie wird auch nicht darauf verzichten können, die materiellen Mittel, welche von ihren Mitgliedern hergesteuert werden, zunächst für die Befriedigung ihrer eignen religiösen Bedürfnisse verwendet zu sehen. Sie bietet aber offen und ohne Rückhalt ihre Hand zur Erhaltung einer einigen und ungetheilten Gemeinde, und ihre Mitglieder werden sich den, zu diesem Zweck vielleicht erforderlichen Opfern nicht entziehen. Die Genossenschaft winde esaufs Tiefste beklagen, wenn das uns kaum gewordene volle Maaß der Religionsfreiheit zu einer Lockerung oder gar zu einer Auflösung.der Bande führen sollte, von denen die Einheit der jüdischen Gemeinde bisher erhalten wurde; wenn die Kraft einer tausendjährigen Eintracht "sich nicht auch in dem Augenblick bewähren sollte, wo dieselbe zum erstenmal nicht mehr der Ausdruck eines äussern Zwanges, sondern einer freien Selbstbestimmung sein soll: sie würde es aufs Tiefste beklagen, wenn es dürch den fanatischen Partheihaß Einzelner unmöglich werden sollte, eine neue Organisation unserer Gemeinde auf dem Grundsatz gleicher Berechtigung Aller und der gleichen Berücksichtigung aller religiösen Bedürfnisse herzustellm. Dazu bietet die Genossenschaft hier noch einmal offen und freudig ihre Hand; möge sie nicht noch einmal zurückgeftoßen werden. Deutschland's vereinigte Staaten. Aus Muhren schreibt man, daß die wieder austauchende Jndenfrage das allgemeine Interesse absorbirt. Eine mit mehreren hundert Unterschriften versehene Erklärung, die an den Gemeindeausschuß zu Sternberg gerichtet ist, spricht den Entschluß aus, wederjetzt noch für künftige Zeiten einen Juden in den Gemeindeverband aufzrmehmen; eben so verlangt man, daß jeder künftig aufzuuehmende Burger dieser Gemeinde bei der Aufnahme dieser Erklärung bei treten sott: Solche Dinge geben kein gutes Prognostiken für die Fähigkeiten der Gemeinden, ihre innern Angelegenheiten selbst icnd nur durch den Majoritätsbeschluß $u regeln. In Prag, so wie überhaupt in Böhmen hingegen schreitet man mit der Einführung der konstitutionellen Jndenemancipirung ins praktische Leben schneller vor. Dort hat man bereits eine vollständige Reorganisation des israelitischen Unterrichtswescns vorgenommm, und eine zeitgemäßere Stellung des Judenthums in der Ge-

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