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Der Orient · 1849-08-25 · 34 (25.8.1849) · p. Spalte 531-532

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Journal
Der Orient
Volume
1849
Issue
34 (25.8.1849)
Date
1849-08-25
Page
Spalte 531-532 (sequence 2)
Language
German
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531 Studien. Hillel der Aeltere. 532 der Bestimmung dies Judenthums, und dem gemäß von der Aufgabe seines Volkes gehabt habe. Hierin unterschied er sich von seinem Amtsgefährten Schammai; während dieser seine heftige Natur auch gegen einen um Aufnahme in das Judenthum bittenden Heiden nicht verläugnen konnte und dadurch meist Las Ziel verfehlte- — Nahm Jener in solchen Fällen eine Haltung an, die stets vom günstigsten Erfolg gekrönt wurde. So kam einst ein Heide zu Schammai und fragte ihn, wie viel Religionsquellen die Juden hätten; Schammai erwiederte: „zwei, eine schriftliche und eine mündliche". Darauf der Heide: „in Betreff der schriftlichen glaube ich Dir, doch hinsichtlich der mündlichen kann ich Dir kein Vertrauen schenkenwillst du mich in das Judenthum aufnehmcn unter der Bedingung, daß du mich in der schriftlichen Religionsquellle unterrichtest?" — Schammai fuhr ihn hart an und wies ihn zornig von sich. Darauf begab sich der Heide zu Hillel, der ihn unter der erwähnten Bedingung aufnahm. Zuerst trug er ihm das Al fab et in der üblichen Ordnung vor, Tags darauf in umgekehrter Ordnung. Der Heide stutzte; „wie?" äußerte er erstaunt gegen H i llel — „gestern lautete ja die Reihesolge ganz anders?" — Freundlich erwiederte Hillel: „hast du mir gestern bei der Unterweisung in den Schriftzügen Vertrauen geschenkt, warum nicht auch heute bei der mündlichen Erläuterung nur Glauben beimessen 5 — Und der Heide war überwunden. Er begriff nun, daß- S cham m ai's Ausdruck, es gebe zwei Religionsquellen, nicht eigentlich zu nehmen sei, indem Schrift und Tradition keine von einander ganz unabhängigen, in sich selbst abgeschlossenen R e l i gi o n ssy st e m e sind, sondern zu einander wie Seele und Körper sich verhalten, die nur in der engsten Verbindung mit einander hinnieden zu leben und zu wirken vermögen. Schon der schlichte Buchstabe an und für sich bedarf einer mündlichen Nachhilfe, um als solcher zu gelten. ,?Woher wolltest du sonst wissen, daß Dieses ein Alef und Jenes ein Bet sesi?" ° — Mußt du aber einmal die Unumgänglichkeit der mündlichen Erklärung 3) orfc w nnun HDD Sabb. 31 a; Abo ( de-Nal) bi Na tan 15. 4) Der Zweifel, ist also weniger gegen die Tradition selbst, als vielmehr nur gegen deren Vertreter gerichtet — Obi<3*>, nicht: $ einen die Tradition positiv in Abrede Stellenden würde auch Hillel schwerlich ausgenommen haben. — 5) Diese Antwort spricht für unsere Auffassung des ■p’DND'* Hillel macht dem Zweifler anschaulich, wie er, ohne Vertrauen zum Lehrer, auch auf die Kenntniß des schriftlichen Gesetzes verzichten müßte. Freilich kommt diese Apologie auch der Tradition selbst zu Gute, wie unsere Erörterung im Texte es naher nachweist — hd “pyi "['DD 'DJ — Sabb. ib, — Siehe folgende Anm. — 6) pjIjn nrty jnr nrw pjo ^,1) ,->H idn iahdn ub iidd *p * n»b noN nn mn nu ruinto u rtapie dbo (^n) 'di;w D’WNin nJ'OfO n -pV *?3p p. — A. d. R. R.!. «. - anerkennen, mit welchem Rechte dürftest du noch an Mm Umfange ihres Bereiches mäkeln? —- Denn was ist die Tradition anders alseine mündliche Erklärung zum schriftlichen Gesetz? Diese Behauptung spricht Hillel ganz unumwunden bei einer andern, ähnlichen Gelegenheit aus» Ein Heide wollte unter der Bedingung zum Judenthume übertreten, daß man ihm das ganze mosaische Gesetz beibrächte, während er auf einem Fuße stände.^ Nachdem er mit dieser Forderung bei Schammai, wie leicht zu errathen, schlecht angekommen war, wandte er sich an Hillel, der auf die sonderbar klingende Zumulhung einging: „Was dir verhaßt ist, das füge auch deinem Nächsten nicht zu! 8— Dies ist der Inbegriff des ganzen mosaischen Gesetzes,^ alles Uebrige ist nur nähere Erläuterung dieses einen Begriffes; „gehe hin und lerne!" — So belehrte Hillel den Heiden, und dieser erklärte sich befriedigt. So hat Hillel's scheinbar laxes Verfahren für die Befestigung und Verbreitung des Judenthums mehr geleistet als Sch a m ma i 's übermäßiger Eifer. Es muß andererseits aber auch zugegeben werden, daß der Gegensatz zwischen diesen.beiden Männern — wie wir bereits wiederholentlich hervorgehoben — nur ein äußerlicher, scheinbarer war. Im Prinzip waren sie mit einander vollkommen einverstanden; beide huldigten sie dem System der Perusch im, beide erkannten sie an, daß der kalte -Buchstabe an sich, ohne den erwärmenden und belebenden Hauch der Tradition, einer Mumie gleiche — mit einem Wort, auf der Bahn der Theorie gingen sie mit einander Hand in Hand, doch am Wendepunkt der Praxis angelangt, da schlug Jeder einen andern Weg ein, da glaubte der Eine das gewünschte Ziel am sichersten zu erreichen, wenn er stracks darauf losginge, unbekümmert um Berge und Schluchten, die ihm Halt gebieten, —- während der Andere es für angemessener hielt, entgegenstkhende Hindernisse zu umgehen, um — wenn auch langsamer, doch desto sicherer zum Ziele zu gelangen. Wer von beiden die -richtigere Anschauung gehabt, lehrt die Geschichte zur Genüge. 10 7) ijNcßrD f rhi mmn bj ■»notaw ojd hy 'Ji".v nn.N noiy c. •—eunf. Horaz (blühte gleichzeitig mit Hillel, der ihn aber um 16 Jahre überlebte): . . . ducentos, . . . versus dictabat, stans pede in u n o. — Sat. 1. 4, 9 und 10. — 8) mmrr^o s’n u' -pjrr^ yp ^jn “1103 ‘Pn ' Nin ni^nS "P’tfl * — Scibb. <«»t. Mach. Vli; 12, wo diese Hille l'sche Sentenz (hier im negativen Gewände erscheinend) in eine positive Form umgegoffen wird — was freilich id ealisch er klingt, dafür aber weniger pr ak t i sch en Werth besitzt — 9) Math. l. c. wird zu oprog yaQ §6-ziv o vößog, was auch Hillel sagt, noch hknzugefügt: %al ol n q oq?rj t a l, wovon H illel schweigt; es müßte denn der scheinbare Pleonasmus rfe die Lehre im weitern Sinn e bezeichnen. 10) Hillel erlebte noch den Triumph, daß sein schwie-

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