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Der Orient · 1849-08-04 · Heft 31 (4.8.1849) · p. Seite 143

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 31 (4.8.1849)
Date
1849-08-04
Page
Seite 143 (sequence 5)
Language
German
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143 Antrag sogleich zurück nehmen mußte; da aber schon die Kühnheit des Antrags, den politischen Wahusiiur der Jetztzeit bezeichnet, so hat Referent um solchen abzuweisen , Einliegendes in die Hamburger Zeitung cinrncken lassen. (Folgt nächste Woche.) Beitrag zur Geschichte der Juden in Polen' von L. Weyl in Schneide m ü h l. Es hat eine Zeit gegeben, und diese Zeit ist noch gar nicht so lange verstrichen, wo die „Geschichte der Juden in Polen" stark in der Mode war, wo dieser Zweig vom Baume der „Allgemeinen Geschichte der Juden" auf der Bühne der jüd. Journalistik eine sehr bedeutende Rolle spielte. Es war dies nämlich in der ersten Hälfte des jetzigen Jahrzehnts, zu der Zeit, als derAntiochus des Nordens vom Strande der Newa aus, einen furchtbaren Ukas nach dem andern hinter die Juden seines Reiches hecschleuderte, da regten und bewegten sich Hunderte von Zungen und Federn, um zu sprechen und zu schreiben von der Geschichte unserer Glaubensgen offen in Rußland und in Polen. Und es ertönten Stimmen vom Ufer der Seine bis zur Elbe und von der Hauptstadt Belgiens bis weit hinter die Alpen,* und Alles, was erzählt und geschrieben wurde, es fand siebenfachen Wiederhol! in den geräumigen Hallen der jüd. Journalistik. — Doch es sind andere Zeiten ei nge treten, neue Ereignisse haben das Alte vergessen gemacht, Rußland und Polen sind in den Hintergrund gedrängt, und die Juden in diesen Ländern, wer gedenkt ihrer noch? Die Geschichte aber, eine Tochter der Wissenschaft, läßt sich nicht in den Hintergrund drängen; die Geschichte, als Wissenschaft betrachtet, ist kein Ding der Mode, die Geschichte bleibt für den, der sie forschet, immer lebendig, immer frisch, immer blühend. Und so sei es uns denn zum wenigsten im Interesse der Geschichte gestattet, in diesen Blättern wieder einmal auf die „Juden in Polen" zurückzukommen und für heute vorläufig: „Etwas über die Niederlassung der ersten Juden im Königreiche Polen" * dem Leser, der sich dafür interessict, mitzutheilcn. So sehr auch die Ansichten der alten und neuen Chronisten und Geschichtsschreiber über die Zeit der Einwanderung 1) Mit Benutzung des „Phylacterium, oder Arganton und Philo im Schooße der wahren Glückseligkeit." Berlin, 1801 (anonym) — und mehrerer anderer Schriften.. 2) Man erinnere sich der Männer Holländerski, Carmoly, Czyski, Pbilippson, Frankel, Stern, Lilienthal, Simon rc. 3) In einigen später zu Liefernden Aufsätzen wollen wir das Leben der Juden in Polen unter Mieczyslaus, Boleslaus der Juden in Polen btfferiren,* * * 4 5 so stimmen sie doch fast Alle darin überein, daß die ersten Juden, so sich im Polenlande niedergelicßen, aus Deutschland herübergekommen waren.^ Das Buch, welches wir bei dieser Arbeit zumeist benutzten,6 will die Uebersiedelung deutscher Juden nach Polen bis ins letzte Decennium des neunten Jahrhunderts hinaufgerückt wissen. 7 8 — Das römisch - katholische Christenthum war damals schon in einen großen Theil von Deutschland eingcdrungen. Aber seine Bahn war mit Blut gezeichnet; denn dem Kreuze folgte überall die Fackel des Krieges und der Verheerung. Die wilden Stämme der Wälder Germanims mochten sich nicht so leicht zum Christenthume bekennen, und viele, so dies schon gethan hatten, sielen nur zu bald wieder ins Heidenthum zurück und wütheten mit Mord und Brand gegen diejenigen, welche Miene machten, die christliche Religion anzunehmen, oder sie angenommen und behalten hatten. Und die Bekenner des Kreuzes waren gegen die Diener Wodan's nicht minder grausam. — „Die Gtuthen des Krieges" — sagt Philo — „brachen aus allen vulkanischen Schlünden hervor; eine Partei schwur der andern und Casimir dem Großen, so wie die Verfolgungen, welche sie unter der Herrschaft der Jagellonen erlitten, zu schildern versuchen. 4) Nach Naruszewicz sollen schon zu Ende des 8. Jahrh., also beinahe Li) Jahre vor Gründung des poln. Königreichs, Juden in Polen gewohnt haben. (Sehr unglaublich.) Carmoly (Etat des Jsraelites en P^logne) differirt von Nar. in diesem Punkte, um einen Zeitraum von mehr denn 100 Jahren, indem er die ersten Juden in Polen erst zu Ans. des 10. Jahrh. eingewandert wissen will. — Thomas Treter will wissen, daß Mieczyslaus 1., welcher 964 zur Regierung kam, die ersten Juden in Polen ausgenommen. — Ebenso berichtet Clemens Janicki (Hist. Pol. 111, 5), während der Jesuit Mathias Bembus die Aufnahme der ersten (100) jüd. Familien in Polen unter Boleslaus l, also im 'Anfan. c des 11. Jahrh. geschehen läßt. — Ain tiefsten steigt Wlad. Grabowsßi, der in seinem Buche: „Ueber die poln. Juden" berichtec, daß man erst zu Ende des 11. Jahrh. (1096) die ersten Juden in Polen gesehen habe. — Mit unserm Phylact. (s. w. u ) übereinstimmend, oder mindestens demselben sich sehr nähernd, sind: Stolterforth lPragmat. Gesch. v. Polen. Leipzig, 1780), Ritter Solignac (Gesch. v.Polen. Halle, 1765), Herbert us (kl ist. Pol. 39), ferner Acerenus (d. i. Sebastian Klonowicz), Fiedler, Cochering, Mazur u. a. m. 5) Leon Holländerski (Lcs Israelites de Polojjne) trifft einen Unterschied zwischen den Juden im nördlichen und denen im südlichen Polen (d. i. Groß- und Klein-Polen); von den erstern giebr er zu, daß sie aus Deutschland herübergekommen wären, aber erst im 11. Jahrh., die letztern hingegen will cr aus dem Osten Europa's, und zwar schon bedeutend früher, eingewandert wissen. — Einige Historiker sind der Meinung, daß die Juden in Rußland und Klein - Polen aus Kaukasien (dem Khazaren -Reiche) eingewandert seien. (Czacki, Potocki, Tarnovius rc.) 6! Vergl. Anm. 1. 7) Die, welche derselben Meinung, haben wir am Schluffe der 4. Anm. angeführt. — Carmoly weicht übrigens hiervon auch nicht allzusehr ab. — 8) Phylact. 111, 24.

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