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Der Orient · 1849-06-30 · Heft 26 (30.6.1849) · p. Seite 123

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 26 (30.6.1849)
Date
1849-06-30
Page
Seite 123 (sequence 5)
Language
German
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123 noch hört man kleine Kinder schreien, meinen; noch hört man Weiber ans der Gallerte plappern, kreischen, ächzen, krächzen, lachen und ,Masel" bieten, noch singt der Chasan den alten Singsang, einen Marsch zu A'schre, eine Ouvertüre zu Naarizaeh, eine Polonaise oder einen Schottisch zu Annim Semirot re.; noch schüttelt und schaukelt sich der andächtigere Th'eil des Publikums und donnert die Schlußworte der Gcbetstücke mit so gewaltig erhobener Stimme, daß die hängenden Leuchter erzittern und die Fenster erdröhnt!;; noch kreischt das Genie von Bai Kore die Sidra mit den; heiligen Nigun so krähenartig, daß Einem das Trommelfell zu . platzen dreht, kurz, Alles wie vormals, Alles, Alles, Nichts verändert, gar Nichts. Und die Schule?, hör' ich Sie fragen. Sie hat einen Dirigenten und 6 Lehrer, aber größtentheils abgenutzte Kräfte. Die Leistungen sind daher nur sehr mittelmäßig. In der; obern Klassen wird Lateinisch unterrichtet. Wozu dieser Luxus-Artikel? Gehört das Lateinische in die Volksschule? (Mag diese Frage der erste Lehrer an der dortigen Schule, Hr. M. B. beantworten, der im vorigen Jahre ein Votum ,,zur Schulsrage" veröffentlicht hat, worin er gegen die Erhebung der Volksschule zur Staatsanstalt und für die Abhängigkeit der Schule vnn der Kirche (r. e. die Bevormundung des Lehrers durch die Geistlichen) gesprochen.) — Die Lissaer Gemcindeschule hat aber noch einen andern Luxus-Artikel, und zwar einen seichen, der jährlich nicht minder als 200 Thlr. kostet. Ich meine den sog. Schuldirigenten, und das ist der evang. Pastor, den die Regierung mit der Inspektion der jüd. Schule beauftragt hat. Ueberall in unserer Provinz ist die Inspektion der jüd. Schulen uuentgeldlich/, in Lissa kostet sie jährlich 200 Thlr. Und warum? Nun weil der Schulvorsteher Hr. Lion Levy es so haben will. — Könnte diese überflüssige Ausgabe nicht gespart werden? Oder würde man nicht -noch besser daran thun^ diese Summe den gering besoldeter; Lehrern der untern Klassen znfließen zu lassen? — Das Vereinswesen, welches in L. immer sehr geblüht hat, scheint durch die schlechten Zeiten einen gewaltigen Stoß erlitten zu haben. Am thärigsten sind noch der Bekleidungs-Verein (für israel. Arme;; schul er) und der Speise-Verein (für arme Kranke). — Die Politik ist bei den Lissaer Inden noch nicht in den Hintergrund getreten. Zur reaktionären Partei gehören gottlob nur sehr wenige. — Außer Lissa und Posen habe ich noch so manche andere Stadt des Großherzogthnms berührt und überall mehr oder weniger Notizen für Ihr Blatt gesammelt. Doch für heute glaube ich genug refcrirt zu haben. Erlassen Sie mir den Nest ans daS nächste Mal. Ich werde Ihnen bald wieder schreiben. Zum Schluffe aber noch einige Kleinigkeiten ans ureiuem lieben Netzdistrikt. — An einige Mitglieder der jüd. Gemeinde zu Filehne ist Seitens des Ministeriums des Innern verfügt worden, daß ihrem Anträge, „dem Vorstände der dortigen jüd. Gemeinde die Behufs Einziehung der Korporations-Beiträge nachgesuchte Unterstützung der Behörden zu versagen" nicht entsprochen werden könne. — Die Mitglieder der jüd. Resormgeuossenschast zu Schneid e m ü h l können jetzt die sie betreffenden gerichtlichen Eide vor ihrem eigenen Prediger abhalten. So hat das Oberlcmdesgericht von Bromberg verfugt. — Zn Schönlanke fängt auch an der Geist der Reform sich zuregen. Spät genug. —- Die Bromberger Judenschaft hat sich noch immer nicht zur Gemeinde konstituirt. 'S hat Zelt. —- W. Aus Mähren, 12. Juni. Seit der Emancipation der Inden gerathen viele mährische Gemeinden in eilte wahrhafte Desorganisation. Viele glauben, daß mit dem Verschwinden des Druckes auch die Verpflichtung anfgehört habe, zu den Gemeindelasten beizutragen, wodurch die Kultusbeamten wie Rabbiner, Lehrer, Vorsänger und Schächter oft in Verlegenheit und Noth gerathen. Die Vorsteher werden besonders anmaßend, und viele Rabbiner verstehen e« nicht, sich den Regierungsbehörden gegenüber die nöthige Autorität zu verschaffen. Orthodoxie ist wohl noch im Ueberftnsse vorhanden , sie hat aber eine socialistische Färbung angenommen, indem sie persönliche Opfer scheut. Wenn die Gcmeindebeamtcn von einigen Kapiteln Psalmen, von Kinnot, Selichet, Jvzerot, Pijutim und Pilpulim leben könnten, da würde die Orthodoxie alle ihre Speicher öffnen, in denen die genannten Artikel in großen Quantitäten aufgehäuft liegen. Baares Geld will unsere Orthodoxie ebensowenig wie die Wiener Bank liefern. — Mehre Rabbiner wollen gemeinschaftlich antragen, daß die jüdischen Nermalschnlen reformirt werden. Einige sind dafür, daß sie ganz aufhören mögen, da getrennte Konfessionsschuten die Trennung der Konfessionen nur mehr nähren. — Die lieben Russen sind unsere Gäste,, und wir haben jetzt Gelegenheit, nolens Polens uns mit DTrmv ncODH zu beschäftigen. Unsere russischen Gäste sind besondere Freunde von n^srn oyrpp, und sie haben selbst bei gewöhnlichem VN'p die niDD yrntf ein* geführt. Uebrigens ist der größte Theil der mährischen Juden gut kaiserlich gesinnt. Aus Mähren, 16.. Juni. Endlich glauben wir, werde der 9. Ab bei uns eine Reform erleiden, nachdem die Juden Staatsbürger geworden sind; endlich werde jener skandalösen Feier mit zerfetzten Kleidern ein Ziel gesetzt werden. Sie haben keine Ahnung, Hr. Redakteur, wie abstoßend der 9. Ab. bei uns bis jetzt gefeiert wurde. Vor Allem kaut das Fasten, dann das Sitzen auf der Erde, daun figurirten die struppigteu Bärte, die bloßen Strümpfe, die Züge nach dem Gottesacker, Klagelieder ohne Zahl und Maaß und Ende. Der Feier fehlte die Erhebung, die religiöse Weihe, die Innigkeit und Rührung. Vielleicht werden jetzt unsere Rabbiner; cinsehen, daß eine Umgestaltung der Abfeier von der Zeit geboten wird. Gegen das Fasten haben wir nichts einzmvenden; wir gönnen Jedermann das Vergnügen, sich zu kasteien. Nur verlangen wir iin Namen der Würde und der Ehre des Judenlhums, d-aß das wahrhaft Widerwärtige der Feier endlich aushöre. U n g a r n. Aus Ungarn , iin Juni. Die königliche Rcgierung ließ in Preßburg, die ungarische in Pesth ztzvei

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