Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1849)
- Date
- 1849-06-30
- Page
- Seite 122 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 122 — würde man cs für unmöglich, noch das vorige Jahr 1 für nnansführbar gehalten haben, was jetzt, einmal verwirklicht und in Geschmack gekommen, fast zum Bedürfniß geworden. — So ändern sich Gesinnungen und verfeinert sich der Geschmack, wenn erst der Wahrheit und dem Bessern Bahn gebrochen ist. — Aus dem Netzdistrikt, im Juni. Meine Frühjahrsreise hat viel länger gedauert, als ich Anfangs geglaubt hätte, und darum komme ich mit meinem (Nr. 16) versprochenen Bericht so spät. — Ich bin in Posen gewesen. Wie schaut's dort aus? hör' ich Sie fragen. Juden in Menge, aber keine I n d e n g e m eint) e. Was? in Posen keine Gemeinde? in der sog. DN1 .T-y keine Gemeinde? Ja, so ist es leider l Ich habe Ihnen dies schon vor Ostern geschrieben, und ich habe Sie nicht getäuscht. Posen hat keine Gemeinde mehr. Denn was ist es, das die Gemeinde in Israel bietet? Ist e§, daß viele Kinder Jakobs sich an Einem Orte versammeln, um daselbst vereint den Gott der Wahrheit anznbetcn? Ist es, daß Viele einen Mann sich halten, um sich von demselben, was "*)&so und waS HD1D/ was niDN und nniD sei, sagen zu lassen? Ist es, daß Viele Eilten Mann haben, der ihnen das zu genießende Vieh und Geflügel schlachtet? Ist es, daß Viele ihre Leichen ans einem und demselben Acker beerdigen? Nein, das ist es Alles nicht. — Das Band, welches eine Anzahl Jsraetitcu zu dem, was man „eine Gemeinde" nennt, vereinigt, ist ein festeres, denn es ist von Metall. — Wir meinen, die Steuer, die G e m e i n d e - S t c u e r. Und eine solche hat in Posen zu existiren aüfgeh'ört. Man zahlt nichts mehr zur Gemeinde, und wo nicht gezahlt wird, da ist kein Geld, wo kein Geld, da keine Verwaltung, und wo keine Verwaltung, da keine Gemeinde. — Ist Ihnen, das Räthsel nun gelöst? Ich glaube wohl. — Aber die Schuld? die ungeheure Gemeindeschnld? wer wird sie decken? — Sorgen Sie nicht. Man hat einen Answeg gefunden , und man halt ihn für sicher, für sehr sicher, ob mit Recht, weiß ich nicht. Wissen Sie, was man thnt, mit sich von der Verpflichtung, die Schuldenlast tragen zu helfen, zu entbinden? Man l ö st sich ab. Alles löst sich ab. Und dies Ablösungs-System verdankt seine Erfindung einem Manne, der in Posen nicht nur sehr bekannt, sondern auch sehr beliebt ist. Die Operation ist folgende: Herr % schreibt an den Vorstand (und ein solcher e.ristirt lu'tf), wenigstens dem Namen nach), er wolle ab ge löst sein. Es vergehen 8 oder 14 Tage, dann cxfyilt Herr 26 ein Schreiben, worin ihm gesagt wird, er habe so und so viel Thlr., Sgr. und Pf. zu entrichten und er werde abgelöst sein. Herr 26 zahlt das Verlangte, erhält eine Quittung, mit ihr einen Ablösnngsschein, und hat anfgchört, dem Gemeinde- Verbände anzngehvrcn. — Dies Manoenvre wird in P. schon seit mehrcrn Monden betrieben, und ich kann Ihnen nicht sagen, ob dort nod) 30 vorhanden, die nicht abgelö'st. Was soll ich Ihnen sonst noch aus Posen erzählen? — Von dem alten Schlendrian in den Synagogen? Abgedroschenes Thema. Von dem Hrn. Oberrabbiner? Sein Kontrakt wird bald abgclaufen sein. Und dann? — Ja, ich weiß nicht, was dann werden wird, und die Posener wissen es auch nicht. — Von den Deraschvt des Hrn. OR.'s? Blättern Sie in den Jahrgängen 1846 und 4? des Orients, und Sie werden all dasjenige finden, was ich Ihnen über diesen Punkt berichten konnte. — Von den Predigten des Hrn. P l e ß n e r? B e g e i st e r t sind sie noch., wie sie immer waren; zu begeistern haben sie längst aufgehört. Doch das ist nicht die Schuld deS Hrn. Pleßner, auch nicht die deS Publikmns, sondern die der Zeit^ Aber es ist und bleibt die Schuld des Publikuins, daß Hr. Pl. mit Noth und Entbehrung zu Kämpfen hat, Hr. Pl. nur kümmerlich sein und seiner zahlreichen Familie Dasein fristet. — Was soll ich Ihnen vom jüd. Schulwesen in P. erzählen? Es ist leider immer noch das alte; es ist leider noch nicht -um ein Haar anders geworden, als ich es Ihnen in meinem langen Schutberichtc vom v. I. (Nr. 5 und 6 d Or.) beschrieben habe. — Und das Vereinswesen? Es hat noch nie in Posen geblüht. Selbst der Bruder-Verein ist nicht mehr der alte, trotzdem allsabbatlich Chorgesinig und alle 14 Tage eine Predigt gehört wird. Ich weiß übrigens nicht, ob ich recht daran thue, wenn ich die gottesdienstlichen Verträge des Hrn. Gold sie in „Predigten" m'iuu'. Hr. G. (an und für sich ein wissenschaftlich sehr gebildeter Mann und tüchtiger Redner) politisirt auf der Kanzel , weiter thut.cr Nichts, und er gefällt, weil seine Reden mehr ins Röthliche als ins Schwarz- Weiße schillern. — Das jüd. Arnienmesen in Posen wird voir der Kommunalbehörde verwaltet. — Das kommerzielle Leben der Juden in P. wird wohl so bald nicht wieder das alte werden, da man sich den Polen ebensowenig nähert, als daß diese Miene machten, der andern Nationalität die Hand zu bieten. — Das politische Treiben der Juden, im vorigen Jahre sehr bedeutend, ist durch die „Wendung der'Dinge in Deutschland mit? Preußen" fast bis ans Null gesunken. — Im socialen Leben derselbe Kisten- und Kastengeist wie ehemals! — Nächstdem bin ich auch in Lisscr gewesen. „Und was giebtö hier Neues?" Ich möchte sagen, gar nichts. Denn der „Unfriede in der Gemeinde" ist eine alte, längstbekannte Geschichte. Die „Parteien" stehen einander noch so schroff gegenüber, wie im vorigen Sommer; an Versöhnung, an ein friedliches Nachgeben von der einen oder andern Seite ist nicht zu denken. — Die sog. A bgezweigten haben mit ihrer Abzweigung Nichts ausgerichtet; denn sie müssen die Stenern zahlen wie vormals. Und was nicht gutwillig gezahlt wird, das wird „mit Hilfe der Polizei" herbeigetrieben. Daß cs also geschehen soll, ist von oben herab verfugt lvorden. -— Alles wie vormals. Sie sehen, Hr. Redakteur, es ist tu Erfüllung gegangen das alte Gebet WüDiKf rDWI rbno23 njiBWOD. ■— Die Steuer-Sätze sind aber jetzt noch bedeutend hoher als früher. Denn da die Krnpka eingegangen, so ist das, was diese einbrachte, auf die Repartitien gelegt lvorden. So kommt es denn, daß Leute, die sonst kaum mit 40 Thlr. besteuert waren, jetzt 60 Thlr und noch darüber geben müssen. Und außer der gewöhnlichen Gemeilide-Abgabe ist noch eine besondere Schul-Steuer eingcführt, deren Sätze ebenfalls enorm hoch sind. — Der unlängst mit vielen Geldopfern restaurirte Tempel, welcher an Räumlichkeit und innerer Einrichtung seines Gleichen sucht, ist noch von den alten Götzen nicht gereinigt. IViliil mulalum esl. Noch plaudert man während des Gebets und des Vorlesens aus der Tora wie ehemals, noch rennt man, wenn es Einem beliebt, von einer Stelle zur andern,