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Der Orient · 1849-06-30 · Heft 26 (30.6.1849) · p. Seite 124

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 26 (30.6.1849)
Date
1849-06-30
Page
Seite 124 (sequence 7)
Language
German
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124 Juden erschießen. ,,Schlägst du meinen Juden, schlage ich deinen Juden." — General Danneberg glänzt unter den ungarischen Feldherren und führt ein eigenes Korps an. Der Dorfgeher. Von Leopold Komp ert. (Fortsetzung.) „Hab' ich Dir's nicht gesagt," hörte er drin dcir Knaben in der Stube ausrufeir, „daß ich auf Freitag werd'mein erstes Blatt Talmud können? Mein Wort Hab' ich gehalten, Mutterleben, jetzt halr's an Dir." „Ja, ja, mein Kind," bestätigte darauf eine weibliche Stimme, die den horchenden Bettler erbleichen machte, ,,ja, ja, aber nicht eher bis Dich der Vater hat verhören lassen aus dem Blatt Talmud. Heut' zu Tag, Benjamin Leben, muß man sicher gehen; ober Freud' wird er genug haben, wenn er daheim kommt. Willst Du aber ein Draufgeld?" Aber ehe Benjamin noch antworten konnte, war es dem lauschenden Ohre des Bettlers, als legten sich drin zwei weiche mütterliche Lippen auf die Wangen des Kindes; Minuten fange schallte dieser süße Austausch zwischen Geben und Nehmen und eine so gewaltige Erschütterung tobte in den Adern des Bettlers, daß er sich an der Thüre fesihalten mußte. Nun hörte er, wie Benjamin drin von seinem Begegniß mit einem „merkwürdigen" Bettler erzählte, den er draußen habe -stehen lassen. Gleich darauf traten Mutter und Kind heraus, und der Bettler Hatto nur noch Zeit zur Seite zu springen. „S'Gott's willkumm, Gast," sprach ihn die Mutter an, „Ihr bringt mir eine Plett?" Keines Wortes mächtig, reichte ihr der Bettler die schriftliche Anweisung auf.die Sabbcnkost hin, aber wie ein Donneeschlag tras's ihn, als die Mutter den Zettel mit der Hand obwies und meinte: „Sott ich leben, es thut mir leid, daß ich Euch wieder zurückschicken muß; ich kann Euch nicht behalten, der Schabbes ist schon gemacht, und ich Hab' mich nicht geeicht' auf Euch." „Also muß ich fortgechen," rief der Bettler bebend, aber mir an den Boden gehefteten Augen, „Ihr wollt mich auf Sabbat nicht behalten?" Befremdet und ergriffen durch den eigenthümlich schmerzlichen Ton, der in diesem Ausrufe lag, sah die Mutter aufmerksam auf den Bettler, dessen Angst sie sich nicht zu deuten wußte. Aber sogleich meinte ihr treffliches Herz: „Nu, nu, wenn Euch so viel an armer Leute Kost aufliegt, so bleibt nur, Gast, bleibt nur! Verhungern sollt Ihr nicht auf Schabbes, Channe Prager führt, Gott Lob und Dank, nicht so ein Haus, daß wo fünf Mäuler voll werden ein sechstes soll leer von ihr ausgehen." „Weißt Du was?" sagte Benjamin einfallend, „ich geb' dem Gast meine Fisch! " „Nu, seht Ihr Gast," fuhr die Mutter mit einem triumphirenden Lächeln auf den Knaben fort, „nu, seht Ihr, daß Ihr werdet satt werden? Benjamin will Euch seine Fisch' geben und an einem Stück Barches* wird er's auch nicht, fehlen lassen. Also bleibt nur und kommt! es ist sogar gut, daß Ihr kommt. Weiß ich denn, ob mein Sohn Elije, der auch in der Fremd' ist, wird hcur' auf Schabbes etwas zu essen haben. Ich begreif' mich gar nicht, wie ich daL Hab' vergessen könnin Also kommt nur, verhungern werdet Ihr nicht, ich will schon dafür sorgen." Es traf sich glücklich, daß um diesen Augenblick der heimkehrende Rebb Schimme Prager, der Vater des Hauses, dem Bettler der antworten und danken wollte, jedes Wortes überhob Es war ein Mann in's Haus getreuen, dem man an dem schweren Packe, den er auf den Rücken trug, den „Dorfgeher" ansah; ihm entgegen flog Benjamin und rief! „S'Gotts willkumm, s'Golls willkumm, Vater! weißt Du schon, daß ich mein erst' Blatt Talmud thu' können?" Rebb Schimme, ehe er antworten wollte, berührte früher die geheiligte Stelle an der Thürpfoste, wo der geheimnißvolle Name Gottes „Schadai" durch ein gläsernes Fensterchen hindurchblickte mit der Hand, die er dann andächtig an die Lippen führte» Dabei wurde die ganze Gestalt des Dorfgrhers höher und mächtiger, als man bei seinem ersten Anblick vermuthet hätte; es war als hübe ihn die Nähe seines Gottes über die Wucht seines Packes und über sich selbst hinaus» Auch sein Antlitz war nun besser zu sehen; es war eines jener von Kummer, Lebensmut-' und Plackerei tief eingefurchten, wie sie nur das Ghetto zu zeichnen vermag! Der Bettler erschrack innerlich' vor diesem Anblick! In der Stube vorschreitend, wo er den Pack wie eine Riesenraupe von sich abschüttelte, sprach erst der Dorfgeher: „Das sagst Du, Benjamin Leben, was sagt aber die Welt dazu? heul zu Tag lassen sich die Leut nicht foppen und ein ' Blatt Talmud ist kein Spaß." „So laß mich verhören," meinte Benjamin, mit leicht erklärlichem Stolz. „Das heißt gored't, wie man soll reden," rief kopfnickend der Dorfgeber» „Wenn Du also willst und Lust hast, gehen wir morgen zum Vetter Rebb Iaikew, hörst Du gut? Zum Vetter Rebb Iaikew, zu dem großen Frommen, dem wirst Du sagen: Vetter verhör' mich, mein Vater will nicht glauben, daß ich schon kann mein erstes Blatt Talmud. Das aber sag' ich Dir, Benjamin Leben, bestehst du so, wie ein rechtschaffen Iiingel soll bestehen — kein Grafenkind auf der ganzen Erd' soll hernach ein schöner Rockel bekommen, als ich Dir machen will. Das Tuch kannst Du dir selber bei Rebb Maier, Tuchhändler aussuchen." (Forts, folgt.) *) Das weiße Sabbatbrot. Vertag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.

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