Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1849)
- Date
- 1849-06-23
- Page
- Seite 118 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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118 erhalten, daß ihre Bestrebungen, die doch jedenfalls auf das religiöse Interesse eines ansehnlichen Theils dieser Gemeinde gerichtet waren, von Seiten des Vorstandes eine Förderung und Unterstützung oder auch nur eine Anerkennung und Beachtung finden würden. Man ignorirte, man verleugnete die Genossenschaft und mit ihr die gerechten Ansprüche von 400. Gemeindemitgliedern auf Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse. Inzwischen schenkte man diesen Bestrebungen doch insofern einige Lheilnahme, als man sich endlich entschloß, dem allzusichtbar hervorgetretenen Reformbedürfniß auch von dieser Seite eine Aussicht auf seine endliche Befriedigung zu eröffnen, und unter den mannigfachsten Verheißungen den Bau einer neuen Synagoge anregte, in welcher der Wunsch aller Parteien vollständig befriedigt werden sollte. Uns wenigstens mußte es scheinen, als ob auf diese Weise dem raschen Zuwachs von Mitgliedern der Genossenschaft einigermaßen entgcgengewirkt, die Schwankenden abgelenkt, die Leichtgläubiger! vertröstet werden sollten. Ein Zeitraum von mehr als drei Jahren wird indeß genügt haben, um auch diese zu überzeugen, ob es mit den damals verheißenen Reformen Ernst war, oder nicht. (Forts, folgt.) Deutschland's vereinigte Staaten. Leipzig, 10. Juni. (Nekrolog.) nririb pny -oi 3 Am 2. Tage des christlichen Pfingstfestes starb zu Dresden Julius Kell, ehemaliger Rektor zu Kirchberg, Redakteur der sächsischen Schulzeitung, der illustrirtm Jugendzeitung, Verfasser mehrer Jugend-, Volks- und pädagogischer Schriften, Präsident des Schnttehrerkoilgccsses zu Frankfurt a. M. und Depntirtcr der zweiten sächsischen Kammer. Er war ein edler Mann, der fin Glaubensfreiheit schrieb, sprach und wirkte. Als am 31. März 1848 Männer aller Konfessionen die Emaircipation der Inden, in einer zahlreichen Versammlung zu Leipzig befürworteten, sprach er, trotz der in Leipzig herrschenden Vorurtheile, mit voller Begeisterung für die Freiheit der Juden. Er sagte unter anderem in seiner Rede: ,,Es wird dahin kommen, daß ein geistig hochstehender Mensch sich in der jüdischen Synagoge werde erbauen können. — --Tausend Jahre Unrecht ist kein Recht, und Nichts darf uns länger abhalten, die Israeliten als gleichberechtigt in den Menschenbund anfzunehmen, in welchen sie gehören." — Prediger Jellincf hielt eine Gcdächtnißrede auf den Verewigten in dem hiesigen deutschen Vaterlandsverein. Dresden, 8. Juni. Unter den durch die hiesigen Ereignisse Kompromittirten bestndet sich auch Dr. Hirschel, Vorsteher der hiesigen Gemeinde. Es ist ein Mann voller Thcitkraft und Energie, und er hat durch sein politisches Wirken viel dazu beigctragen, die Verurtheile gegen die Juden zu entfernen. Denn jene starren Vorurtheile, welche wie eine harte Kruste um gegewisse Schichten der Gesellschaft gelagert sind, können nicht durch Petitionen, sondern'nur durch unmittelbares lebendiges Wirken im Volke entkräftet werden. Wenn das Volk sieht, daß ein Jude mit Wärme und Eifer für dessen Angelegenheiten thätig ist, so schwinden die Nebel vorgefaßter Meinungen und es saßt Vertrauen zu den verkannten Juden. Daß Dr. Hirschel zum Stadtverordneten und Geschwornen gewählt, zum Deputaten und zum Stadtrath vorgeschlagen wurde, ist Der sprechendste Beweis, wie hoch er in der Achtung seiner christlichen Mitbürger steht. Besonders hervorzuheben ist, daß Dr. Hirschel, der auch ein bekannter medicinischer Schriftsteller ist, keiner Patriziersamilie angehört, sondern durch eigene Kraft und Thätigkeit sich seine Stellung in der Gesellschaft errungen hat. Auffee, 8. Juni. Ich habe Ihnen im April d. I. geschrieben, daß einige hiesige Brautpaare hohem Orts um Heirathsbewilligung eiuschreiten mußten, weil sie nieder» Orts abgewiesen wurden. Nun kann ich Ihnen berichten, daß sie auf die oktroirte Verfassungsurknude und auf das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch angewiesen wurden. Und so gehen nun die Glücklichen vom Rabbiner, der sie — denken Sie — allein ohne Kommission ans der Religion prüft, zu ihrem Amte, wo sie, unter gewissen Voraussetzungen, den Meldezettel ' eri)a{tc». — Wer die Kommission war? Der Amtmann, der Lehrer, eine Gerichtsperson, und endlich auch der Rabbiner, da wurde nun der Heirathswerbe-Kandidat protokolarisch, vom Amtmann, vom Lehrer, hie und da zuweilen auch vom Rabbiner aus dem Bue-Ziou geprüft, und er — bestand; weil, weit, nun weil die Voraussetzungen emgetroffen waren, obgleich der Prüfling so viel von mosaischer 9tc(icjion verstand, wie der Blinde von einer Farbe, wie der Tauhe von einem Tone, wie — die ganze Kommission, den Rabbiner ausgenommen. Auch enthält das Bne-Zion wenig von Religion; Metaphysik, Psychologie, Politik, Rhetorik find -nach Möglichkeit darin vertreten, aber von Judeurhum kommt wenig darin vor. — Nun ist es den Skeptikern der Emaucipation klar, daß wir nicht nur (je jure, sondern auch de facto emancipirt sind. Aber wie benehmen sich die Gemeinden? •—* Ihre Rabbiner und Gemeindediener — welche erstere und letztere zusammengenommen yulgo Domestiken heißen — bekommen kein Gehalt, obgleich sic nicht so gehaltlos sind, wie Ihr Korrespondent Hr. M—z berichtet, alles ist in Auflösung und Verwesung begriffen. Die armen Rabbinen bitten, ermahnen, klagen, aber Niemand hört, Niemand will. Was werden unsere Feinde sagen, wenn sie dies hören! ,,Än ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" werden sie sagen. Karlsruhe, 2l. Mai. (Schluß.) Zur Festsetzung des Schatzungskapitals eines jeden Steuerpflichtigen besteht in jeder Gemeinee eine, durch Stimmenmehrheit der Gemeinde