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Der Orient · 1849-06-02 · Heft 22 (2.6.1849) · p. Seite 107

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 22 (2.6.1849)
Date
1849-06-02
Page
Seite 107 (sequence 5)
Language
German
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107 M. über die Juden bill — oder wie sie in ihrer I neuen Gestalt heißt, die Bill zur Abänderung der parlamentarischen Eide — nach. Lord John Rüssel stellte den Antrag auf zweite Lesung der Bill. Sir Robert Jnglis entgegnete mit dem Amendement: die Bill sei nach sechs Monaten zum zweitenmal zu lesen, d. h. zu verwerfen. Der Premier, meinte das fromme Mitglied für die Universität Oxford, habe eine neutrale Flagge aufgezogen, um eine feindliche Waare zu decken. Wenn gleich diese Bill einen allgemeinen Titel trage, so sehe doch ihre fünfte Klausel ausdrücklich für die Zulassung der Juden ins Parlament vor, und sei also darauf angelegt der britischen Legislatur ihren nothwendigen und wesentlichen christlichen Charakter zu nehmen. Einigen wertigen reichen Juden zulieb werde das Haus aufgefordert die Gewissen der großen Mehrheit des englischen Volkes zu verletzen. Diese Zumnthung, so hoffe er, werde das Haus nimmerntehr willfahren. Herr F. Peel, der Sohn Sir Roberts, erhob sich zu seiner Jungfernrede. Man erlaube ihm, sagte er, für eine Bill zu stimmen, welche in der Form einer allgemeinen Maßregel, eine Rechtsungleichheit von feilten jüdischen Mitünterthanen zu entfernen bestimmt sei. Seines Erachtens mangle jeder zulängliche Grund den Israeliten irgend nri Recht vorzuenthatten, welches jedem geborenen Unterthrn des britischen Reichs znstehe. Fast jedes Vertrauensamt und jede Autorität sei den Juden in/England zugänglich, mit Einschluß des aktiven parlamentarischen Wahlrechts; so sei es eine Anomalie noch diese Rechtsungleichheit-bestehen zu lassen, daß ein Jude von einer Wählerschaft gewählt, vom Sheriff als gewählt verkündigt werde, gleichwohl aber seinen Sitz im Hanfe nicht einnehmen könne. Solche Ausschließung sei, vom staatsrechtlichen Gesichtspunkte betrachtet, nicht wohl zu begreifen. Durchgehe man die Geschichte der britischen Supremats-, Hnldignngs- und Abjurations-Eide, so enthalte mir der letztere ein Hinderniß für einen gewissenhaften Juden. Die bezüglichen Worte hätten jedoch nie den Zweck gehabt, Juden vom Parlament ausznschließen, vielmehr sei es dabei auf die Ausschließung einer zahlreichen Klasse von Christen, der Katholiken, abgesehen gewesen; so sei nur durch eine zufällige Folge dieser Abjuralionseid (d. h. die Abschwörung der päbstlichen Suprematie) auch ein Hinderniß für die Inden geworden, die denselben in anderer Form ohne Anstand geleistet haben würden. In keinem Fall des öffentlichen oder Privatlebens sei das Ehristenthum nöthig, um einen Eid bindend zu machen, die Worte: ,,bei dem wahren Christenglauben" seien nur eeremonieller Art, eingeführt um dem Eide, ohne dessen inneres Wesen zu alteriren, höhere Feierlichkeit zu geben. Warum sollen also vom. Parlament die Inden ausgeschlossen werden, der da willens sci den Eid der Unterthanentreue (allegiance) und den Suprematseid, nöthigenfalls auch den Abjnrationseid zu schwören, wenn nur die Eidesformel seinem eigenen Gewissen gemäß eingerichtet werde? Religiöse Unterschiede dürften - keine bürgerliche Rechtsungleichheit begründen, dieses Princip sei bereits ausgesprochen, da man erst den Dissmtern und dann den römischen KathEiken die Thüren des Parlaments geöffnet habe. Indem er vorliegende Bill unterstütze, handle er gemäß der Humanität der neuen Zeit, welche im Einklang stehe mit dem milden Geiste des Christenthums, und welche den Grundsatz anerkenne, daß der Genuß aller verfassungsmäßigen Rechte an keinerlei religiöse Meinung gebunden sei. Herr Trelavnp redete in gleichem Sinne. Da die Juden im Staate gleiche Pflichten mit den Christen erfüllen und gleiche Lasten tragen, so folge klärlich, daß ihnen auch der Genuß der gleichen Rechte gebühre. Graf von Arundel und Surrey (Katholik) unterstützte wie im vorigen 'Jahre, die Bill mit Wärme aus den allgemeinen Gründen für Gewissensfreiheit. Er müsse, sagte er, mit den Juden sympathisiren, welche unter derselben schmerzlichen Ungerechtigkeit seufzen, unter welcher seine eigenen Glaubensgenossen noch vor zwanzig Jahren gelitten. Herr Spooner sprach die Besergniß aus: wenn der Palamcntseid abgeändert werde^ so könnten zufolge dieser Bill Katholiken dm protestantischen Eid leisten, und so der durch die Katholikenbill von 1829 festgesetzten Verpflichtung, nichts Feindliches gegen die Staatskirche zu unternehmen, ausweichm. Seines Erachtens sei es schon eine große Nationalsünde gewesen durch Zulassung der Katholiken, den Götzendienst auszmmmtern; nun möge man nicht die zweite begehen, das Christenthum durch Zulassung der Judm. zu beeinträchtigen. Herr Sergeant Talfourd (bekannt als Tragödiendichter), wies auf die gemeinsame Grundlage hin, ans welcher der mosaische und der christliche Glaube ruhe, (ein Thema, welches d'Jöraeli in der vorjährigen Session so beredt ausführte, und meinte: der Jude, weit entfernt ein Gegner des Christcnthums zu sein, sei ein unvollendet gebliebener Christ (an imperfect Christian). Der Geist des Jahrhunders fordere, daß diese Rechtönngleichheit der Juden, als letzter Rest mittelalterlicher Intoleranz, wegfalle. Nun folgten mehrere Opponenten hintereinander, ohne neue Argumente für ihre Ansicht beizubringm, nämlich Lord Mahon, der Marquis v. Granby, die Herren Plnmptre, Bankes und Goulburn. Alle aber versicherten, daß sie bei ihrer Opposition von keiner Feindseligkeit gegen die Juden, sondern nur von ihrem Gewissen, ihrer religiösen Ueberzeugung geleitet seien. Darauf nahm Lord I. Ruffel das Wort. Er scherzte darüber, daß Herr Benjamin Diftaeli, der die ähnliche Bill der vorigen Session so nachdrucksvoll unterstützt, sich jetzt so still verhalte,* und *) Doch hat Disraeli für die Bill gestimmt-

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