Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1849)
- Date
- 1849-04-28
- Page
- Seite 86 (sequence 3)
- Language
- German
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- 86 thums Hauptaufgabe für die Zukunft sein wird. Die durch seine politische Enicmcipation herbeigeführte Amalgamirung macht diese Ideen nöthig und seine erste Stellung unter allen Nationen, auf die es doch wahrlich j nicht verzichten darf. Wir wollen hierbei nicht mißverstanden sein. Nicht das alte Jndenthum über den Haufen zu werfen wünschen wir, und auf dessen Stelle cm neues aufzubaueu, sondern wir wollen die reine philosophische Moral in'.ihm hervorleuchten lassen, und dem Cercmonienkultns eine untergeordnete Stellung anweisen. Freilich die Vorzüglichsten unseres Volkes haben dieses immer gethan, aber es waren nur Ausnahmen, und diese müssen schwinden, es muß ein vorherrschendes Prinzip werden. Daß dieses der Zweck aller Konfessionen sein sollte, ist gewiß, denn sehr wahr ist das Wort eines neueren Dichters: „Euere Religionen verbessert ihr selber Tag täglich, Und ihr macht sie dadurch selber zur reinen Moral". Wir wollen nun sehen, was die Mannheimer thun? Am Dienstag den 29. Januar haben sie ihren seligen Rabbi Hirsch Traub zu Grabe geleitet, einen seiner Persönlichkeit nach sehr ehrenhaften Mann, und diese Stelle ist nun vakant. Wir befürchten, daß sie es noch länge bleibt, da eine'Witwe mit 4 Kindern da ist, die den Mannheimern eine Last sein wird, durch deren Versorgung sie die wichtigeren Geschäfte vergessen werden. Denn es herrscht hier ein nicht zu beschreibender Jndifserentismus für das Höhere und Heiligere, nur im Geschäfte leben die Leute, sonst kümmern sie sich um Jndenthum wenig oder gar nichts. Da gehe'man um einmal in ihre Synagoge, und man glaubt man glaubt Alles, nur nicht daß dies das Bethauö einer 250 Familien starken Gemeinde sei, die noch dazu mit großen Reichthümern gesegnet ist. Es ist ein altes, würdeloses, baufälliges Gebäude! Und der Gottesdienst darin! wahrlich keiner Beschreibung werth. —> Es ist ein Fluch der Gemeinden, die Männer zu ihren Geistlichen wählen , denen ftde Thatkrast, jeder energischer Wille fehlt, — cs ist aber ein noch größerer Fluch, wem: eine solche ReligionSgcsellschaft, ohne sich darüber zu kümmern, einen: solchen Treiben schlaff und unbewegsam zusieht. Was thun denn die mussigen, zeittödtenden, nur geldverzehrenden Rabbinen? Solcher Haben wir in der traurigen Klaust eine Masse, einen solchen am , schönen Neckarthal und in dem Hardgcbirge, — solcher aber im Allgemeinen eine zu große Anzahl. — Bei einer solchen Verwahrlosung dieser hochwichtigen Aeneter haben natürlich die Gegner der Religion in allen Dingen recht, und besonders darin, wenn sie sagen, die Pfaffen seien die nichtswürdigsten Menschen. — Wir sehen lechzend einer bessern Zukunft entgegen. Leipzig, 18. April» Wir lassen die von den Vertretern und Repräsentanten der israelitischen Gemeinde Wiens dem Kaiser überreichte Adresse dem ganzen Inhalte nach folgen. um den Ausdruck der dortigen Zustände wahrnehmrn zu können. Die Adresse lautet: Euere Majestät, Durch den erlauchten Willen Euerer Majestät sind achtmalhunderttausend Ihrer Unterthanen eines höchsten, langersehnten Gutes, der Rechte des Bürgers im österreichischen Kaiserstaate theilhaftig geworden. Die lebendigsten Segenswünsche für das Heil'Eurer Majestät, für das große nun auch ihr Vaterland, durchfluthen dankbar ihr Herz, bewegen mächtig ihren Geist. Ein freudiger Jubel, ein erhebendes Bewußtsein beseelt/Alle, daß eS ihnen fortan gegönnt ist, durch Anwendung ihrer geistigen und materiellen Kräfte, die Liebe und Treue, die sie früher nur still im Herzen tragen durften, auch durch die That zu bewähren. Wem das Glück des Lichtes nach langer Nacht wieder gegeben, dessen Schritte werden, wenn er auch der allmächtigen göttlichen Wohlthat bereits theilhaftig ist, noch unsicher sein. Der lichtspendende milde Arzt weiß das, und erkennt es als eine rasch vorübergehende Folge der vorangegangenen langen langen Nacht. Euere Majestät werden in Weisheit und angestammter Herzensgüte an den ersten Schritten sreigewordener Bürger, wenn sie auch ungeübt sein sollen, doch den Segen und das Heil erkennen, die Euere Majestät gespendet haben, und. die von Hunderttauftnden neuen Bürgern, die.für ein, nun erst ihnen gewordenes Vaterland, begeistert sind, mit jenem Heilgen Feuer, mit jenem vollen Herzensjubel ausgenommen wurden, deren nur freie Menschen fähig sind. Die in Ehrfurcht Unterzeichneten, berufen die mosaischen Glaubensgenossen der Hauptstadt der großen, österreichischen Monarchie za vertreten, preisen sich glücklich, daß es ihnen gegönnt ist, die treuesten Gesinnungen, den heißgefühlresten Dank vor Euerer Majestät auszusprechen und das Gelübde niederzulegen, daß es fortan die heiligste Aufgabe ihres Lebens sein wird z auf die Gesittung ihrer Glaubensgenossen, so weit ihnen der Einfluß gegönnt ist, einzuwirken, Vaterlandsliebe und Bürgertugend zu nähren und zu wecken, die allein berechtigt sind, eine so große unsterbliche Gabe, wie sie Euere Majestät zu glorreichem Andenken für alle kommende Zeiten gewährt haben, würdig zu empfangen. Heil Euerer Majestät! Heil dem Vaterlande! In tiefster Ehrfurcht Die Vertreter und Repräsentanten der israelitischen Gemeinde Wiens. Nach ertheilter Antwort (s. Orient Nr. 16), richtete der Kaiser an die einzelnen Mitglieder der Deputation noch huldvolle Worte, und unterhielt sich mit derselben längere Zeit. In der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, welche sich einer bedeutenden Theilnahme erfreut, hielt am 14. v. M. der rühmlichst bekannte Literat Dr. M. Letteris einen größeren Vortrag/ über die hebräische dramatische Poesie, welcher viele Aufmerksamkeit erregte, und sich eines günstigen