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Der Orient · 1849-04-14 · Heft 15 (14.4.1849) · p. Seite 79

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 15 (14.4.1849)
Date
1849-04-14
Page
Seite 79 (sequence 13)
Language
German
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79 mein ergreifend, daß der Enthusiasmus für's Vaterland »»f die allcrverschicdenste Art u»rd Weise durch Zurufe ln deutscher und hebräischer Sprache, die das festgegemauerte Bethaus fast bebend machten, sich Bahn brach. Abends versammelte sich ein sehr zahlreiches Publikum unter Vertritt der Herren Gemeindevorsteher und des Kreisrabbiners mit Fackeln und einer eigenen Musik. Sie zogen zuerst vor das Regierungsgebaude. Da wurde die Volks-Hymne unter Musikbegleitung mit herzerhebendem Enthusiasmus abgesungen, und so ging es bis spät in die Nacht zu, der bischöflichen Residenz, der Stadthauptmaruischast, der Wohnung des Bürgermeisters, der Hauptwache u. s. w. hin, woselbst überall eine Strophe der Volks-Hymne abgesungen und Vivats dargebracht wurden. Die ganze Stadt war illuminirt. Polen und Rußland. Von dep russischen Grenze, im Febr. Wir leben jetzt in einer sehr ernsten bewegten Zeit. Dieses zu beweisen, brauchen wir nicht erst den Erdball zu bereisen, um zu schauen, was nicht Alles die Völker jetzt ernstlich bauen, sogar für die Emaneipation der Frauen, wir können hübsch zu Hanse bleiben und uns dennoch überzeugen von dem ernsten Treiben. Mustern wir nur durch die Blätter, der Tagesgeschichte Vertreter; allüberall werde» wir jetzt Ernstes lesen, sowohl tm politischen als literarischen Wesen. Der Wäch t er v o n Zion klaget, der Israelit zaget, des Jud e nt hum s Harfenklänge sind verstummt und Geigers Zeitschrift nur seiten brummt. Auch im Oriente ist es jetzt ernst geworden, da kommt nun der Witz noch höchstens vom Norden. Am Horizonte vermißt man schon lange den heitern Stern, sowohl aus Berlin als aus Mähren; die harmlose n Beoba ch t u n g e it sind verschwunden und der Witz hat fast gar keine Kunden. Was mag wohl dieser Ernst bedeuten? Vielleicht ist esgarMaschiach's Zeiten? Doch das kann nicht sein so lange man an der russischen Grenze noch witzelt sein; so lange von hier der heilige Redakteur von Zion wird bespöttelt, so lange von hier das orthodoxe Judenthum wird bekrittelt, kann ja die noch nicht nahe sein. Fraget nur den Wächter, auch er rufet: „Nein!." so bald nur die rechte Stunde wird schlagen, wird er uns schon trompetend sagen. — Endlich will auch ich aus den Witz über den Ernst verzichten und nun auch etwas Ernstes vom Ernst berichten. Herr Ernst, der berühmte Künstler, der der Geige so ernste Melodien zu entlocken weiß, spielt bekanntlich überall nicht allein zum Vergnügen der Reichen, sondern auch zur Unterstützung der Armen. Dieses hat er auch bei seiner jüngsten Anwesenheit in.Rußland gethan; und kommen die beträchtlichen Summen, welche er vorzüglich den jüdischen Gemeinden für ihre Armen anwies, jetzt nach der Cholera- Zeit sehr zu Statten. — In Wilna hat vor wenigen Monaten die Eröffnung der zwei ersten Classen der daselbst ueugegründeten Rabbinenschnte Statt gefunden, deren Elementarklassen in Folge einer Verfügung des Herrn Ministers der Volksanfklärnng, bereits im Jahre 184? ins Leben getreten sind. In Anwesenheit der Schüler der Elementarklassen, der Schulbeamten , vieler angesehener jüdischer Einwohner und der Herren Kurators des weißrussischen Lehrbezirks wurde die Anstalt durch einen von den Schülern der in Wilna gestifteten jüdischeil Gebetschule ausgesnhrten Choralgesang eröffnet, worauf der Direktor der Schule einen kurzen Bericht über den Zweck der Anstalt erstattete und der Censor der hebräischen Bücher, Tugendhold, in einer Festrede in deutscher Sprache, die seinen Glaubensgenossen von der hohen Regierung durch die Stiftung dieser Schule erwiesene Wohlthat feierte. In CH erson fand die erste öffentliche Prüfung der daselbst unlängst er'öffnetm Pension für jüdische Mädchen statt. Die Schülerinnen waren, obgleich sie erst vor einigen Monaten und ohne alle Vorbereitung in die Anstalt getreten, bereits im Standc, Russisch, Deutsch und Französisch zu lesen, waren mit den Anfangsgründen der Grammatik, Arithmetik bekannt und legten überdies Beweise von ihrer Geschicklichkeit in Handarbeiten, im Tanzen und in der Musik ab. — In Riga erfreut sich die dortige israelitische Schule und die Synagoge eines normalen Zustandes. Dagegen sieht es leider in beider Beziehung in der Schwcsterstadt Mir tau noch immer sehr traurig aus. Mizwot wird da noch immer in der Synagoge an Meistbietende verschachert, Maißim und Schnokes werden noch immer in derselben geplappert, Piutim getrillert, Keduscha ä la Robert der Teufel abgeleiert und dergleichen Unfug mehr. Fragst Du, lieber Leser, wie es hier um die Schule steht? so wird dir von da aus die Antwort: ,,Was ist das für ein Ding, nach dem Du fragst; wir, wir kennen es nicht! Wie, Ihr kennt es nicht, habt von der Schule, dieser heiligen Pflanzstätte, welche den Menschen zum eigentlichen Menschen, zum treuen Unterthan, zum nützlichen Bürger und vorzüglich zum wahrhaft frommen Israeliten heranziehen soll, keinen Begriff, kennt dieselbe nicht einmal dem Namen nach? Das ist nicht möglich! Habt Ihr denn gar Nichts vom jüdischen Schulwesen in den allgemeinen, oder in den jüdischen Zeitschriften gelesen? Und abermals, geliebter Leser, mußt Du Dich gefaßt machen, das einfältige „Nein" zu vernehmen. Denn in der That sind hier unter den 800, sageAchthundert jüdischen Familien Mitan's nur einige Wenige der Bessergesinnien ausnahmsweise namhaft zu machen, welche sich noch für jüdische Reform und Literatur intcrcssiren, der bedeutend überwiegende Theil aber, hat weder Sinn noch Geschmack daran.

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