Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1849)
- Date
- 1849-04-14
- Page
- Seite 78 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360580-2360596--6781-3534938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 78 — ju einer jüdisch en Gemeinde mit Ausschliefiung der KulLusange lege n h eiten nmzugestalten, wonach auch die Sorge für den Religions-Unterricht außer ihrem Bereiche versetzt wird. Wir lassen diese eigenthümliche neue Erfindung ruhig ihre Versuche machen, in dem guten Bewußtsein, daß die Pflege des geistigen Lebens, die Kräftigung des Göttlichen im Menschen das festeste Band unter Gleichgesinnten knüpfe, während alle äußerlichen Verbindungen keinen innern Halt haben. Bereits ist auch eine jüdische Kultusgemeinde mit den letzten Vorbereitungen zu ihrer Bildung beschäftigt, und unstre Anstatt wird ein integrirendes Element -derselben bilden. Sie hat auch diese Prüfungszeit glücklich überstandcn und lediglich auf sich gestellt, hat sie an der Kraft zur Sclbsterhaltung und an äußerem Umfange Nichts cingebußt. Damit jedoch das Maß der Prüfungen voll werde, hat die verheerende Seuche auch unsere Anstalt mehre uns tiebgewordene Zöglinge, unter ihnen einen der hoffnungsvollsten Schüler, dessen Entlassung bevorstand, entrissen und, noch anderweitig in den ruhigen Gang derselben aufs Störendste eingegriffen. Nur eine innige Wehmuth bleibt uns bei der Erinnerung an jene früh Dahingegangeiien, deren Vorbereitung für das Leben und die Ewigkeit erfreulich begonnen hatte-, ste werden von einem höheren Erzieher der Reift entgegengefnhrt werden. Als die allgemeine Beruhigung wieder einkehrte, versuchten wir durch ernste Thätigkeit das ohne unsere Schuld Versäumte zu ersetzen, und die Einbuße ist geringer, als wir gefürchtet. Die Anstalt hat die Grundsätze, nach denen sie errichtet worden, treu bewahrt, und mit Zuversicht hält sie an denselben fest. Tagesweisheit mit ihren Stichworten und Flachheit' möchten auch dieses Gebiet überfluthen. Die Anarchie des schrankeulosensten Individualismus sieht auch in der Unterordnung unter die vernünftige Einsicht eine Beschränkung; sie will auch der Dumpfheit, der Rohheit, dem Aberglauben das unverkümmerte Recht gewahrt wissen. Unsere Anstalt hat sich durch solche Ansichten und Anforderungen nicht beirren lassen. Die Gesinnung, in der sie wurzelte und wurzelt, war und ist diese: Der menschliche Geist wird durch die irdischen Formen und Verhältnisse, in denen er weilt, nicht erschöpft. Er gelangt zur wahren Freiheit nur durch die Vollendung seiner Würde und seiner Kraft; diese aber bestehen in der Hohe und Klarheit der Erkenntnis' und in der Reinheit und Energie des sittlichen Bewußtseins. Der menschliche Geist sott alle irdischen Verhältnisse dnrchdringen und verklären, aber indem er sich in dieselben versenkt, soll er zugleich über ihnen stehn und etncjct-cnf sein, daß er nicht in ihnen anfgchm kann. Er soll alles Unrecht, alle willkürliche Scheidung und Bevormundung tilgen, die thatkräftige Liebe verbreiten, zugleich aber hoch über dem Unrechte, der Bedrückung, den unvermeidlichen Leiden imfc Nebeln der Erde erhaben sein und in seiner eignen Kraft die Selbstständigkeit finden, sich voll ihnen zu befreien, sie innerlich überwinden. In diesem höher» Bewußtsein erkennt er, wie er die irdischen, zeitlichen und räumlichen Schranke» durchbricht, erkennt er die Unendlichkeit des Alles umfassenden Geistes, seine eigne Ewigkeit wie das Sein und Wirken eines heiligen und vollkommenen Gottes, in dem der einzelne Geist erst seine Ergänzung findet, aus welcher reichen Quelle er seine kräftigende Nahrung zieht. - Diese Angelpunkte sind es, der Glaube an den einzigen heiligen Gott, die Ueberzeugung von der Ewigkeit des Menschengeistes, der sich zu seiner Höhe berufen ist und das Bcdürfniß fühlt, von seinem Reichthum'' mitzutheilen und in befruchtender Liebe nberzuströmen, --- diese Angelpnnkte sind es, in welchen die Anstalt sich bewegt. Sie scheut sich nicht cs zu bekennen, ja sie rühmt sich dessen, daß sie freudig in solcher Weise eine religiöse ist, das Judenthum in seiner Historischen Entwickelung vertritt. Mag die Zweifelsucht das Sein und Wirken eines heiligen Gottes beseitigen wollen, mag die Unzufriedenheit mit unfern Zuständen, — die oft gerecht ist, aber die uothwendigeu geschichtlichen Durchgangspunkte und Kämpfe verkennt — die sittliche Erschlaffung preisen, des Hinblicks ans den über den Unvollkonlmenheiten der Erde stehenden Geist, auf seine Ewigkeit spotten, mag die Trivialität sich mit der oft wiederholten Phrase brüsten, ,,die auf das Jenseits gezögerten Wechsel wurden nicht aceeptirt, sie müßten hier eingelöst werden," mag die Schmähung gegen das Pfaffenthum, auf jede religiöse Gemeinschaft, aus jede Belehrung, welche über die Tagesintcrcssen hinausgeht, ausgedehnt werden: diese Wahrheiten, die Säulen der Welt und des menschlichen Daseins werden darum doch nicht erschüttert, und Verwahre Fortschritt und die echte Freiheit, sie werden dennoch zur tieferen Erkenntniß des geistigen Welt-Zusammenhangs und der sittlichen Weltordmmg, der sittlichen Natur und der sittlichen Bedürfnisse des Menschen hinsühren. (Beschluß folgt.) Desterreichische Nebenländer. Tcrrnvw, 29. März. Auch die hiesigen Juden feierten am 15. fc. M. die Verkündigung der Verfassung. Schon früh Morgens waren ausnahmsweise alle Gewölbe und Läden bis gegen Mittag geschloffen, die Inden versammelten sich zahlreich in den Räumen der Hanptsynagoge. Die Andacht begann und Gebete wurden nun feierlichst abgesungen, worauf der Kreisrabbiner in hebräischer und daraus Herr S traffer in deutscher Sprache inhaltschwerc Predigten hielten, in welchen sie all die Wohlthaten, welche durch die verliehene Reichs,Verfassung den Bürgern Oesterreichs und vorzüglich denen des - mosaischen Glaubensbekenntnisses zu Theil wurde, eindringlichft beleuchteten. Die Wirkung war so allge-