Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1849)
- Date
- 1849-04-14
- Page
- Seite 80 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Bist Du neugierig zu wissen, welches Phlegma diesem alten Schlendrian so sehr Vorschub leistet?. Es ist eine Hyder, die hat zehn Glieder: Ne-li-gi-vnsin-dif-fer-ren-tis-mus ist ihr Name. Wer kennt nicht diesen Drachen, der Alles verschlingt mit seinem Nachen, der alle religiöse Nerve lähmt und jeden edlen Fortschritt hemmt. Mögen die edlen Bessergesinnten ihren Kampf gegen diesen Drachen fortzusetzen nicht ermüden; möge der Allgütige aber auch alle Menschen erleuchten, auf daß erfüllet werden die Worte des Propheten (Jesaias 3, 4 und ö), wo es heißt: „Sehet, Euer Gott kommt und rettet Euch! Dann öffnen sich die Augen der Blinden, der Tauben Ohren offnen sich." Theater-Juden. (Schluß.) Noch zuletzt fragt, er den Sultan, ob er denn haben wolle, .daß er die - nähern Umstände über Recha und den Templer ihm bekannt machen solle , das konnte nur der resignirte Jude. Nathan's Ironie — ein hervorstechender Zug seines Charakters — ist nicht wie die des Sokrates, das Spiel der Katze mit der Maus, es ist die nothwmdige Schutzwaffe des Schwächend , die endlichzur Gewohnheit und zum Bedürfniß wird. Spmoza's leitender Grundsatz war: was wir Zeit,. Raum, Welt , Geschichte nennen, ist nur Form unsrer Vorstellung; an sich sind sie nur Erscheinungen des Wesens, das stets dasselbe bleibt. Diese Idee ist die theoretische Uebcrwindung der leidenschaftlichen Subjektivität; praktisch bezwingt und bildet man sie durch Arbeit und Liebe. Nathan und Shylcck sind die beiden poetischen Pole des Judeuthums; die Hingebung des ersten hat etwas Weiches, ich möchte sagen etwas Weibliches; der Haß des zweiten bei aller Härte und aller praktischen Geriebenheit etwas Phantastisch-Romantisches. Ich habe Juden gekannt, edle tüchtige Männer, die von dem Gespenst ihrer Pariaschaft so verfolgt worden, daß sie auf Augenblicke in abstrakten gegenstandloscn Haß ansbrachen. Sie liebten das Jndenthum so wenig, als ihre Verfolger, nur die Ehre band sie an den alten Namen. Die Unterdrückung der Juden war in unfern Tagen eigentlich nur noch ideell, wenigstens bei den gebildeten Nationen, aber diese ideelle Empfindung —> die durch die drolligsten Aeußerlichkeiten erregt werden konnte, war ihre Rumantik, die sie nicht LoS werden konnten — die letzte Spur von dem Traume des künftigen Zion, das ■ Verlag von C. 2. Fritz sche. früher das Wesen der jüdischen Geschichte war und das nun noch als bittere Stimmung gegen die Gegenwart' sich Luft macht. Nathan hat diese Idee überwunden, aber sie hat Narben in seinem Gefühl hinterlassen, die das Lächeln der Resignation nicht ganz verdeckt. Die Sage vom ewigen Inden — dem Gedanken des Reiches, das stets kommen soll und stets schwindet — wird jetzt ihre Bedeutung verlieren. Man nimmt sie nur noch als äußere Zierrath, wie Eugen Sne, ohne sich etwas dabei zu denken. Tragisch auszubilden war sie nicht, alle derartigen Versuche sind verunglüllt. Am meisten poetisch hat sie sich Göthe ausgedacht. Er nahm Ahasver als einen praktischen, nüchternen Empiriker, der durchaus im Endlichen befangen, der Idee unzugänglich war. Das ist ganz richtig die eine Seite des Jndenthums. Scharfer Verstand im Detail und darum Ironie gegen das Ideelle; auf der andern Seite ein Aber-, glaube, der schon zu Horaz' Zeiten den Juden Apetta zum Spott machte. Mangel an Stolz im Einzelnen, durch das Bedürfniß erzeugt , sich überall den Glauben erst zu erwerben — darum sind die Juden der entschiedenste Gegensatz gegen den Adel — dagegen romantische Überschätzung des Volks Gottes, das in einer träumerischen Zukunft und einer eben so träumerischen Vergangenheit seine einzige Realität sucht. Energie des- Gewinns, gemüthlose Zähigkeit im Verhalten gegen die gestimmte übrige Welt, und wieder Spuren des hingebenden Gemüths im Innern der -Familie. Trockne Prosa des Lebens und phantastische Symbolik des Kultus. Grenzenlose Abstraktion der Gottesidee und eigensinniges Verstecken in ein höchst willkürliches Ceremomell des Dienstes. Große geistige Capaeität in vielen Fällen und Mangel an wahrer geistiger Größe. Ich habe gesagt, wir können den Inden in seinem specifischen Unterschied von der übrigen Menschheit bald als blos historisches Bild mit ästhetischer Freiheit betrachten, mit dem unbefangenen Genuß, den jede Erscheinung gewahrt, die einmal geschichtliches Recht an sich trug. Ich wage die Hoffnung auszusprechen, daß der. speeisische Christ sich ihm bald anschließen wird. I. S» Personalchronik und Mscellen. M a g d e b urg.?Dem Abgeordneten Dr. G. Riester aus Hamburg (einer der 32 Deputirten, die dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone «verbringen) wurde bei feiner Durchreise von der Magdeburger Iudenschaft ein silberner Pokal verehrt. Druck von I. H. Nagel.