Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1849)
- Date
- 1849-04-14
- Page
- Seite 74 (sequence 3)
- Language
- German
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74 Unwissenheit und Barbarei, Glaubenshaß und Selbstsucht im Laufe umnachteter Jahrhunderte die Verfinsterung des Gottverwandten Menschengeistes Förderndes, auf die Entadlung seines Wesens Abzielendes erzeugt haben, mit dem mächtigen thierischen Trieb der Selbsterhaltung zu warten und zu pflegen, weil eben nur der sorgfältig gesammelte Unrath aller dieser menschlichen Verirrungen und Entartungen den besten Dünger für das Feld ihrer Bestrebungen liefert, auf dem die Früchte der Gemeinheit am üppigsten gedeihen. Wie könnte man verlangen, daß zur Erhaltung und Wahrung so kostbarer Erbschaften das vielbewährte und vielversprechende Mittel der Verdächtigung gegen die Juden verschmähet werde. Das hieße, den christlich germanischen Staat von seinen treuesten und frömmsten Söhnen verleugnet wissen wollen; denn es liegt in dem priesterlichen Berufe dieses idealen, dogmatischer» Staates — wie seine ganze glorreiche Vergangenheit es mit Flammenschrift bekundet — im Verfahren gegen Andersglaubende nicht allzugewiffenhaft zu Werke zu gehen, wenn nur sein einziger nnd erhebender Zweck — das ewige Seelenheil seiner Glieder, sei es auch nur mittelbar, dadurch erreicht wird; es ist Tartüfs „historisches Recht." Räumen wir aber auch für einen Augenblick die Richtigkeit der auf die Hefe des Volkes berechneten Insinuation vollkommen ein und nehmen Dichtung für Wahrheit an, so darf man wahrlich nur einen unbefangenen Blick auf die frühern, nach Dutzenden zu Zählenden Zudengesetze, wie auf die von den Handlangern derselben beliebten Praxis werfen, um die in Rede stehende Erscheinung erklärlich und mehr als verzeihlich zu finden. Oder hat sich der Absolutismus den Bekennern des Judenthums wirklich so hold und liebenswürdig erwiesen, daß sie ihm ewige Zärtlichkeit schulden? War es nicht eben nur das Volk, das die letzten Ringe der schimpflichen Ketten löste, die ihre strebsame Thatfraft . öuf allen Gebieten des physischen und intellektuellen Lebens gefesselt hielten? Jst's Verbrechen mit Entrüstung an die tausendfältige Schmach zu denken, mit welcher die gestürzte Gewalt ihre höchsten und heiligsten Interessen in den Staub getreten? Jsts Frevel auf die Beschränkung und Verringerung einer Macht zu wirken, die durch Zurücksetzungen und Herabwürdigungen aller Art/ das Ehrgefühl der Edelsten und Biedersten mit rohein Uebermuth verhöhnt hat? War es nicht der Absolutismus, der ihre geistvollsten Söhne, ringend nach Vollendung in Kunst und Wissenschaft, durch schnöde Entziehung der vollen Bürgerrechte, zur Losung der engsten und zartesten Familienbande, zu ehrloser Abtrünnigkeit vom väterlichen Glauben verlockt und den feigen Verrath mit neuen Rechten, Ebren und Würden belohnt hat, wahrend er die unwandelbare, gottergebene Treue, der das Gewissen tim keinen irdischen Preis feil war, in thatloser Dunkelheit verkümmern ließ? Von welcher moralischen Faulniß muß ein Regierungssystem ergriffen sein, das, in der Theorie von Lobpsalmen der Sittlichkeit überfließend, die offenkundigste Heuchelei verschwenderisch mit Werdienstkronen schmückt, und in der unwürdigsten Weise mit den unverletzlichsten Heiligthümern der Menschheit, mit Glauben und Gewissen elenden Schacher treibt. Wer die von diesem gehässigen, pharisäischen Geiste diktirten Prop-osilionen in Betreff der Juden, die man sich nicht entbtödet hat km Jahre derGnade 1847 dem ersten vereinigten Landtag vorzulegen, einer nähern Prüfung gewürdigt hat; »ver die widerlich süßen, frömmelnden, dem Katechismus Lutheri entliehenen Argumente vernommen, womit die damaligen Rcgierungsorgane das von ihnen angelegentlich empfohlene Werk fanatischer Verblendung zu moriviren sich abmüheten; wem die tiefe Trauer bekannt ist, die jene empörenden Erörterungen in. allen Gemeinden des Reiches hervorgerufen, — Der wird den Jubel begreiflich finden womit die März- Ereignisse von den so vielfach Gekränkten begrüßt werden mußten. Nur der rinbeweglich starre bis zur Härte des Granits versteinerte Egoismus, dem nur das Hochwohlgeborene Ich allein als der ächte Typus der Menschheit gilt, dessen inkarnirte Lieblosigkeit im engen Herzen keinen Raum für fremdes Weh, für fremden Seelenschmerz hat , kann jene Erscheinung , die allernacürlichste Wirkung der bezeichnten Verhältnisse, auffallend, oder gar verdammungswerth finden. Erwägt man aber noch, daß die bisher von uns so bereitwillig zugegebenen Prämissen durch und durch aller Begründung entbehren; bedenkt man, daß in der ganzen Preußischen Monarchie kaum hundert jüdische Bürger sich an der neuen Bewegung faktisch beiheiligt haben; ja daß selbst unter dielen Mehrere, selbst in den gefahrvollsten Tagen, durch Wort und Schrift, durch Rede und That, notorisch sich als die eifrigsten und entschiedensten Apologeten der Regierung erwiesen; erinnert man sich ferner, wie die jüdische Bevölkerung des G.H. Posen aus angeborener Pietät, ihre treue Anhänglichkeit an das Königshaus mit Gut und Leben bezahlten —- so sind wir wahrlich um den Ausdrnck der grenzenlosen Verachtung verlegen, womit die von der „guten Presse" so schamlos erhobene Anklage gegen die Gesammtheit der Juden als solche gebührend zu bezeichnen wäre. Unwillkürlich mahnt dies Gebühren unserer Königlichen Preußischen Streiter des Herrn an einen gleich verehrungswerthen Gesinnungs-Kameraden zu Ancona, wenn wir nicht irren, im Jahre 1844. Der interessante Vorgang war folgender/ Ein jüdischer Veturino, dem die Ehre zu Theil geworden, einen losen Prälaten zu fahren, hatte das Unglück umzuwerfen und den erlauchten Passagier etwas unsanft auf das platte Land des Kirchenstaates zu setzen. Sofort eilt der Mann Gottes — er hatte also noch nicht einmal den Hals gebrochen — in die Kanzlei, sucht emsig in den Archiven nach vergilbten, aus den schönen Zeiten der Inquisition datirenden, durch eine mildere Praxis längst für verschollen gehaltenenen Dokumenten, und proklamirt auf der Stelle kraft des glücklichen Fu.ndes die kaum zu ertragenden Beschränkungen gegen sämmtliche in der Legation wohnhaften Glaubensgenossen des unglückkichen Kutschers. Gewiß unterliegt der Scharfsinn eines Sterblichen in dieser christlichen Justiz irgend einen, wenn auch nur losen Zusammenhang zwischen Grund und Folge, zwischen Ursache und Wirkung zu ermitteln. Man kann sich aber auch die Muhe sparen. Die ganze erzdumme Prozedur Seiner Erzbischöflichen Gnaden ist das einfache, natür-