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Der Orient · 1849-04-07 · Heft 14 (7.4.1849) · p. Seite 70

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 14 (7.4.1849)
Date
1849-04-07
Page
Seite 70 (sequence 3)
Language
German
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70 Gr ätz und andern Orten. Ja, eS giebt nur sehr wenig Gemeinden im Großhcrzogthum (und vielleicht auch nicht eine einzige), wo nicht die Geburt des Märzes, die sogenannte ,,Freiheit" dazu misbraucht wird, um sich los zu sagen und frei zu machen von dem, wozu mau schon Gott weiß wie lange verpflichtet und wozu man sich größtenteils selber verpflichtet hatte. Die Gemeindeabgaben werden vorenthalten — und was folgt hieraus? Die Gemeinde-Beamten können nicht besoldet werden und müssen mit Not'h und Entbehrung kämpfen. So giebt es Lehrer und andere Beamte in manchen Gemeinden unserer Provinz, die seit Ostern v. I. noch den ersten Groschen Gehalt sehen sollen. Dieselben Wender, sich an den Magistrat. Es ist vergebens. Sie wenden sich an den Landrath, es ist ebenfalls vergebens. Sie wenden sich an die Regierung, nicht minder vergebens. Sie gehen bis an das Ministerium, und siehe da, es erfolgt entweder gar kein Bescheid, oder ein solcher, ans welchem die Supplikanten nicht klug werden können. — Sv stehen die Sachen. Und fragt man nun die. aufgeblasenen Söhne der Freiheit, was hieraus werden soll, da sagt der Eine: ,,Was geht'ö mich an?" der Andere: ,,Was geht's nur an?" und auf diese Weise bleibt immer wieder Alles, wie es war, oder es wird wo möglich noch ärger. — Sapieuli sat. — In Sch neidem ü h l wollte neulich die junge Reform-Genossenschaft und die alte Gemeinde sich mit einander wieder vereinigen; aber es ist beim Wollen geblieben. — In Evi u hat sich endlich auch eine sog. Reformgemeinde gebildet. Sie will einen Prediger anstellen, der zugleich Jugendlehrer, sein soll. Die Pädagogik ist aber unfern jungen Theologen bis jetzt eine terra ignota geblieben. — In Rogasen mochten die jüdischen Bewohner der Neustadt gern mit Reformen u. dgl. herausrücken, wenn sie nicht zu feige wären, die Mauer der ,,Rücksichten" zu überspringen. — In Rakel wird durch den 184? gegründeten ,,Kranken-Verpsiegungs-Vereiu" auch in diesem Jahre für die armen Kranken sehr Viel gethan. Der Vereinsvorsteher , Herr S a.l i n g Meyer verdient ganz besonders wegen der unermüdeten Thätigkeit, mit welcher er sich der Sache des Vereins annimmt, rühmlich genannt zu werden. -- Zm Netz-Distrikte sind diesmal weit weniger jüdische Wahlmänner ans dm Wahlurnen hervorqegangen, als im Mar des Jahres 1848. Die Erklärung diesir Erscheinung in unserm nächsten Berichte. — Bei einigen Wahlen sind sogar von Seiten der Aristokratie uudBüreankratie große Beleidigungen gegen die Indem ausgestvßen worden — ä la Kreuz-Zeitung. — SB. , 25. März. Das erwachte parlamentarische Leben im vorigen Jahre führte auch viele unserer Glaubensgenossen auf die Tribüne der Oeffentlichkeit, die durch den an den Tag gelegten wahren patriotischen Eifer für das Gesammtwohl, und durch ihre nicht unbedeutende Rednergabe sich einer allgemeinen Popularität zu erfreuen haben. ' Es wird daher für die Leser des Orients von Interesse sein, alle Namen derjenigen zu erfahren, die bis nun ihren Sitz in deu verschiedenen Kammern Deutschlands inne haben , oder bereits ausgetreten sind. Ich beginne mit der Frankfurter National-Versammlung, und füge außer dem Stand auch die politische Farbe bei, zu der sich jeder Abgeordnete bekennt. Dr. Gabriel Riesscr, (rechtes Ceiittum) fungirte auch als Vice-Präsident der N.-V., bekannt durch seine gediegenen Schriften für die Emaneipation der Juden. , Dr. Veit ans Berlin, Buchhändler (äuß. Rechte). L ev y s o hn, Buchhändler aus Grimberg \ äuß. M. Hartmann aus Böhmen (Dichter) / Linke. Ignaz Kuranda aus Prag (linkes Centrum), ist bereits ausgetreten. Gegenwärtig Redakteur der ^Ostdeutsche» Post". Mitglieder der aufgelösten Preuß. National-Versammlung : Do. med. Johann Iacoby (Äuß. Linke), bekannt durch seine politische Broschüre ,,Die 4 Fragen". Do. med. Pin off ans Breslau \ I. Brill, Buchhändler das.?äuß. Linke. Do. med. Wollheim aus Schlesien' Do. med. Ko sch (linkes Centrum). Mitglieder der jetzigen Preuß. 1. Kammer: Geh. Commerzienrath Beer, Bruder bc§\ Komponisten Meyerbeer,! äuß. Rechte. Rittergutsbesitzer Guradze in Schlesien- Mitglieder der 2. Kammer : Do. mell. I. Jaeo by ) .. De. meä. Woll hei in / au^ m c* Do. med. Ko s ch (linkes Centrum). Mitglieder des aufgelösten österrreich Reichstags: Do. mecl. Adolf F isch h o f, unter dem Ministerium Dobblhvf Ministerialrath (äuß. Linke). Do. med. Josef G o ld m ark (äuß. Linke). Beide Abgeordnete für Wien.- Prediger Mannheimer für Brody^ linkes Rabbiner B. Meisels für Krakau Centrum. Kaufmann Ab. H a l p er n für Stauislau (äuß. Linke). Eine genaue Uebersicht derjenigen Juden, die in Felge der ausgesprochenen Emaneipation öffentliche Staatsämter bekleiden, werde ich in meinem nächsten Berichte nachtragen. B-t.... Leipzig, 26. März. Trotz der Publikation der deutschen Grundrechte lesen wir im hiesigen ,,Tageblatt", in der Ankündigung der ,,Ostermesse" den ölten Zopf-. Passus, daß jüdische Kleiderhändler nur in der letzten Woche feil haben dürfen! Ja, Leipzig ist klein Paris, und bildet seine Leute. Sowohl Adv» Kaim als der Vorsteher Hr. Samson haben Schritte dagegen eingeleitet. Auch wäre es gut, wenn die Meßfremdeu sich geradezu auf die deutschen Grundrechte bezögen.

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