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Der Orient · 1849-03-31 · Heft 13 (31.3.1849) · p. Seite 66

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 13 (31.3.1849)
Date
1849-03-31
Page
Seite 66 (sequence 3)
Language
German
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66 — jenes Gesetzes smd, als bisher die ernst mahnende Stimme der HumanUät gehabt. Leipzig, 18. März. Die „Oppofitionsblätter" bringen folgendes Gedicht: Christ oder Jude. Christ oder Jud'! Wenn nur im warmen Busen Ein Heiligthum der Liebe und der Musen, Wenn nur ein Herz, das seine Brüder liebt, Auch Redlichkeit und Treue übt, Und nur ein treues, ehrlich Blut, Dann ist es eins, Christ oder Jud'! Christ oder Jud'! Ob wir zu Gott, ob zu Jehova flehen, Ob zu der Kirch, oder zur Synagog wir gehen, Wenn nur im Menschen, wir den Mensch erkannt, Dann haben. wir ein gleiches Vaterland, Dann ist es eins, Christ oder Jud'! Christ oder Jud'! Vom Sturm bewegt, die alten Zeiten sanken, Frei wird der Glauben, frei wird der Gedanken, Au welcher Kirche ihr auch Euch bekannt, Als Brüder, Deutsche, reichet Euch die Hand, Dann fließt in uns echt deutsches Blut, Dann ist es eins, Christ oder Jud'! Aus dem Netzdistrikt, im März. (Schluß.) Lassen Sie uns, Hr. Red., nach dieser kurzen Abschweifung noch einmal nach Posen zurückkehren. Der Synagogen-Verband ist so gut wie aufgelöst. Gemeinde- Abgaben werden nicht gezahlt. Die jüd. Armen werden aus der Kommunal-Kaffe unterstützt. Zur einstwei- .ligen Unterhaltung mehrerer jüd. Beaulten und Vereine - (wie z» B. Bikknr Cholim re.) werden freiwillige Beiträge gesammelt, die, wie man hört, bis jetzt sehr reichlich geflossen sein sollen. Wie lange dieser Zustand noch dauern wird, ist vor der Hand noch nicht abzusehen. Man ist wohl bemüht, die Gemeinde-Verhältnisse zu ordnen und sie auf einen andern , bessern Fuß zu bringen; allein der gute Wille Einzelner scheitert an dem Jndiffereutismus der Majorität, eitler Klippe, an welcher schon so manches muthig segelnde Fahrzeug zersplittert worden. — In den übrigen Gemeinden des Großherzogthums sieht's nicht viel besser aus. Kein Verband, der nicht durch die Ereignisse des vorigen Jahres gelockert worden. Die alten Systeme sind erschüttert, man haßt sie, man verachtet sie, man will von ihnen Nichts mehr wissen; aber neue? bessere? ja wo sind sie? — Kommen Sie zu uns und Sie finden Nichts als interimistische Zustände, Nichts als Provisoria. —- Das ist's, was unsere Gemeinden mit unserem deutschen Vaterlande gemein haben. —- Nach den Beschlüssen der neulich in Berlin abge-. haltenen Seminarlehrer-Konferenzen, sollen in den judenreichen Provinzen unserer Monarchie neben den katholischen und protestantischen Seminarien auch jüdische errichtet werden. Werden jene Konferenzbeschlüsse Gesetze, so hat unser Großherzogthum die meiste Hoffnung, eine jüdische Lehrerbildungsanstalt zu erhalten. Aber unsere Juden wünschen dies nicht, sie sind gegen konfessionelle Schranken, — sic wollen ebensowenig nach Konfessionen getrennte Seminarien, als nach Konfessionen getrennte Volksschulen; so wie die letzter» siniultan sein sollen , so sollen es auch die erstern sein. .— Künftig mehr über diese Angelegenheit. W. Frankfurt a. M., 16. März. Es ist bemerkenswerth, daß Ri esse r zum Berichterstatter des Ausschusses für den bekannten Welker'scheu Antrag in Betreff der Uebertragung der deutschen Kaiserwürde an den König von Preußen gewählt wurde. Ein Jude also berichtet über einen Antrag, der die Zukunft Deutschlands entscheidet; ein Jude, vor einem Jahre noch ein Paria! Welche Bestimmung der Vorsehung! Wahrlich Riesser steht höher als der persische Mardechai, der blos zu fasten und in einen Sack sich zu hüllelt verstand. Riesser kämpft und wirkt für uns sein ganzes Leben l Wäre nicht das schöpfte Denkmal für Riesser eine jüdische Fakultät, unter dem Namen ,, Riesser- Fakultät"? Aus Böhmen, 10. März. Die oktroyirte Verfassung Oesterreichs,. hat die Inden mit Jubel erfüllt, da endlich die alten Sklaven in die Reihe der Staatsbürger eingetreten sind. Wir sind emancipirt, sind es durch einen Oktroy; würden die Czechen und Tyroler uns auch unser Recht gegeben haben? /Die Antwort ist sehr zweifelhaft. Die Emaneipation haben, wir übrigens den jüdischen Radikaleil zu danken, da sie der Regierung Respekt vor den Juden eingeftößt haben. — Sollen wir uns aber jetzt ganz apathisch und theilnahmlos in dem politischen Leben verhalten? Dies wäre Eigennutz und Selbstsucht, eine Versündigung am Volke und ein Beweis des Schachergeistes, den man uns zum Vorwürfe macht. Ich rathe nicht zn radikalen Uebergriffen, warne aber auch vor politischer Lethargie, .vor Speichelleckerei und hündischer Unterwürfigkeit, an die der frühere Zustand die Juden gewöhnt hat. Die Juden zeigen sich würdig des Namens: freie Männer! Aus Desterreich, 16. März. Nach §. 1 unserer Grundrechte sind wir endlich allen Konfessionen gleichgestellt. Was wird der Pöbel, der seine Fäuste in Anwendung bringt, zu dieser Gleichstellung sagen? Wenn Austerlitz und P r o ß n itz ln Mähren als Maßstab dienen sollten, so könnte man dem österreichischen Volke kein glänzendes Zengniß ausstcllen; denn an jenen beiden Orten haben bedauerliche Excesse wegen der Emancipation der Juden stattgefunden. Wir haben aber eine bessere Meinung von den Völkern Oesterreichs». Sie werden nicht blos ein Stück Privilegium für sich erobern, sondern gleiches Recht für Alle wollen. Wenn der Adel auf seine Vorrechte verzichten soll, so müssen sich die Herren Christen auch bequemen , den Juden ge-

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