Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 10 (1849)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1849)
- Date
- 1849-03-24
- Page
- Seite 63 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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63 - niemals — wir sagen niemals — hätte vorenthaltcn werden dürfen? Wird die Geschichte nicht einst vor Scham errothcn müssen, wenn sie gezwungen sein wird zu erzählen, Preußen, das intelligente Preußen, habe seine jüdischen Unterthanen erst anno 1848 cmaneipirt, habe sie erst anno 1848 in die Rechte der Staatsbürger eintreten lassen? Wird die Nachwelt nicht in ein lautschallendeS Hohngelächter ausbrechen, wenn sie hören wird, es habe bis zum 5Cn6tud>c des großen Völ^erfrühlings in Preußen noch 200,000 Menschen gegeben, die, weil ihr Glauben der jüdische — nicht von den Pflichten, wohl aber von den Rechten aller übrigen Staatsangehörigen ausgeschlossen gewesen? — Doch wir wollen den Deckmantel der Vergessenheit über die Vergangenheit werfen. Aber Eins noch können wir der judenfeindlichcn Reaktion gegenüber nicht ungesagt lassen. Es ist wahr, der März des vergangenen Jahres hat uns Juden die C'maneipation gebracht. Aber glaubet nicht, daß Die C'maneipation uns erst zu Preußen, zu Deutschen,' zu S ö h n e n u n se r e s B a t e r! a n d e s gemacht. Nein, wir waren's früher; wir waren's, als noch die Last der, aus dem lächerlichen Prineip des „christlichen Staats" hcrvorgegangenen Ausnahmsgesetze uns zu erdrücken drchete; wir waren's trotz der Cichhorn's, die uns als „Fremdlinge betrachtet und trotz Der Thile's, die uns nach Zion gebannt wissen wollten; wir waren auch als „ G e d u l d e t e " unferm preußischen wie unserm deutschen Vaterlande treu ergeben — und auch als „Geknechtete" haben wir nicht nur verstanden, sondern auch innig gefühlt und tief empfunden, was denjenigen, die sich damals uns gegenüber als ,,die Freien" brüsteten und bläheten, noch f e h t t e, um sich mit Recht „die Freien" nennen zu können. Neben unfern Wünschen „als Juden" hatten wir niemals die Wünsche „als Preußen u n d D e u t s ch c " vergessen — mit unserm Streben nach Cmaneipation war $u jeder Zeit .das Streben nach wahrer, ungeteilter Freiheit, eng verbunden. Die herrliche Märzsomie brach hervor. Das deutsche Volk erwachte — unsere Söhne blieben nicht schlafend; — das deutsche Volk, von der äußersten Nothwendigkeit getrieben, bauete Barrikaden — unsere Söhne legten nicht müßig die Hände in den Schooß; das deutsche Volk griff zu den Waffen und stellte sich dem zum Kampfe aufforderden Absolutismus mit muthiger Stirn gegenüber — unser Söhne flohen nicht als Feiglinge davon; Blut floß in Strömen — das unserer Söhne war darunter; die Leichen vieler Freiheitskämpfer bedeckten die Kampfplätze — unser Tribut fehlte nicht zu diesem erhabenen Opfer; das verhaßte alte System ist gestürzt worden — wir haben es stürzen helfen; Freiheit ist errungen worden — wir haben sie erringen Helsen. — Und nun, nachdem wir mit Euch gewünscht und gefordert, mit Euch gestrebt und gearbeitet, mit Euch gekämpft und gerungen, mit Euch Gut und Blut geopfert — nun sagt Ihr, weil uns das vergangene Jahr die Emaneipation gebracht, darum wäre es unsere Schuldigkeit, keine eigene politische Meinung zu haben, sondern wir müßten aus Dankbarkeit für die hohe Gnade so uns geworden, blindlings zu Euren Fahnen schwören, geduldig nach Eurer Pfeife tanzen und — weil Ihr es wollt — mit Euch gegen Alles, was demokratisch aussieht, friedlich auftreten —? — Wahrlich l diese Doktrin ist viel zu pudelnärrisch, als daß man darüber weinen, aber auch viel zu traurig, als daß man darüber lachen sollte. — Geh', schamlose Reaktion und such' dir deine Genossen anderswo; uns aber laß ungeschoren. Wir Haschen eben so wenig nach deiner Gunst, als wir vor deinem Zorn uuS fürchten; dein Hyänenblick kann uns ebensowenig erschrecken, als wir uns von deinen überzuckerten Phrasen je werden fangen lassen. (Beschluß folgt.) Großbritannien. London, 12. Febr. (Nekrolog.) In der Nacht vom 9. d. M. starb Herr Meyer Josephs. Der Verewigte ward am 8. Okt. 1763 geboren und war da,er 86 Jahre alt. Er war aus Königsberg, das er im 13. Jahre verließ, um der damals bestehenden Sitte gemäß, in Berlin das talmudische Collegium (niw) zu besuchen. Sein natürliches Talent und die ausgezeichnete Aufführung verschafften ihm die Gunst des damaligen Oberrabbiuers zu Berlin, Vaters des bekannten Salomon Hirschell, der zu gleicher Zeit Oberrabbiner in Großbritannien war. Doch da er sich nicht allein dem Studium der rabbinischen Literatur gewidmet hatte, sondern auch auf dem Felde der modernen Wissenschaften Kenntnisse sammelte, wurde er bald bei Moses Mendelssohn eingeführt, nach dessen Rath er auch seine Studien einricht^te. Sein gründliches Wissen brachte ihn in Verbindung mit den meisten größten jüdischen Gemeinden, deren Achtung und Anerkennung er genoß. Obgleich in Handelsverbindungen getreten, verhinderte ihn dies doch nicht seine Anhänglichkeit an die hebräische Literatur beizubehalten und immer stand er in lebhafter Korrespondenz mit den größten Gelehrten seiner Zeit, als David Friedländer, dem geistvollen Poeten Salomon Cohen, Isaak Euchel, I. Meir und Anderen. Er schrieb auch öfters in verschiedenen gelehrten Zeitschriften als: NON cra, nbjnn, rc. Seine poetischen Versuche bereicherten die Spalten der englisch-jüdischen Zeitschriften, als Hebrew Reiicw, Yoice of Jacob. Auch unser Journal erfreute sich seiner Beiträge unter seinen Anfangsbuchstaben 'o. Da er einsah, daß die Erziehung der armem Klaffe der Juden vernachlässigt war, so gründete er in Verbindung mit dem verstorbenen Oberrabbiner, Dr. van Oven und Herrn Isaak Levi, die jüdische Frei-